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Stasi-Unterlagenbehörde: Was von der DDR-Überwachung bleibt

Stasi-Unterlagenbehörde

Was von der DDR-Überwachung bleibt

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    Regale mit Stasi-Akten: Bei der Unterlagen-Behörde stapeln sich die Anträge auf Akteneinsicht. Am 17. Juni wird sie ans Bundesarchiv angegliedert.
    Regale mit Stasi-Akten: Bei der Unterlagen-Behörde stapeln sich die Anträge auf Akteneinsicht. Am 17. Juni wird sie ans Bundesarchiv angegliedert. Foto: Gero Breloer/Archiv, dpa

    Wer an der Station Magdalenenstraße aussteigt, elf Haltestellen vom Brandenburger Tor entfernt, könnte meinen, er wäre nicht mit der U-Bahnline 5 gekommen, sondern mit der Zeitmaschine. Plattenbauten ragen hoch in den Himmel, sozialistische Einheitsarchitektur aus der untergegangenen DDR prägt Lichtenberg im Berliner Osten.

    Bewohner der hippen Hauptstadt-Kieze verirren sich selten hierher, für sie steht der Bezirk eben für hässliche Betonklötze, Überalterung und Verfall. Immobilienmakler sagen: Lichtenberg gehört zu den Teilen Berlins, deren volles Potenzial sich erst zu entfalten beginnt.

    An diesem Vormittag im Juni knallt die Sonne schon heiß auf den Asphalt. Am Tisch vor dem Café Sammbuca, das sich wirklich so schreibt, lässt sich ein kahlrasierter Mann im ärmellosen Hemd zum halb leeren Bier noch einen Schnaps servieren. Ein paar Stühle weiter sitzt eine ältere Frau mit schütterem Haar, die ein knallblaues T-Shirt mit aufgedrucktem Hammer und Zirkel trägt, den Insignien des selbst ernannten Arbeiter- und Bauernstaats: Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall blüht sie noch, die Verklärung der DDR als angebliches Paradies der kleinen Leute.

    Auf dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale hatte die Hauptverwaltung Aufklärung HVA, zuständig für Auslandspionage, ihren Sitz.
    Auf dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale hatte die Hauptverwaltung Aufklärung HVA, zuständig für Auslandspionage, ihren Sitz. Foto: Annette Riedl, dpa

    Nur wenige Schritte weiter finden sich viele Millionen Belege dafür, wie jener Staat seine Bürger mit einem riesigen Apparat überwacht und bespitzelt und seine Kritiker gnadenlos verfolgt hat. Das Zentrum der früheren Unterdrückungsmaschinerie liegt in einem ausgedehnten Straßengeviert zwischen Normannenstraße und Magdalenenstraße. Hier hatte das Ministerium für Staatssicherheit, kurz MfS, seinen Sitz, bis aufgebrachte Bürger das Gelände besetzten und der „Stasi“ das Handwerk legten.

    Ende der Stasi-Unterlagenbehörde am 17. Juni - sie wird Teil des Bundesarchivs

    Seither steht das grau-beige Ensemble aus Gebäuden verschiedener Baustile des vergangenen Jahrhunderts im Zeichen der Aufarbeitung des DDR-Unrechts. „Hier und in unseren zwölf Außenstellellen lagert auf 111 Regalkilometern, was das Spitzelsystem an Dokumenten hinterlassen hat. Überwachungsprotokolle, Berichte von Inoffiziellen Mitarbeitern, die heimlich ihre Mitmenschen ausforschten, oft Freunde oder sogar Angehörige. Karteikarten, Fotos, Film- und Tonaufnahmen“, erklärt Stephan Wolf. Zeugnisse von Verrat und Niedertracht, aber auch von Zivilcourage und Mut, betont der 59-Jährige.

    Wolf ist ein Veteran der Stasi-Unterlagenbehörde, die am 17. Juni aufhört, als eigenständiges Organ zu existieren. Sie wird dann Teil des Bundesarchivs, wie es der Bundestag beschlossen hat. Und ist dann ebenfalls Geschichte. Wie die DDR.

