Dass Baschar al-Assad als Herrscher frei von Skrupeln war, ist bekannt. Doch wie sich der frühere syrische Diktator nach 24 Jahren Herrschaft am Morgen des 8. Dezembers 2024 aus dem Staub gemacht hat, wurde auch von Anhängern als würdelos empfunden. Selbst enge Mitglieder seiner Familie oder der Clique an der Spitze des Regimes ahnten nichts von der minutiös geplanten Flucht. Kurz nachdem er seine Armee noch zum Kampf gegen den Vormarsch der islamistischen Miliz HTS aufgefordert hatte, setzte sich der Peiniger seines eigenen Volkes mit dem Flugzeug nach Moskau ab.
Die Welt schaute – je nach Blickwinkel – fassungslos oder fasziniert auf den lautlosen Zusammenbruch der Schreckensherrschaft. Viele Syrerinnen und Syrer feierten auf den Straßen – andere, die Assad unterstützt hatten, fürchteten die Rache der Sieger. Die Gefängnisse und Folterkeller öffneten sich, doch bis heute sind rund 140.000 Menschen verschwunden.
Experten der Konrad-Adenauer-Stiftung zeichnen ein differenziertes Bild
Wie sieht es ein Jahr später in dem Land aus, das von 13 Jahren Bürgerkrieg gezeichnet ist? Nach einer Syrien-Reise zeichnen Experten der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) ein Bild mit viel Schatten, aber auch helleren Farbtönen. „In Damaskus versuchen die Leute, an kleinen Straßenständen etwas zu verkaufen, um ein bisschen Geld zu verdienen. Da spürt man viel Elan“, hat Cristina Baade, Leiterin des KAS-Auslandsbüros im Libanon, das auch für Syrien zuständig ist, beobachtet. Gleichzeitig seien die „Angst in den Köpfen der Menschen nach 50 Jahren Diktatur“ und die Unsicherheit, „wie man mit der neuen Freiheit umgehen“ solle, allgegenwärtig.
Die Schwierigkeiten für Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa sind gewaltig. Teile des Landes liegen in Schutt und Asche, rund 70 Prozent der Bevölkerung sind auf Hilfe angewiesen, die Arbeitslosigkeit ist exorbitant. Sie wird nur noch durch die Wohnungsnot überboten, die durch rund drei Millionen Rückkehrer, die nach UN-Schätzungen aus dem In- und Ausland in ihre Heimatregionen zurückgekehrt sind, verschärft wird.
Die Weltbank taxiert die Kosten für den Wiederaufbau mit 216 Milliarden Dollar
„Die Ungeduld unter jungen Leuten wächst“, hat der Leiter der Abteilung Naher Osten und Nordafrika der KAS, Thomas Volk, vor Ort erlebt. In einer Analyse der Weltbank wird eine Summe von 216 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau veranschlagt. „Aus Katar, Saudi-Arabien und der Türkei fließen bereits Gelder“, sagt Baade. Während die Europäer sich noch zurückhalten, scheinen die USA auf al-Scharaa zu setzen. Zwar sind die Sanktionen aufgehoben, doch vieles, wie der Zugang zum internationalen Bankensystem, funktioniert noch nicht richtig. Die Regierung scheint auf ein kapitalistisches Wirtschaftssystem zu setzen – Subventionen, beispielsweise für Strom, wurden gekürzt. Mit der Folge, dass er für viele Syrer unerschwinglich geworden ist.
Nicht nur in Syrien, sondern auch international steht Übergangspräsident al-Scharaa im Fokus. Thomas Volk hat ihn als im Gespräch aufgeschlossen und „zugewandt“ erlebt. Doch kann ausgerechnet der Mann, der bis 2024 noch als international gesuchter Terrorist gelistet wurde, das Land in eine positive Zukunft führen? Der Experte hat den Eindruck, dass der stets gut gekleidete al-Scharaa, der sogar schon von US-Präsident Donald Trump empfangen wurde, eine eher nationalistische Richtung einschlägt. Die Frage ist, wie lange er akzeptieren kann, dass seine Regierung keine Kontrolle über die von Kurden oder Drusen dominierten Landesteile hat. Verliert er die Geduld, drohen neue militärische Konflikte.
Alarmierende Gewaltexzesse gegen Minderheiten
Alarmierend waren die Gewaltexzesse im März gegen die Alawiten in der Küstenregion, an denen nach übereinstimmenden Berichten auch HTS-Milizen verwickelt waren. Die islamistischen Kämpfer bilden das Rückgrat der Regierungstruppen. Gewaltausbrüche gab es auch im Juli gegen die Religionsgruppe der Drusen. Als „tickende Zeitbombe“ gelten die rund 25.000 früheren IS-Kämpfer im Land. Zudem wurden blutige Attentate gegen Christen im Westen mit Entsetzen registriert. Erhebliche Zweifel daran, ob al-Scharaa tatsächlich ein offenes Land schaffen kann oder will, in dem Minderheiten geschützt sind, sind keinesfalls ausgeräumt – zumal die Scharia nun wieder gültige Rechtsnorm ist.
„Klar ist, dass es ohne Aufarbeitung der Assad-Verbrechen nicht gehen wird“, sagt Volk. Bestätigt wird der Experte durch aktuelle Recherchen des NDR: Danach dokumentiert ein neu entdeckter Datensatz mit 70.000 Fotos grausame Menschenrechtsverletzungen in den Gefängnissen mit mehr als 10.000 Toten. Das ganze Ausmaß der Verbrechen liegt noch im Dunkeln.
Und Baschar al-Assad? Der „Schlächter von Syrien“ lebt in Moskau unter dem Schutz des Präsidenten Wladimir Putin in einem Luxusappartement – allerdings streng überwacht vom russischen Geheimdienst. Ein schwacher Trost für seine Opfer und deren Angehörige.
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