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Julia Ruhs erneuert Kritik an NDR: „Ich bin das Bauernopfer“

Interview

Julia Ruhs: „Ich bin jetzt für diese hohen Herren das Bauernopfer“

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    Vor allem die erste „Klar“-Ausgabe über Ausländerkriminalität, die Julia Ruhs moderierte, wurde als tendenziös kritisiert.
    Vor allem die erste „Klar“-Ausgabe über Ausländerkriminalität, die Julia Ruhs moderierte, wurde als tendenziös kritisiert. Foto: Thomas Eisenkrätzer, dpa

    Frau Ruhs, wie ist es, im Zentrum einer sehr aufgeheizten öffentlichen Debatte zu stehen?

    JULIA RUHS: Anstrengend. Ich hätte nicht erwartet, dass es so eskaliert. Aber das hat sich der NDR auch selbst zuzuschreiben. Immerhin: Der NDR trägt dazu bei, dass sich mein Buch „Links-grüne Meinungsmacht“ sehr gut verkauft. Und zahlreiche Jobangebote habe ich auch bekommen.

    Sie dürfen künftig die BR/NDR-Sendung „Klar“ nicht mehr im NDR präsentieren, im BR schon. Eine genaue Begründung dafür hat der Norddeutsche Rundfunk bis heute nicht geliefert. Was wurde Ihnen gesagt?

    RUHS: Mir hat man durch die Blume gesagt, dass der interne Druck von den eigenen Mitarbeitern gegen mich zu groß gewesen sei. Die sind eben alle recht links. Übrigens: Nicht nur ich werde künftig nicht mehr beim NDR bei „Klar“ dabei sein, sondern mein ganzes Team nicht, samt Chef.

    Die „Welt“ berichtete vom Vorwurf, „Klar“ verbreite mit undifferenzierten Beiträgen rechte Stimmung im Land. In einem offenen Brief hätten sich fast 250 NDR-Mitarbeitende von dem Format distanziert. Ihre Kritiker nennen Sie eine rechte Kulturkämpferin.

    RUHS: Das ist überzogen. Wir haben die Sendung extern auswerten lassen, um eine sachliche Grundlage für eine Entscheidung zu haben, wie es nach den drei Pilotfolgen weitergehen soll. Es wurde auch erhoben, wie ich beim Publikum ankomme – und es kamen Topwerte für mich heraus. Obwohl ich ja noch neu in der Moderatoren-Rolle bin. Der NDR hat sich dennoch gegen mich entschieden.

    Sie haben den NDR-Verantwortlichen vorgeworfen, eingeknickt zu sein. Es habe eine Intrige gegen Sie gegeben – und politische Einflussnahme von SPD und Grünen.

    RUHS: Ja, und das müssen sie beim NDR aushalten. Aber jetzt muss es auch mal wieder gut sein. Ich will mich eigentlich nicht mehr dazu äußern.

    Spitzenleute der Union, darunter Ministerpräsidenten, haben die NDR-Entscheidung kritisiert – und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in seiner jetzigen Form infrage gestellt. Wurde da nicht überreagiert?

    RUHS: Das alles ist etwas verrückt. Aber ich freue mich über jeden, der für mich in die Bresche gesprungen ist. Und jeder scheint nun zu wissen, wer ich bin – sogar Leute, die ich selbst bloß aus dem Fernsehen kenne.

    Arbeiten Sie weiter bei den Öffentlich-Rechtlichen? Beim BR?

    RUHS: Ich habe immer noch den Gedanken, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein Stück weit retten zu wollen.

    Retten?

    RUHS: Indem wir ein Publikum erreichen, das wir längst verloren haben. Das sind Leute, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht mehr nutzen oder nur mit Bauchschmerzen, weil sie ihn für tendenziös halten – also für zu links. Sie haben den Eindruck, dass nicht fair berichtet wird und nicht alle Sichtweisen vorkommen. Sie finden im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ihre Probleme und Fragen nicht gespiegelt. Diesem Eindruck begegnet man auch in der Mitte der Gesellschaft. Einige, die so denken, wenden sich fragwürdigen Medien zu, zu Portalen, auf denen nicht wirklich Journalismus stattfindet, sondern Aktivismus. Ich glaube, unserer Demokratie tut es insgesamt nicht gut, wenn man eine derart zersplitterte Medienlandschaft hat.

