Marco Rubio hat ein freundliches Antlitz. Der US-Außenminister ist 54, aber wenn er lächelt, kann er wirken, wie ein Junge, dem man gerade ein Twix geschenkt hat. Rubio steht also am Samstagmorgen auf der Bühne des Bayerischen Hofes und knipst immer mal wieder dieses Lächeln an. Und er sagt vor den hochmögenden Gästen der Münchner Sicherheitskonferenz immer wieder Sätze, die sehr freundlich anmuten. Der vielleicht putzigste davon lautet: „Wir werden immer ein Kind Europas bleiben.“
Gemeint sind die USA. Die nicht mehr ganz so Vereinigten Staaten von Amerika, die gerade wieder von Donald Trump regiert werden. Der ist bekanntlich jedweder inneren und äußeren Bübchenhaftigkeit unverdächtig. Was man allzu leicht vergessen kann, wenn man seinen Abgesandten Rubio so reden hört.
Eine „Zeit der Monster“?
Es gibt diesen Satz, der gerade besonders gut in die Zeitläufte zu passen scheint. Er ist immer wieder zu lesen und zu hören, und er wird dem italienischen Philosophen Antonio Gramsci zugeschrieben. Er lautet: „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster“.
Wer dabei als Monster erscheint, liegt immer im Auge des Betrachters. Fest steht aber: Der russische Angriffskrieg in der Ukraine geht in sein fünftes Jahr. Der Kreml macht imperialistische Außenpolitik, die USA tun es. Und China tut es auch, allerdings leiser. Und die Europäer, die ganz besonders an Rubios Lippen hängen, die sind der schwerfällige Gernegroß in dieser Monster-Welt, die sich gerade neu gebiert. Zutiefst verunsichert, zu selten geeint, zu langsam, um spürbar aufzuholen.
Münchner Sicherheitskonferenz 2026: Kein JD-Vance-Sound in Marco Rubios Rede
Auch deshalb hatte Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner über Wochen penibel vorbereiteten Grundsatzrede den Geist der europäischen Einheit beschworen. Er hatte den Amerikanern zwar einerseits klare Kante gezeigt, aber andererseits nichts weniger als ein rund erneuertes transatlantisches Bündnis vorgeschlagen. Wohl wissend, dass es ohne amerikanische Atombomben nicht sehr weit um Europas Sicherheit bestellt ist. Allerdings nicht so genau wissend, wie Rubio darauf antworten würde. Würde er einen so verstörenden Auftritt hinlegen wie JD Vance im vergangenen Jahr?
Konziliant und charmierend ist Rubio im Ton, nicht in der Sache
Rubio hält dann eine Rede, die konziliant und charmierend im Ton ist, aber in der Sache seinem Boss im Weißen Haus doch ziemlich gefallen muss. Er sagt, man könne die sogenannte globale Ordnung nicht länger über die Interessen „unserer Menschen und Nationen stellen“. Er verteidigt den Regimewechsel in Venezuela und den angedrohten Überfall auf Grönland, die knallharte Ausweisepraxis der Trumpschen Migrationspolitik, er kritisiert die Beschränkungen westlicher Klimapolitik, während der Rest weiter fossile Energien nutze (und vor allem verkaufe).
Zugleich reicht er den Europäern die Hand – wenn auch mit festem Händedruck. Das klingt dann so: „Wir wollen starke und stolze Verbündete, wir wollen nicht Verbündete, die den Niedergang verwalten.“ Die USA wollten kein Bündnis, das „in Angst erstarrt“. Die USA, so sagt es Rubio, wollten ein „Europa, das in der Lage ist, sich selbst zu verteidigen, und das den Willen hat zu überleben.“
Wolfang Ischinger hört auf der MSC 2026 einen „Seufzer der Erleichterung“
Das ist kein JD-Vance-Sound, aber die danach einsetzenden Deutungsversuche, was den republikanischen Teil der US-Delegation betrifft, müssen verhalten bleiben. Die Kurzfassung: Die Trump-Leute, allem voran Außenminister Rubio klingen in München freundlicher als im vergangenen Jahr. Sie nutzen die Stichwörter, auf die Deutsche und Europäer gewartet haben, sie erinnern an den gemeinsamen Sieg über den Kommunismus, an die gemeinsame Geschichte, beschwören die Einigkeit des Westens. Im Kern aber hat sich nichts geändert. Mit einem Kontinent, der Millionen Flüchtlinge aufnimmt, Klimaschutz zum Staatsziel erhebt und globale Regeln hochhält, kann Trump-Amerika weniger anfangen. Es gibt zwar Grund für den „Seufzer der Erleichterung“, den Konferenzchef Wolfgang Ischinger ausmacht. Inhaltlich aber hat sich wenig geändert. Die USA setzen auf die Sprache der Macht, gut, wenn Europa sich anschließt. Und wenn nicht? Dann eben alleine.
