Jede Tragödie hat ihre Gesichter. Oft traurige, furchtsame, manchmal zornige, Gesichter von Menschen, in die Geschichten geschrieben stehen, von Schmerz, Angst und Verzweiflung, von Umbrüchen und Umstürzen. Manchmal erzählt aber auch ein fröhliches Gesicht von Trauer und Tod, so wie in diesem Fall. Rubina Aminian lacht in die Kamera, die blond gefärbten Haare fallen ihr in die Stirn, sie trägt roten Lippenstift. Das Foto auf der Nachrichtenplattform X zeigt eine junge Frau voller Lebenslust, voller Pläne. Die 23-jährige Studentin wollte Modedesignerin werden. Doch ihre Geschichte endete am Abend des 8. Januar. Sie starb in Teheran durch einen Schuss in den Hinterkopf.
Aminians Familie durfte Rubina nicht auf dem Friedhof in ihrer zentraliranischen Heimatstadt Kermanschah beisetzen, sondern musste sie am Straßenrand verscharren, berichtet die iranische Exil-Menschenrechtsgruppe IHR. Damit wollen die iranischen Behörden verhindern, dass die Gesamtzahl der Opfer ermittelt werden kann. „Sagt der Welt, dass das Regime das Land in einen Friedhof verwandelt, wenn sie nichts tut“, zitierte Amnesty International einen iranischen Journalisten.
Einsatzkräfte schossen unbewaffneten Demonstranten in den Rücken
Das Regime im Iran schlug in den vergangenen Tagen mit so viel Brutalität zu, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. IHR zählte allein vom 8. bis zum 12. Januar 3500 Todesopfer. Wegen der landesweiten Internet-Sperre sei es schwierig, die Zahl der Toten seit Beginn der Demonstrationen am 28. Dezember zusammenzutragen, erklärte die Organisation. Noch nie seit einem Massaker an mindestens 5000 Häftlingen im Jahr 1988 hat die Islamische Republik so viele Gegner während einer Protestwelle getötet. „Was ich höre, sind Berichte von Tod und Zerstörung überall und vom Schock über das Ausmaß der Brutalität des Regimes“, sagte der Iran-Experte Arash Azizi von der Universität Yale in den USA unserer Redaktion. Menschenrechtler und Augenzeugen berichten von Polizisten und Revolutionsgarden, die in Demonstrationszüge feuerten und Scharfschützen, die von Dächern aus gezielt Menschen töteten. In einigen Fällen hätten die Einsatzkräfte fliehenden und unbewaffneten Demonstranten in den Rücken geschossen, berichtete Amnesty International. „Unser ganzes Stadtviertel riecht nach Blut, so viele Menschen haben sie getötet“, sagte ein Iraner dem persischen Dienst der BBC.
Die iranische Führung indes tut so, als habe es nur einen kleinen Betriebsunfall gegeben. Sein Land habe eine „dreitägige Terror-Operation“ im Auftrag Israels erlebt, sagt Außenminister Abbas Araghchi – dabei dauerten die Proteste zwei Wochen und wurden von Iranern aus allen Bevölkerungsschichten getragen. Hinrichtungen werde es – anders als zunächst zu hören war – keine geben, versicherte der Minister im amerikanischen Fernsehsender Fox. Araghchis Versprechen ist Teil eines Deals der iranischen Führung mit US-Präsident Donald Trump, der seinerseits nun zumindest vorerst auf die angedrohten Luftangriffe verzichtet. Doch es brodelt weiter im Iran, auch wenn ein Militärschlag vorerst vom Tisch zu sein scheint. Wie lange kann sich das Mullah-Regime noch halten?
Die ganze Welt blickt auf den Iran – und auf einen möglichen Militärschlag
Farhad Payar findet kaum Schlaf in diesen Tagen. Der Mitgründer und frühere Redaktionsleiter des Online-Magazins Iran Journal schaut nächtelang Videos von den Protesten im Iran und versucht, Kontakt aufzunehmen zu Freunden und Verwandten in seiner Heimat, die er 1980 verlassen hat. „Seit Dienstag kann man aus dem Iran über das Festnetz zu sündhaft teuren Preisen wieder international telefonieren. Allerdings haben die Iranerinnen und Iraner nach der Abschaltung des Internets kaum die Übersicht über die Geschehnisse in ihrem Land. Sie wissen meist nur, was in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft geschieht, und sind begierig, zu erfahren, was im Ausland bekannt ist“, sagt der Diplom-Politikwissenschaftler, der in Berlin als Journalist, Theaterregisseur und Schauspieler lebt.