    Sie haben bestimmt Jobangebote von rechtspopulistischen Medien wie Nius erhalten.

    RUHS: Ich lasse mich nicht vereinnahmen. Man will mich immer in die rechte Ecke rücken, dabei vertrete ich in meinem Buch oder in meinen Focus-Kolumnen moderate konservative Positionen. Und manchmal auch liberale, zum Beispiel wenn es um das traditionelle Familienbild geht. Da denke ich: Lasst die Leute leben, wie sie wollen! Aus mir wird eine reaktionäre Hassfigur gemacht. Der NDR hat mit mir jemanden rausgeschmissen, dem man politisch gesehen doch nichts nachsagen kann.

    Aber journalistisch wird Ihnen manches „nachgesagt“ ... Gerade die erste Folge von „Klar“ über Migration, in der Sie Ausländerkriminalität thematisierten, wurde vielfach als zu einseitig bemängelt. Haben Sie Fehler gemacht?

    RUHS: Was die Beiträge angeht, nicht. Die haben ja auch viele Abnahmeschleifen durchlaufen. Es wird jetzt so getan, als hätte ich angeblich schlechten Journalismus, also handwerkliche Fehler gemacht. Dabei ist das Quatsch, hinter „Klar“ steckt ja ein ganzes Team. Außerdem: Die Chefredakteure höchstpersönlich und ein Justiziar haben die Sendungen abgenommen! Ich bin jetzt für diese hohen Herren das Bauernopfer, um wieder Ruhe in ihren Sender zu kriegen. Wir haben uns sicher nicht angreifbarer gemacht, als das bei einer „Monitor“-Folge oder einer Folge von „Reschke Fernsehen“ der Fall ist. Jede Sendung hat ihre Zielgruppe – nicht alles muss allen gefallen.

    Keine Fehler?

    RUHS: Wir hätten vielleicht unsere Social-Media-Beiträge akribischer planen sollen.

    Ihr Buch hat den Titel: „Links-grüne Meinungsmacht. Die Spaltung unseres Landes“. Unter anderem die Wahl- und Umfrageergebnisse der AfD künden jedoch von einem deutlichen Rechtsruck. Wer spaltet denn nun?

    RUHS: Beide Seiten! Was aber meiner Meinung nach zu selten benannt wird, ist, dass Linke spalten. Etwa, indem sie selbst moderaten konservativen Stimmen – wie mir und dem Format „Klar“ – vorwerfen, rechtspopulistisch zu sein. Es reicht schon, die Wörter „Migration“ und „Kriminalität“ in einem Satz zu nennen! Darüber kann ich nur den Kopf schütteln, das ist Realitätsverweigerung. Das Problem ist: Es wird nur noch in den Kategorien Freund und Feind gedacht. Es fehlen die Differenzierungen.

    Genau das ist allerdings der Vorwurf an Sie: Sie hätten eben zu undifferenziert über Migration berichtet.

    RUHS: Mir wurde sogar unterstellt, ich würde mich zwar moderat äußern, in mir schlummere aber versteckt der Rechtsextremismus – und es sei mein wahres Ziel, diesem durch meine moderaten konservativen Äußerungen den Weg ebnen zu wollen. Das ist völlig absurd! Mir wird das Böseste unterstellt, das es gibt – und mir einfach nicht abgenommen, dass es mir wichtig ist, auch andere Seiten aufzeigen zu wollen. Es muss um Argumente gehen!

    Zur Person

    Julia Ruhs, 31, ist bei Ludwigsburg in Baden-Württemberg geboren und aufgewachsen. Sie hat in Passau, Rom und Regensburg Demokratie- und Kommunikationswissenschaft studiert. Ihr Buch „Links-grüne Meinungsmacht: Die Spaltung unseres Landes“ ist im Langen Müller Verlag erschienen (208 Seiten, 20 Euro).

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