Es war keine gute Woche für Tennis-Deutschland. In Sydney verlor das Team um Alexander Zverev gegen Polen und fliegt aus dem Turnier. In Berlin darf Bürgermeister Kai Wegner nach einem umstrittenen Tennis-Match zwar weiter Spitzenkandidat der CDU bleiben, verliert aber vielleicht die Wahl im September. Ob er wenigstens das Spiel gewonnen hat, ist nicht bekannt.
Was ist passiert? Am ersten Tag des Blackouts in Berlin, als 100.000 Menschen im Südwesten der Stadt ohne Strom und Heizung ausharrten, war zunächst vom Regierenden Bürgermeister wenig zu sehen. Manche spekulierten gar, er befinde sich im Urlaub. Am Sonntag besuchte Wegner dann eine Notunterkunft und rechtfertigte sich damit, er habe sich „zu Hause in seinem Büro eingeschlossen, im wahrsten Sinne“.
Berliner Grüne und Linke kritisieren Wegner scharf: „Dem Amt nicht gewachsen“
Nun drang aber an die Öffentlichkeit: Am Samstag, zwischen 13 und 14 Uhr, spielte er Tennis mit seiner Lebensgefährtin, der Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch. Öffentlich wurde das unter anderem, weil Günther-Wünsch wohl ein Foto in ihrem WhatsApp-Status postete. Er habe den Kopf freikriegen müssen, erklärte der Bürgermeister.
Die Opposition hat dafür – gelinde gesagt – wenig Verständnis. Wegner sei „nicht nur am Management der verheerenden Folgen des Stromausfalls gescheitert, sondern habe über seine eigenen Aktivitäten die Öffentlichkeit auch noch falsch informiert“, sagte Bettina Jarasch, Co-Spitzenkandidatin der Grünen für die Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin, unserer Redaktion. „Während 45.000 Haushalte ohne Strom im eisigen Winter ausharren oder nach einer warmen Bleibe suchen mussten, machte er Hallensport.“ Jarrasch ist gebürtige Augsburgerin und arbeitete zeitweise auch als Journalistin für unsere Redaktion. Sie kritisiert auch die Reaktion der CDU: „Ein Regierungschef, der nach fünf Stunden im Homeoffice schon überfordert ist und eine Auszeit braucht, ist dem Amt nicht gewachsen.“ Darüber könne auch die Unterstützung für Kai Wegner aus seiner eigenen Fraktion nicht hinwegtäuschen.
Die CDU stellte sich am Donnerstag hinter Wegner. Laut Deutscher Presseagentur soll er vor seinen Parteifreunden eingeräumt haben, dass er die Öffentlichkeit „besser bereits am Wochenende über seine sportliche Pause informiert hätte“. Aber so sieht es die CDU: Er habe die Krise gut gemanagt.
Kritik kam aber auch vom Koalitionspartner SPD. Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey sagte, sie könne die Reaktion nicht nachvollziehen.
Wahl zum Abgeordnetenhaus im September: Wegners Laschet-Moment?
Für Wegner könnte die Sporteinheit gefährlich werden. Im September wählt Berlin. Nur 21 Prozent sind laut Infratest Dimap zufrieden mit der Arbeit des Senats, der niedrigste Wert aller Landesregierungen in Deutschland. Selbst die Schwarz-Rote Koalition im Bund steht besser da. Noch führt Wegner die Umfragen zwar an, auf etwa 22 Prozent käme die CDU aktuell. Aber nur knapp vor den Linken mit 19 Prozent. Gut möglich, dass das Tennis-Debakel den entscheidenden Unterschied macht. In Berlin spricht man teils schon von Wegners „Ahrtal-Moment“. Eine Anspielung auf das Bild des kichernden Kanzlerkandidaten Armin Laschet nach der Flutkatastrophe 2021.
Die Linke höhnt: „Herr ‚Wegner-Weltfremd‘ hat durch sein Verhalten wieder die falschen Prioritäten gesetzt, wenig Empathie gezeigt und damit dem Ansehen und dem Vertrauen in die Politik massiv geschadet. Das ist ein großes Problem“, sagte die Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp, die sich jetzt Hoffnungen machen darf auf das Bürgermeisteramt, unserer Redaktion. Und fügte in Richtung der CDU-Fraktion hinzu: „Dass die CDU-Fraktion den Ernst der Lage nun komplett verkennt, zeugt von mangelndem Problembewusstsein.“
Hinzu kommt, dass viele Berlinerinnen und Berliner zuvor schon wütend waren über das Krisenmanagement ihrer Landesregierung. Zwar war der Schaden am Ende schneller behoben als zunächst angenommen. Kritik aber wurde unter anderem laut, weil die Bereitstellung von Hotelzimmern erst spät funktionierte. Ein Mann mit Pflegegrad 5 hatte wohl in einer Notunterkunft übernachtet. Bei Wegners Besuch konfrontierte ein Bürger ihn damit und schrie dem Bürgermeister entgegen: „Was ist hier los in dieser Stadt?“. Wegner wirkte unbeholfen.
Indes gibt es Sorge in der Hauptstadt um einen neuerlichen Anschlag. Im Netz wurde ein Text veröffentlicht, der mit „Statement einer Vulkangruppe“ überschrieben war. Dort heißt es unter anderem, die Gruppe habe „die Stromzufuhr zum Bezirk Marzahn-Hellersdorf mit einem Zeitzünder versehen“. Wie authentisch die Drohung ist, wird noch geprüft. Der Beitrag ist inzwischen aus dem Netz verschwunden. Vieles spricht dafür, dass das Schreiben eine leere Drohung ist. So werden Anschläge eher selten vorher angekündigt. Aber zur Ruhe kommt die Hauptstadt nicht.
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