    Das Datum ist kein Zufall. Am 17. Juni 1953 schlug die Sowjetarmee in der DDR einen antistalinistischen Aufstand gewaltsam nieder. Dabei starben 34 Demonstranten oder Zuschauer sowie fünf Angehörige der Sicherheitsorgane, erklärt Wolf, der für zwei Regalkilometer zuständige Sachgebietsleiter. „Das drei Jahre zuvor gegründete MfS hatte die Unruhen nicht kommen sehen und damit aus Sicht des Politbüros versagt.“ In der Folge wurde der Überwachungsapparat massiv ausgebaut, spätestens nach dem Mauerbau 1961 richtete er sich vor allem gegen die eigene Bevölkerung.

    Sachgebietsleiter Stephan Wolf auf dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg.
    Sachgebietsleiter Stephan Wolf auf dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg. Foto: Bernhard Junginger

    Als einer von wenigen der bundesweit rund 1300 Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde ist Wolf schon seit deren Anfängen dabei. Als es 1989 in der DDR gewaltig rumorte, suchte der damalige Theologiestudent nach einer Möglichkeit, den Wandel, den er so herbeisehnte, mitzugestalten. Ein Mitstudent wies ihm den Weg. David Gill, der einmal Büroleiter von Bundespräsident Joachim Gauck und deutscher Generalkonsul in New York werden sollte, leitete ab Frühjahr 1990 das Bürgerkomitee zur Auflösung des Hauptquartiers der Stasi, die DDR-weit rund 90.000 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigte.

    Er holte Wolf an Bord, mit dem Auftrag, Dokumente und Inventar zu sichern. Es waren unsichere Zeiten. Die Macht der SED-Diktatur war gebrochen, doch die Wiedervereinigung noch nicht beschlossen. In den Gebäuden hielten sich Stasi-Kader auf, die mehr oder weniger heimlich Akten beiseite schafften oder vernichteten.

    Den Mitgliedern der Bürgerbewegung gelang es in den folgenden Monaten, Bestände wichtiger Unterlagen sicherzustellen. Akten, die geschreddert oder zerrissen waren, konnten teils wiederhergestellt werden. Die Arbeit dauert bis heute an.

    Ex-Bürgerrechtlerin Evelyn Zupke soll sich künftig um Opfer der SED-Diktatur kümmern

    Nach der Wiedervereinigung regelte das Stasi-Unterlagengesetz, dass Betroffene ihre Akten einsehen können. Nach dem Bundesarchivgesetz wäre eine Nutzung erst nach 30 Jahren möglich gewesen. Die Behörde wurde erst von Joachim Gauck, dann von Marianne Birthler und zuletzt von Roland Jahn geleitet, der nun in den Ruhestand geht. Das Amt eines eigenständigen Stasi-Unterlagenbeauftragten existiert künftig nicht mehr. Dafür wird es eine beim Bundestag angesiedelte Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur geben. Vor wenigen Tagen einigte sich die Große Koalition darauf, wer das Amt übernimmt: Evelyn Zupke, 1962 auf Rügen geborene Ex-Bürgerrechtlerin.

    Roland Jahn, der als Dissident und Oppositioneller selbst in DDR- Haft saß, erklärte in seinem letzten Rechenschaftsbericht, dass seine Behörde seit ihrer Gründung 1990 rund 7,3 Millionen Anträge auf Akteneinsicht bearbeitet hat. Hauptsächlich verlangten Betroffene Auskunft, aber auch Behörden oder Medien. 56.000 Anträge gab es noch im Jahr 2019, im vergangenen Jahr fiel die Zahl auf 37.000, was wohl hauptsächlich mit der Corona-Pandemie zu tun hat.