Das Ausland, die ganze Welt blickte in den vergangenen Tagen auf den Iran - und auf einen möglichen Militärschlag. Mit dem Verzicht auf Hinrichtungen öffnete das Land dann eine Tür für Trump: Der US-Präsident konnte seine mehrmaligen öffentlichen Drohungen mit Luftangriffen zurücknehmen, nachdem wichtige arabische Staaten und Berater wie Vizepräsident JD Vance davon abgeraten hatten. Damit entgeht das iranische Regime neuen Bombardements, die den Fortbestand der Islamischen Republik bedroht hätten. Trump betonte zwar, er werde die Entwicklung weiter verfolgen, doch allen Beteiligten ist klar, dass das Regime vorerst aus dem Schneider ist. Auch, wenn es offenbar knapp war. Möglicherweise haben die USA geplante Angriffe erst im letzten Moment abgebrochen. US-Militärangehörige wurden am Mittwoch in Sicherheit gebracht. Dann wurde der Luftraum über dem Iran gesperrt. Radarbilder zeigten, dass keine Zivilflüge mehr über dem Land unterwegs waren, gleichzeitig stiegen Tankflugzeuge von der US-Luftwaffenbasis in Katar in die Luft, wie Bild unter Berufung auf Flugdaten-Dienste berichtet.
Trump blies den angedrohten Angriff auf den Iran ab
Doch Trump blies den angedrohten Angriff ab. „Das Töten hat aufgehört, und Hinrichtungen finden nicht statt“, sagte der US-Präsident unter Berufung auf „sehr wichtige Quellen“ aus dem Iran. Außenminister Araghchi sagte, die Verantwortung für die vielen Todesopfer liege bei pro-israelischen „Terroristen“, die Polizisten und Demonstranten erschossen hätten, um eine US-Intervention zu provozieren. Die iranische Justiz, die für Mittwoch die Hinrichtung des 26-jährigen Demonstranten Erfan Soltani angekündigt hatte, erklärte jetzt, Soltani sei wegen Vergehen angeklagt, für die der Galgen nicht vorgesehen sei.
In einem mit Großbuchstaben durchsetzten Schwall an Posts in den sozialen Medien hatte Trump zuvor den Regimegegnern im Iran Beistand angekündigt. Sie gipfelten in dem Versprechen: „Hilfe ist auf dem Weg.“ Zeitgleich stoppte das Pentagon den Evakuierungsbefehl für Personal auf der Luftwaffenbasis Al Udeid in Katar. Auch die Alarmbereitschaft für Langstreckenbomber in den USA, die für mögliche Folgeschläge bereitstanden, soll ausgesetzt worden sein. Sind Militärschläge damit wirklich abgesagt oder könnte es Teil der sogenannten FAFO-Taktik sein, die den Gegner im Ungewissen lässt? Seit der Militäraktion gegen Venezuela ist die Abkürzung FAFO in aller Munde. Sie steht für „Fuck Around and Find Out“, was so viel heißt wie „Du wirst schon sehen, was Du davon hast“. Es ist eine Taktik, mit der Trump droht. Zuletzt eben dem iranischen Regime.
Doch es blieb bei einer Drohung. Vor der Einigung hatte Araghchi mit Trumps Berater Steve Witkoff gesprochen. Zudem vermittelte das Sultanat Oman: Außenminister Badr al-Busaidi verhandelte in Teheran mit Araghchi und Präsident Massud Peseschkian; Oman hatte schon in früheren Krisen zwischen dem Iran und den USA als Vermittler gedient. Nach Bekanntwerden der Einigung fielen die Ölpreise, die in Erwartung einer Eskalation in den vergangenen Tagen angezogen hatten.
Die iranische Opposition empfindet den Deal als Hohn
Die iranische Opposition empfindet den Deal als Hohn. „Die Enttäuschung ist sehr groß“, sagt die deutsch-iranische Aktivistin Daniela Sepehri, die viele Kontakte im Iran hat. „Die Menschen im Iran wurden von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen“, sagte Sepehri unserer Redaktion. Statt Hilfe für die Opposition habe es nur Ankündigungen gegeben.
