Herr Professor Kießling, Sie haben sich über eine lange Zeitspanne intensiv mit dem ersten Kanzler der Bundesrepublik befasst. Entwickelten sich bei Ihren Recherchen zu der Biografie „Adenauer. Dreieinhalb Leben“ eine emotionale Beziehung zu dem Objekt Ihrer Forschung?
FRIEDRICH KIESSLING: Ja, ich würde sagen, das bleibt nicht aus. Bei so einer langen Beschäftigung taucht die Frage auf, ob man Sympathie entwickelt. Bei mir gab es tatsächlich ein paar Punkte, bei denen ich vielleicht nicht Sympathie, aber doch Wertschätzung gegenüber Adenauer empfunden habe - und zwar auch mehr, als ich vorher hatte. Er hat als Kanzler viele grundsätzliche Entscheidungen getroffen und umgesetzt. Das hat mir Respekt abgenötigt.
Die Union machte 1957 Wahlkampf mit dem Slogan „Keine Experimente“. Sie hingegen zeichnen das Bild eines Politikers, der oft risiko- und experimentierfreudig agierte.
KIESSLING: Dieser Wahlkampfslogan hat funktioniert. Gleichzeitig aber steht er eben nicht für die Politik Adenauers in der frühen Bundesrepublik. Denn der Kanzler und seine Regierung haben eine ganze Reihe von sehr riskanten Entscheidungen getroffen, bei denen große Widerstände überwunden werden mussten. Häufig war auch nicht klar, ob das gelingt. Insofern war es eine Politik mit vielen Experimenten.
Als zwiespältig gilt Adenauers Verhältnis zu den Medien.
KIESSLING: Das ist ein Punkt, der die Grenzen von Adenauers Demokratieverständnis markiert. Er hatte Schwierigkeiten, mit einem starken, lauten Pluralismus umzugehen. Deswegen auch seine Versuche, Teile des Medien-Systems der Bundesrepublik in seinem Sinne in den Griff zu bekommen. An diesem Beispiel ist ein begrenzter Pluralismus bei Adenauer zu spüren, der übrigens aber auch typisch für diese Zeit war.
Adenauer wird aktuell in einer Zeit der weltweiten Machtverschiebungen und Konflikte für seinen Pragmatismus gerühmt. Er sah ein Übel der Politik darin, „Wunschdenken“ zum Maßstab des Handelns zu machen. Ist das nicht erstaunlich aktuell?
KIESSLING: Es gibt eine ganze Reihe von aktuellen Bezügen, wenn wir auf die Themen schauen, die Adenauer als Kanzler bearbeitet hat. Es ging zum Beispiel um die nukleare Bewaffnung der Bundesrepublik oder um den Umbau des Sozialstaates, der in den 50er Jahren vollzogen wurde. Es ging auch darum, Beziehungen zur Sowjetunion überhaupt wieder aufzubauen - mit einem verfeindeten Staat, mit dem man bis dahin nicht gesprochen hatte. Interessant ist für mich der Vollzug von Politik. Zumal wir heute den Eindruck haben, dass die Politik oft gelähmt ist.
Adenauer litt im Dritten Reich unter Nazi-Repressionen, vermied aber in seiner Kanzlerschaft einen harten Kurs gegen frühere NSDAP-Mitglieder bei den Behörden oder der Justiz und zählte auch schwer belastete Personen zu seinen engen Beratern. War das Pragmatismus oder purer Opportunismus?
KIESSLING: Wir haben vorhin über Sympathie gesprochen. Es gibt natürlich auch unsympathische Züge Adenauers. Dazu gehört sicher der Aspekt, dass er mit an erster Stelle dafür gesorgt hat, dass ganz viele belastete Beamte eine zweite Karriere in der Bundesrepublik starten konnten. Das war Pragmatismus. Es war aber auch politisches Kalkül, weil es Adenauer auch darum ging, Beamte wieder in Amt und Würden zu bringen, die seiner Politik näher standen als zum Beispiel der SPD. Die frühe deutsche Bürokratie und Verwaltung in der Besatzungszeit war zu einem erheblichen Teil von Sozialdemokraten geprägt - das wollte Adenauer wieder verändern. Und da standen natürlich diejenigen bereit, die belastet waren, aber seine Politik potenziell unterstützten.
Politische Gegner hat Adenauer mitunter sehr hart bekämpft.
KIESSLING: Und das hat er mit einer gewissen Skrupellosigkeit betrieben. Die SPD hat er nach 1945 häufig nicht als politischen Gegner, sondern ausdrücklich als politischen Feind bezeichnet. Aber er konnte auch sehr brutal gegen Politiker in seiner eigenen Partei sein.
Gleichzeitig hatte Adenauer auch Visionen, wie die Schaffung eines europäischen Verteidigungsbündnisses. Damit scheiterte er. Eine verpasste Chance mit Blick auf die Gegenwart?
KIESSLING: Die 50er und 60er Jahre waren die Hochzeit des Kalten Krieges. Politiker wie Adenauer, aber natürlich auch andere, haben damals eine militärische Bedrohung wahrgenommen, sie sahen eine Kriegsgefahr. Vor diesem Hintergrund ist versucht worden, ganz am Anfang der europäischen Integration ein echtes Verteidigungsbündnis - die Europäische Verteidigungsgemeinschaft - zu schaffen. Adenauer hat auch später, nachdem dieses Projekt gescheitert war und die Bundesrepublik zur Nato gehörte, immer wieder versucht, europäische Sicherheit herzustellen. Schließlich hat er den Amerikanern nie ganz getraut, dass sie das Sicherheitsversprechen im Zweifelsfall halten würden.
Als Kanzler verfolgte Adenauer Ziele wie die Wiederbewaffnung, die Westbindung oder die Einleitung der deutsch-französischen Aussöhnung hartnäckig. Fehlt diese Zielstrebigkeit heute oder war Politik damals - wie zuletzt der amtierende Kanzler Friedrich Merz anmerkte - schlicht einfacher?
KIESSLING: Ich bin mir nicht sicher, ob Politik damals einfacher war. Das ist ein falsches Bild. Wenn man sich anschaut, gegen welche Widerstände die Bundesregierung in den 50er und 60er Jahren ankämpfen musste, fühlt man sich an heute erinnert. Ein Beispiel: das Wiedergutmachungsabkommen mit Israel. 1953 wurde es nur ratifiziert, weil die SPD geschlossen für das Abkommen gestimmt hat - ein großer Teil der Regierungsfraktion votierte dagegen. Das sind Dinge, die wir auch heute wieder sehen. Gerade weil es auch damals große Widerstände gab, sollte man genau hinschauen, wie trotzdem eine konstruktive Politik gemacht werden konnte.
Friedrich Kießling, 56, lehrt als Historiker an der Universität in Bonn. Sein aktuelles Buch „Adenauer. Dreieinhalb Leben. Biografie.“ ist 2025 in München bei dtv erschienen 2025, 543 Seiten.
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