    Roland Jahn ist der letzte Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Er soll am 17. Juni verabschiedet werden.
    Roland Jahn ist der letzte Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Er soll am 17. Juni verabschiedet werden. Foto: Kay Nietfeld, dpa

    Weil Stephan Wolf nach Meinung seiner Kollegen über das nötige Fingerspitzengefühl verfügt, wurden ihm in den ersten Jahren oft „die ganz heftigen Fälle“ übertragen. „Da war die Frau, die in meinem Büro zusammengeklappt ist, als sie die Stimme ihres Vaters auf Tonband hörte. Er war wegen Spionage hingerichtet worden, als sie noch ein Kind war“, erinnert er sich.

    Nicht vergessen hat er auch den Fall eines Bauern, der Funktionär der Block-Partei CDU war, was durchaus erlaubt war. Als in seinem Ort immer mehr Menschen die herrschende Einheitspartei SED verließen und in die CDU eintraten, rächte sich das System, so Wolf: „Er wurde ins Gefängnis gesteckt, dort gnadenlos schikaniert, seelisch gebrochen. Später konnte er in den Westen fliehen. Als er viele Jahre später die Protokolle las, brachen die alten, verdrängten Verletzungen wieder auf“, erzählt er.

    Wolf machte es sich zur Gewohnheit, Antragsteller vor der Einsicht in ihre Akten anzurufen, um sie auf das vorzubereiten, was sie erwartet. „Da habe ich dann schon mal geraten, nicht mit dem Auto zu kommen. Manche waren hinterher viel zu aufgelöst, um selbst nach Hause zu fahren“.

    Auch Stephan Wolf hat eine Stasi-Akte: „Christen wie ich galten für diesen Staat als verloren"

    In ihrer überwältigenden Gesamtheit zeigen die Stasi-Unterlagen das Bild eines übergriffigen, totalitären Staates, der seinen Bürgern zutiefst misstraut. Der Telefone verwanzt und in allen nur denkbaren Lebensbereichen seine Spitzel platziert. Der gegen missliebige Bürger mit einer riesigen Palette von Maßnahmen der „Zersetzung“ vorgeht. Dazu gehören fingierte Anklagen oder Wohnungseinbrüche, bei denen bewusst Gegenstände umgestellt werden – um die Bewohner zu verunsichern.

    Dass auch er selbst eine Stasi-Akte hat, überraschte den gebürtigen Sachsen Wolf nicht. Sein Vater war Mitarbeiter der evangelischen Kirche und verachtete den Sozialismus. „Christen wie ich galten für diesen Staat als verloren, viele berufliche Wege waren versperrt, studieren durfte ich nur Theologie“, sagt Wolf. Als überzeugter Pazifist lehnte er als junger Erwachsener den Dienst an der Waffe ab, doch die Möglichkeit, den Wehrdienst zu verweigern, gab es in der DDR nicht. Die SED-Diktatur wollte ihre Sicherheit zugleich nicht langhaarigen Friedensbewegten anvertrauen. Wolf wurde also „Bausoldat“, der der Nationalen Volksarmee nicht mit dem Sturmgewehr, sondern mit dem Spaten zu dienen hatte.

    In dieser Zeit schrieb er einen Brief an Staatschef Erich Honecker, in dem er forderte, dass keine sowjetischen Atomraketen auf dem Gebiet der DDR stationiert werden dürften. Seine Stasi-Akte widmet dem Vorgang gleich mehrere Seiten. Solche Eingaben waren zwar nicht grundsätzlich verboten, es gab jedoch die Anweisung, dass sie von Armeeangehörigen verhindert werden sollen. „Dass war in meinem Fall nicht gelungen, und dafür mussten sich meine Vorgesetzten wohl peinlich rechtfertigen“, sagt Wolf. Für ihn blieb die Sache folgenlos. Christen seien umfassend überwacht worden, die Kirche habe aber auch einen gewissen Schutz vor Verfolgung geboten: „Das Regime wollte ja nach außen den Schein wahren.“

    Stasi-Agenten als Nachbarn: Noch heute wohnen viele ehemalige Offiziere in Berlin