Analysten halten die Möglichkeiten Trumps ohnehin für begrenzt. Der Präsident hatte mit militärischer Intervention gedroht, ohne vorher Streitkräfte positioniert zu haben. Im Gegenteil: Die USA haben sogar Truppen abgezogen. So verfügen die Amerikaner seit der Abkommandierung der USS Gerald R. Ford in die Karibik im Oktober über keinen Flugzeugträger mehr im Nahen Osten. Luftschläge müssten von US-Stützpunkten in der Region ausgehen. Die Alternative wäre der Einsatz von Langstreckenbombern wie bei dem Angriff auf die unterirdischen Atomanlage in Fordow im Juni.
Die USA könnten auch einen direkten Angriff auf Ajatollah Ali Chamenei erwägen
Mögliche Ziele umfassen Irans Atomprogramm und ballistische Raketenstationen. Wahrscheinlicher scheinen jedoch Cyberangriffe oder Schläge gegen den inländischen Sicherheitsapparat, der tödliche Gewalt gegen Demonstranten einsetzt. Die USA könnten auch einen direkten Angriff auf Ajatollah Ali Chamenei erwägen. Falls die Gewalt im Iran in einen größeren militärischen Konflikt eskaliert, gibt es keine schnelle Option für die USA, einen Flugzeugträger zum Schutz für amerikanisches Personal und Einrichtungen in die Region zurückzubeordern. Zudem ist unklar, ob der Vorrat an Flugabwehrraketen groß genug ist, um einer groß angelegten, längeren Serie von Gegenschlägen standzuhalten.
Die Massenproteste im Iran sind vorerst verstummt. Während viele Menschen im Land versuchen, das Geschehene zu verarbeiten, wächst die Furcht vor dem, was noch kommen könnte. „Wut und Schock sind immer noch da“, meint der in den USA lebende Aktivist Navid Mohebbi. Die Gründe für den Protest – wachsende Armut und Perspektivlosigkeit – seien nicht plötzlich verschwunden. „Das Spiel ist noch nicht vorbei“, schrieb Mohebbi auf X. „2026 ist ein entscheidendes Jahr.“
Politikwissenschaftler Payar kann kaum einschätzen, ob die Hardliner um Revolutionsführer Ali Chamenei die Situation mit Hilfe der Revolutionsgarden wieder unter Kontrolle haben. Unglücklich macht ihn, dass es der heterogenen Opposition auch diesmal nicht gelungen ist, ihren Kampf mit einem nach innen für die Iraner, aber auch für das Ausland klaren Konzept für die Zukunft in den Konflikt zu ziehen. „Zynisch könnte man sagen, dass die Islamische Republik die glücklichste Diktatur der Erde ist, weil sie es mit einer solchen Opposition zu tun hat“, sagt Payar. Im Gegensatz dazu habe Ayatollah Chomeini sich Ende der 70er Jahre bei seiner erfolgreich von Frankreich aus gesteuerten islamischen Revolution blind auf seine Anhänger im Iran verlassen können.
Der Opposition fehlt ein charismatischer Führer
Tatsächlich umfasst die heutige Opposition Anhänger des Schah-Sohns Reza Pahlavi, die Volksmujahedin, eine ganze Reihe von republikanisch gesinnten sowie ethnischen Gruppen. Zwischen, aber auch unter diesen verschiedenen Strömungen gibt es Uneinigkeit und Konflikte. Ein charismatischer Führer fehlt.
„Unter den Pahlavi-Anhängern gibt es Befürworter einer Monarchie, einer konstitutionellen Monarchie, aber auch einer parlamentarischen Demokratie. Einige Akteure aus Pahlavis Umfeld drohen politischen Gegnern mit dem Tod. Was kann man unter diesen Vorzeichen erwarten?“, fragt Payar.
Was würde ein Luftschlag aus den USA auslösen?
Kann Hilfe aus dem Ausland, ein Luftschlag aus den USA etwa, Rettung bringen? „Möglich, dass ein Eingreifen Washingtons die Gegner des Regimes ermutigen würde. Möglich ist aber auch, dass die Revolutionsgarden dann noch rücksichtsloser gegen Oppositionelle wüten würden“, fürchtet Payar. In Sicherheit kann sich Chamenei nach Ansicht des Experten jedoch nicht wiegen: „Es ist immer noch denkbar, dass sich die Opposition vereint und endlich effektiver agiert. Gleichzeitig ist es mit Chamenei vorbei, wenn die Revolutionsgarden ihm die Unterstützung entziehen. Die Frage ist, was dann passiert.“
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