Zu der anderen neuen Welt, die vielleicht ab den Zwischenwahlen im November allmählich auch entstehen könnte, gehören die US-Demokraten, die in München massiv präsent sind. Man trifft sie auf den Podien, wie den Star der Parteilinken, Alexandria Ocasio-Cortez. Sie gilt als mindestens so ambitioniert auf die Nachfolge Trumps wie der smarte kalifornische Gouverneur Gavin Newsom. In ihn rennt man zufällig am Eingang zum Prachthotel und hat sofort eine Menschentraube um sich. Newsom ist ein Freund sehr klarer Worte und kritisiert Trump, ein „Präsident wie eine Abrissbirne“, auf das Schärfste: „Donald Trump repräsentiert nicht die Vereinigten Staaten von Amerika“, ist Newsom sich sicher. Der sei ein imperialer Präsident, der das 19. Jahrhundert wieder erschaffen wolle, der „unamerikanischste zu meiner Lebenszeit“. Bei den Zwischenwahlen würde er „zerquetscht“ werden. Newsom bekämpft Feuer gern mit Feuer.
Auch republikanische Mitglieder der US-Delegation distanzieren sich von Trump
Es gibt aber auch Republikaner, die sich vom Präsidenten distanzieren: Thom Tillis, Senator aus North Carolina, der mit Vizekanzler Lars Klingbeil im schmucken Königsaal zum Frühstück verabredet ist, findet deutliche Worte gegen Trumps Handelsagenda. Klar, er gehört zu Trumps Partei, aber er hat auch in der Wirtschaft gearbeitet, er weiß, dass Zölle und Unsicherheit Gift für die Wirtschaft sind, auch die der USA.
Und die Europäer? Versuchen, sich in der verfahrenen Lage irgendwie einzurichten. Lars Klingbeil, so ist zu hören, machte Tillis und einigen anderen recht deutlich, dass sich Deutschland die Einmischung in innenpolitische Angelegenheiten, die ganze Unterstützung für die AfD verbittet. Dass Bundeskanzler Merz Unternehmer trifft, statt die Rede von US-Außenminister Rubio persönlich im Saal anzuhören, hat für ein wenig Stirnrunzeln unter Diplomaten gesorgt, andererseits traf Merz Rubio schon am Freitag in kleinerer Runde. Das Zeug zum Eklat hat das also nicht.
Die Münchner Siko 2026 ist auch ein enger Basar – mit ganz unterschiedlichen Interessen
In der Welt, die untergeht und zugleich neu entsteht, verdichtet sich das Geschehen unterdessen wieder monströs in den eigentlich gar nicht so engen Hotelgängen. Aber die Siko, wie alle immer nur sagen, ist restlos ausgebucht. Hier kommt just Bernd Lange im Durchgang vorbei, Sozialdemokrat und Chef des Handelsausschusses im Europaparlament, einer, der in Trumps Zollkrieg in der ersten Reihe steht. Lange – ganz der Großkoalitionär – hat lobende Worte für die Rede von Friedrich Merz am Vortag. Dann schieben sich Kameraleute hinter ihm her. Kurz darauf schlendert Sebastian Kurz vorbei. Österreichs ehemaliger Kanzler droht dummerweise just an diesem Tag seine Stimme zu verlieren, reicht aber rasch die Visitenkarte mit QR-Code und Handynummer: „Dream Group, Tel Aviv, Abu Dhabi, Vienna“ steht darauf. Die Siko bleibt auch eine riesige Kontaktbörse für ehemalige Politiker und Geschäftsleute.
