Wo genau liegt eigentlich Europa? Sieht man sich Karten von jener geographischen Zone an, die wir heute Europa nennen, fällt auf, wie stark sich dieser Kontinent wandelte, seine Umrisse, aber auch seine Züge sich änderten, wie ein Gesicht, das mit der Zeit andere Konturen und ein anderes Mienenspiel herausbildet, wächst, reift und altert.
Als ich klein war, reichte das Europa des westdeutschen Fernsehens lediglich bis knapp hinter Wien. Die unterschiedliche Sättigung der Farben machte klar, was dazugehörte und was abfiel. Auf der berühmten Karte zweier jüdischer mallorquinischen Kartographen, Avram und dessen Sohn Jehuda Cresques, sind die Küsten rund um das Mittelmeer übersät mit Städtenamen, während das Landesinnere leer ist wie eine terra incognita. Haben es die beiden im Jahr 1375 nicht besser gewusst? Vielleicht wussten sie es sogar besser als wir: Das Landesinnere war nicht unbekannt, es war lediglich uninteressant für eine Seefahrernation.
Europa: Raum für Projektionen
Was Europa ausmacht, was wir darin sehen, hat immer auch mit dem zu tun, was uns bedeutend erscheint. Europa ist ein geographischer Raum, ein Kontinent oder vielmehr Subkontinent, den wir aus kulturellen, politischen und historischen Gründen gewohnt sind, als eigenständigen Kontinent zu begreifen. Es ist aber auch ein Raum für Projektionen, für Ideen und Entwicklungen, geliebt und verteufelt, mal strahlend, mal düster, geschichtlich oft gewalttätig, gegenwärtig im Versuch, als Friedensprojekt den wenig friedlichen geopolitischen Verschiebungen zu trotzen. Europa ist nicht zuletzt auch das, was eine spezifische Identität ausmacht – oder vielleicht doch eher Identitäten?
Wenn wir so darauf blicken, finden wir Europa in Augsburg und Avignon, aber auch in Antalya und Al-Qusair, mindestens in dem All-Inclusive-Hotel am Strand, in dem sich britische, niederländische und deutsche Touristen die besten Sonnenliegen am Pool streitig machen. Etwas davon liegt in New York, wo die Leute gern spazieren gehen, und etwas fand ich in einem Büro in Burundi, in dem ich vor Jahren zu Besuch war und plötzlich alles so europäisch fand: Die Art, wie die Dokumentenablage geordnet war, wie die Textmarker auf dem Schreibtisch lagen, wie mir die Hand gegeben und Kaffee angeboten wurde.
Hunde bellen, Kirchenglocken läuten, Kinder spielen draußen
Der Dichter Hans Magnus Enzensberger meinte einmal, Europa könne man hören und riechen. Man höre Hunde bellen, Kirchenglocken läuten und Kinder draußen spielen. In Europa kann man jedenfalls die Kirche im Dorf lassen, und zwar sowohl auf Kreta als auch in Bayern, in Sevilla und in Vilnius. Selbst in längst atheistisch geprägten Gegenden steht die Kirche noch immer da, markiert ein Zentrum, um das herum sich das Leben, die Struktur des Dorfs, des Stadtteils oder der Stadt anordnet.
Liegt Europa also in der Kirche, selbst wenn kaum noch jemand hingeht? Fraglos hat das Christentum in Europas Entwicklung eine zentrale Rolle gespielt, nicht nur in Glaubensfragen, sondern mindestens ebenso in Verwaltung, Recht und dem Verhältnis von weltlicher und religiöser Macht. Ohne den Streit zwischen Papst und König, der im elften Jahrhundert seinen Höhepunkt im Bittgang von Heinrich IV. nach Canossa fand, hätte sich jene spezifische Ausdifferenzierung von Machtsphären wohl nicht entwickelt, die wir heute noch in der Gewaltenteilung finden.
Nächstenliebe als „unique selling point“?
Das christliche Erbe auf Werte oder gar Religionszugehörigkeit zu beschränken, greift viel zu kurz, vernachlässigt die Einflüsse des Islam etwa in Al Andalus und die jüdischen Linien, die immer wieder von Vertreibung und Pogromen bedroht waren, und geht mitunter sogar fehl, wenn etwa Nächstenliebe als unique selling point angepriesen wird – Jesus selbst verweist ja damit auf die jüdische Tora, und natürlich hat auch die dritte abrahamitische Religion, der Islam, Nächstenliebe im Programm. Die Fernstenliebe wäre schon eher christliches Alleinstellungsmerkmal, aber ob Europa darin wirklich so gut ist?
Die mallorquinische Kartographenschule jedenfalls fand ihr Ende, als 1492 die Reyes catolicos die Juden aus Spanien vertrieben. Wahrlich kein Einzelfall von Hass und Ausgrenzung. Auch unsere heutige europäische Identität, jene der Nachkriegszeit, ist vor dem Hintergrund der düsteren Seite Europas gewachsen, aus der Erfahrung der beiden Weltkriege, und konturiert sich durch die Erinnerung daran. Katastrophenschattengewächs, so nannte es Peter Sloterdijk.
