Selbst Merkels alter Rivale Friedrich Merz macht jetzt ein freundliches Gesicht, wenn er die Altkanzlerin begrüßt. „Liebe Angela, herzlich willkommen in Stuttgart“, sagte er in seiner Eröffnungsrede auf dem CDU-Parteitag und strahlt. Ein Teil der versammelten CDU-Gemeinde erhebt sich und spendet Beifall. Merkel ist zurück im Schoße ihrer Partei, mit der sie am Ende ihrer langen Kanzlerschaft fremdelte und die sie nach dem Abschied von der Macht mehrere Jahre mied.
Über Jahre pflegten Merz und Merkel eine innige Abneigung gegeneinander, die von der männlichen Kränkung genährt wurde, dass ihn einst eine Frau aus dem Osten vom Fraktionsvorsitz verdrängt hatte. Das war im Jahr 2002 und der Beginn von Merkels Aufstieg zur mächtigsten Frau des Landes und des Kontinents. 16 Jahre führte sie schließlich als Kanzlerin das Land.
Und hätte sie sich wieder zur Wahl gestellt, dann hätte sie mit einiger Sicherheit gegen ihren Nachfolger Olaf Scholz (SPD) gewonnen. Merkel war immer beliebter als ihre Partei, viele Wähler haben ihretwegen ihr Kreuz bei der CDU gemacht, obwohl sie politisch nicht konservativ tickten.
Mutti Merkel wird es richten
Sie fühlten sich bei ihr gut aufgehoben in dem Gefühl, dass Merkel sich ernsthaft und gewissenhaft um das Land kümmern werde. „Sie kennen mich“, war ihr berühmtester Wahlkampfspruch. Der Spitzname Mutti kam nicht von ungefähr. Es war unvorstellbar, dass sie in einen Korruptionsskandal verwickelt sein könnte oder sich nach dem Ende ihrer Kanzlerschaft mit fragwürdigen Beraterverträgen die Taschen füllt.
Der große Auftritt, die große Entourage, die große Rede entsprachen nicht ihrem Charakter. Und mit diesem Charakter stand und steht sie für das Gegenteil, was einen gehörigen Teil der Deutschen an Politikern stört. Kurzum: Ihre persönliche Integrität war hoch.
Auch unter Merkel galt schon, was heute gilt: Krise ist immer. Sie hatte es mit der Weltfinanzkrise, der Eurokrise, der Flüchtlingskrise und der Corona-Pandemie zu tun. Doch es bestanden einige Fundamente, die dieses Land trugen: Nach den Schröder-Reformen erlebte die deutsche Wirtschaft zehn goldene Jahre. Die Industrie lief und Arbeitslosigkeit hatte ihren Schrecken verloren.
Amerika garantierte für die Sicherheit Europas, wenngleich Trumps erste Präsidentschaft einen Vorgeschmack auf die neue Weltordnung bot. Wladimir Putin lieferte günstiges Gas nach Deutschland und China kaufte deutsche Autos und Maschinen. Es ist die Sehnsucht nach der größeren Verlässlichkeit dieser Zeit vor der Zeitenwende, gepaart mit dem hohen Ansehen der Kanzlerin, die sie und ihre Kanzlerschaft in ein mildes Licht tauchen.
Der große Fehler der Angela Merkel
Doch war Merkel nicht nur ein guter Mensch, sondern auch eine gute Politikerin? Daran gibt es große Zweifel: Gut gehändelt hat sie die Finanz- und die Eurokrise (zumindest aus deutscher Sicht). In der Flüchtlingskrise hat sie hingegen bewusst auf staatliches Handeln verzichtet. Kontrollverlust. Er hat diese Gesellschaft aufgeraut und zur großen Gereiztheit geführt, die in den Corona-Jahren die Härte in den Streit um die Seuchenpolitik brachte. Der Aufstieg der AfD ist ein Produkt des merkelschen Kardinalfehlers.
Weitere erhebliche kommen hinzu: Die Digitalisierung – völlig verschlafen. Die Armee – kampfunfähig gespart. Wehrpflicht – ausgesetzt. Atomkraft – überstürzt ausgestiegen. Mit Alternativlosigkeit hat Merkel ihre Politik wiederholt begründet. Die Rückschau zeigt, dass es bessere Alternativen gegeben hätte. Die haltlosen Spekulationen über eine Rückkehr Merkels als Bundespräsidentin entspringen der sanften Verzerrung der Erinnerung. Mutti bleibt Mutti. Auf die großen Fragen der Zeit wollte sie keine Antwort geben, als sie regierte. Warum sollte sie jetzt die richtige geben können?
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