    Als Stephan Wolf ab Mitte der 90er Jahre im ganzen Bundesgebiet Ausstellungen über die Stasi betreute, mischten sich auch ehemalige Agenten unters Publikum. Manchmal kam es zum Gespräch. Ein hoher Offizier von einst hätte wohl gern Fehler entdeckt, musste jedoch zähneknirschend eingestehen: „Sie beschreiben unseren Arbeitsalltag absolut korrekt, nur mit Worten, die wir so nie verwendet hätten.“ Noch immer wohnten viele ehemalige Stasi-Leute in der Gegend, manchmal erkenne er sie an einer bestimmte Tasche, erzählt Wolf: ein schlankes Modell aus grünem Segeltuch, von der Stasi verwendet für besonders wichtige Akten.

    Über die Jahre hat sich Wolf die Denk- und Arbeitsweise der Agenten immer tiefer erschlossen. „Die sind ja nicht gekommen und haben gesagt: Guten Tag, ich bin von der Stasi und möchte, dass Sie ihre Angehörigen, Freunde und Kollegen bespitzeln.“ Das sei viel subtiler gelaufen: „Die konnten schmeicheln, dem Gegenüber ein Gefühl von Bedeutung und Wertschätzung geben. Für jeden eine eigene Strategie, psychologisch hoch geschickt.“ Geld oder Erpressung hätten dagegen bei der Anwerbung kaum eine Rolle gespielt. Nach mehr als drei Jahrzehnten Studium der Stasi-Akten wundere ihn manchmal, „wie viele DDR-Bürger sich nicht breitschlagen ließen und dem Werben widerstanden haben“, sagt Wolf.

    Evelyn Zupke ist künftig Bundesbeauftragte für die SED-Opfer. Sie soll sich nach der Auflösung der Stasi-Unterlagen-Behörde um die Belange von Opfern kümmern.
    Evelyn Zupke ist künftig Bundesbeauftragte für die SED-Opfer. Sie soll sich nach der Auflösung der Stasi-Unterlagen-Behörde um die Belange von Opfern kümmern. Foto: Michael Kappeler, dpa

    Wie es jetzt weitergeht mit der Stasi-Unterlagenbehörde? Auch unter dem neuen organisatorischen Dach des Bundesarchivs werden in Lichtenberg die Stasi-Hinterlassenschaften zugänglich bleiben, die Aufarbeitung wird weitergehen.

    „Unser Rechtsstaat hat den Auftrag, den Menschen zu helfen, die in der DDR Unrecht erlitten haben“, sagt Wolf. In vielen Fällen gehe es heute um Entschädigungen, um Opferrenten oder Lücken bei der normalen Rente. Wenn Menschen jahrelang unschuldig im Gefängnis saßen, wird diese Zeit nicht für die Rente angerechnet. Es sei denn, das Urteil wird aufgehoben – und dazu sind oft die Stasi-Unterlagen der Schlüssel. Auch als Mahnmal gegen eine Idealisierung der DDR, wie sie etwa von der Linkspartei betrieben werde, bleibe die einstige Geheimdienstzentrale wichtig, meint Wolf.

    Allerdings: Das Konzept der Gedenkstätte müsse weiterentwickelt werden, findet er. Denn für die Jugendlichen von heute, zumal aus dem Westen, sei der DDR-Alltag weit weg. Geschichte eben.

    Die Stasi Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), im DDR-Volksmund Stasi genannt, war der Spitzelapparat der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Er beschäftigte über die 39 Jahre seiner Existenz hinweg 250.000 hauptamtliche und mehr als 600.000 Inoffizielle Mitarbeiter (IM). Das Stasi-Unterlagengesetz regelt, dass Betroffene ihre Akten einsehen können. Die zuständige Behörde wurde von Joachim Gauck, dann von Marianne Birthler und zuletzt von Roland Jahn geleitet, der nun in den Ruhestand geht. Evelyn Zupke wurde kürzlich zur neuen Bundesbeauftragten für die Opfer der SED-Diktatur gewählt.

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