Und sie ist der Ort der Exklusivität. Nur ein paar Dutzend Gäste sind zugelassen, wenn es in den Nebenräumen um die Themen gehen soll, die die Welt gerade bewegen. Vor der Tür braucht es spitze Ellbogen, um überhaupt einen Platz zu bekommen. Die teuren Anzüge und edlen Kleider werden nicht geschont, wenn es darum geht, dabei zu sein. Nur vor einem Raum drängt keiner, drückt keiner. Drinnen sprechen gerade David Miliband und Mirjana Spoljaric Egger, er Präsident des „International Rescue Committee“, sie Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuzes. Eine Zuschauerin spitzt durch die Tür, lässt ihren Blick schweifen. „Enttäuschend“, sagt sie, die leeren Plätze vor Augen, und macht die Tür von außen zu. Es geht um Hilfsgelder und Entwicklungshilfe - Themen, die in der Welt der „Monster“ keinen Platz mehr haben. Dabei ist der Befund so traurig wie wahr: „Das Geld ist nötig, um das Versagen der Politik auszugleichen“, sagt Miliband, der in seinem früheren Leben britischer Außenminister war. Menschenrechte seien verhandelbar geworden. Doppelt so viele Konflikte wie noch vor 15 Jahren zählt Egger, viermal mehr als vor 30 Jahren. Das Zeitalter der Straflosigkeit sei längst angebrochen.
Und dann kommt der ukrainische Präsident Selensky in München auf die Bühne
Wo sich das seit Jahren wie unter einem Vergrößerungsglas zeigt, ist in der Ukraine. Auf der Hauptbühne, im Ballsaal des Bayerischen Hofs, steht am Samstagmittag deshalb auch wieder Wolodymyr Selenskyj. Der ukrainische Präsident wirbt – nicht für Geld für die Ärmsten, sondern um weitere Unterstützung seines Landes. Es gibt stehende Ovationen für den kleinen Mann ganz in Schwarz. Auf dem großen Bildschirm zeigt er Bilder, die das Ausmaß der russischen Drohnenangriffe belegen. „In manchen Nächten sind da 500 Angriffsdrohnen“, sagt er. Die Ukraine schieße 90 Prozent davon ab. Aber eben nicht alle. Er präsentiert die Zahl „eliminierter Russen“ (30.000 Menschen im Januar) wie Manager Gewinne und Verluste in einem Powerpoint-Vortrag. Selenskyjs Botschaft ist klar: Die Ukraine hält Putin von Europa fern und fügt ihm grauenhafte Verluste zu. „Können Sie sich Putin ohne Krieg vorstellen?“, fragt Selenskyj. „Er sieht sich als Zar, aber er ist ein Sklave des Krieges.“ Es ist ein Krieg, an dessen Ausgang sich entscheidet, in welcher Welt die Europäer künftig leben werden.
Am Vorabend der Siko hat es im Schauspielhaus eine restlos ausverkaufte Soirée gegeben. Der Abend läuft unter dem Titel „Verteidigung der Freiheit“. Es moderiert Ex-Vizekanzler Robert Habeck. Auf dem Podium sitzen die Zukunftsforscherin Florence Gaub, der Aufsichtsratsvorsitzende von Airbus, Rene Obermann, und Maximilian Wied, CFO von Arx Robotics, ein Startup, das unbemannte Gefährte baut, mit denen sich Drohnen abschießen lassen. Sie beliefern die Ukraine. Und sind in Sachen Agilität vielleicht all das, was Europa gerade nicht ist.
Habeck zitiert an dem Abend nicht nur Gramsci. Er sagt auch einen Satz, der die Richtung vorgeben könnte angesichts der Haltung des Kontinents, der ein wenig wie das Kaninchen vor der Schlange erstarrt: „Wir müssen als Kaninchen in den Kampfmodus kommen.“ Marco Rubio würde nicht widersprechen.
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