Früher, als nicht alles besser, aber einiges anders war, hatte es die Gesellschaft beim Thema Wehrpflicht vergleichsweise leicht. Von den jungen Männern gingen die einen zum Bund. Die anderen machten Zivildienst. Wiederum andere wurden sogenannte Totalverweigerer; diese Fälle waren so selten, dass die Lokalzeitungen breit über das Ereignis berichteten. Frauen mussten sich keine Gedanken über einen Dienst an der Waffe machen. Es war also alles geregelt. 2011 wurde die Wehrpflicht ausgesetzt, 2022 marschierten die Russen in die Ukraine ein – und seitdem ist sie wieder ein Thema. Geregelt ist jedoch gar nichts.
Während schnell anlief und das Gerät für einen möglichen Krieg weitgehend bereitsteht, fehlt es an Menschen, die sie bedienen und versorgen. Mindestens 60.000 Soldatinnen und Soldaten bräuchte es nach Einschätzung des Verteidigungsministeriums zusätzlich, um auf eine Truppenstärke von rund einer viertel Million zu kommen. In Kombination mit einer ähnlich hohen Zahl an Reservisten soll das demnach ausreichen, um den Russen oder wem auch immer eine Armee mit hoher Abschreckungskraft präsentieren zu können.
Nato-Experten warnen: Deutschland geht die Zeit aus
Die Debatte über den Weg dahin ist nervenraubend zäh. Sie zerfasert, wird mit verschiedenen Ideologien belastet. Die einen wiegen Waffen gegen Hunger auf, andere hegen Allmachtsphantasien, viele können sich nur jeweils eines vorstellen: einen Wehr- oder einen Freiwilligendienst.
Deutschland hat jedoch offenbar nicht viel Zeit, um zu einer Entscheidung zu kommen. Nato-Experten warnen, dass Russland bereits 2029 in der Lage sein könnte, das westliche Militärbündnis anzugreifen. Wenn Politik und Gesellschaft ihr Schneckentempo in der Wehrpflichtdebatte beibehalten, dann wird die Bundesrepublik bis dahin niemals eine Truppe zur Verfügung haben, die irgendjemandem Angst macht.
Freiwilligkeit wäre ein schöner Zustand, ist aber nicht praktikabel
Deutsche Mütter und Väter müssen sich vor diesem Hintergrund – wie Eltern in Frankreich, den USA es jetzt schon tun – mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass ihre Kinder womöglich in Zukunft ins Gefecht ausrücken. Dazu gehört außerdem das ehrliche Eingeständnis, dass Freiwilligkeit ein schöner Zustand wäre, aber nicht praktikabel ist. Ohne eine Wehrpflicht sind die angestrebten Zahlen nicht zu erreichen.
Es hätte eine andere Marschrichtung geben können: Deutschland rüstet nicht auf und verlässt sich weiter auf den Schutz der Alliierten. Wenn es nun Konsens ist, dass dieses Land wieder kriegstüchtig sein soll, dann gehören dazu leider auch die bitteren Konsequenzen.
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