Man einigte sich hinter Umständen, die sich auf keinen Fall wiederholen sollten
Meist werden Heldengeschichten und Triumphe als Gründungsmythen erzählt. Hier eint sich ein Verbund von Staaten und Menschen hinter einer Erfahrung, die sich unter keinen Umständen wiederholen soll. Das ist eine ungewöhnliche Identitätsstiftung, auch deshalb, weil es keine einheitliche europäische Rolle in diesen Kriegen gab: Frankreich und Großbritannien gehörten 1945 zu den alliierten Siegermächten, Deutschland war Verlierer, der nie dagewesene Menschheitsverbrechen zu verantworten hatte. Aber selbst Frankreich teilte sich noch auf in Kollaborateure des Naziregimes und dessen Gegner.
„Das Wichtige an der europäischen Kultur sind nicht nur ihre Schlüsselideen (Christentum, Humanismus, Vernunft, Wissenschaft), sondern die Tatsache, dass alle diese Ideen auch Gegensätze haben“, schrieb der französische Philosoph Edgar Morin. Das ist so wahr wie fatal. Die Pendelbewegung zwischen hellen Idealen und dunklen Schatten Europas erzählt bis heute davon: Von Unterdrückung im Namen des Christentums, von Wissenschaften im Dienste der Vernichtung, von Menschenrechten in den Sonntagsreden und ihrer Missachtung an den europäischen Grenzen des Alltags.
Versuche, sich selbst aus der eigenen Biografie heraus zu verstehen
Auch die Erinnerungskultur hat ihre Gegenbewegung. Es gibt den Wunsch, die Naziverbrechen zu einer kleinen, ja nebensächlichen Episode der ansonsten gloriosen deutschen Geschichte zu machen, es gibt die Rehabilitierung des Franquismus in Spanien, des Erbes Mussolinis in Italien. Fragen nach der eigenen Identität sind immer auch ein Versuch, sich selbst aus der eigenen Biografie heraus zu verstehen, und das meint im Falle Europas aus der Geschichte. Darum ist Erinnerung so umkämpft. Erinnerung überhaupt wach zu halten, bleibt aber zwingend notwendig, um jene friedenssichernden Innovationen, die das Europa der Nachkriegszeit geschaffen hat, nicht selbstverständlich zu nehmen und mit einem Achselzucken wieder zu verlieren.
Natürlich erwuchsen aus den Abgründen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht nur europäische, sondern auch globale Projekte wie die UNO, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Genfer Flüchtlingskonvention. Aber gerade in Europa ziehen die historischen Fäden sich bis heute besonders stark durch: Die Abkehr von Nationalismen, die Verpflichtung auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, eine historisch gewachsene Verantwortung gegenüber Schutzbedürftigen, auch wenn diese realpolitisch allzu oft scheitert. Ein sich erinnernder Kontinent ist ein lernender, und ein lernender ist einer, der sich wandelt. Wieder einmal. Wer lernt, verharrt nicht im Stillstand, seine Züge frieren nicht ein.
Warum die Europäisierung von Kompetenzen so notwendig ist
Eine funktionale Einheit allein hält eine Staatengemeinschaft nicht ausreichend zusammen, wenn sie unter Druck gerät. Das ist ja die Krux, die aktuell kaum zu übersehen ist: Je schwächer Europa wahrgenommen wird, desto weniger attraktiv erscheint es auf der politischen und wirtschaftlichen Ebene, nationale Kompetenzen an die europäische Gemeinschaft abzugeben. Neuralgischer Punkt: Sicherheitsinteressen, das schrumpfende FCAS-Projekt als Beispiel. Gerade die Europäisierung von Kompetenzen wäre aber nötig, um ein starkes Europa zu schaffen, das die eigenen Kräfte bündelt und so auf der globalen Bühne auch künftig bestehen kann.
Trotzdem gibt es etwas, das diesen Kontinent – zumindest noch – zusammenhält. Dieses Etwas ist mehr als ein administratives Konstrukt, eine Freihandelszone, ein Katalog an Vorschriften über Glühbirnen und Gurkenkrümmungen. Es ist Lebensgefühl, Geschichte und Zukunftsblick, es ist Identität. Die kann man nicht verordnen und man kann sie nicht so leicht abgrenzen wie ein Gebiet, mit einem Schutzwall, einer Stadtmauer, einem Grenzstein. Ließe sie sich kartographieren, gäbe es vermutlich so viele Darstellungen wie Einwohner Europas.
Es hängt daran, wie sehr wir selbst Europa leben
In ihrer ganzen Widersprüchlichkeit und Heterogenität kann sie uns aber vor allem nicht egal sein. Blicken wir auf die Welt, auf die neue hegemoniale Großmannssucht, Missachtung des Völkerrechts, erstarkenden Autoritarismus, Abkehr von demokratischen Prinzipien, wird klar, wie sehr wir dieses lernende Europa brauchen. Ob auch hier die Fliehkräfte überhand nehmen, ob Europa zersplittern wird und von größeren Einflusssphären aufgesogen oder ob dieser Kontinent, dieser Raum für Ideen und Hoffnungen weiterhin Zukunft hat, wird sich nicht zuletzt daran entscheiden, wie sehr wir selbst Europa leben.
Zur Person
Nora Bossong ist eine deutsche Schriftstellerin und Publizistin. Zuletzt erschien von ihr „Reichskanzlerplatz“ (Suhrkamp). Die 44-Jährige moderiert am Donnerstagabend den Europa-Salon, zu dem die Augsburger Allgemeine gemeinsam mit der Hertie-Stiftung in einer Sonder-Edition von AZ Live empfängt. 18.30 Uhr, Kleinen Goldener Saal, Augsburg (Jesuitengasse 12).
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