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Historiker Eckart Conze: Warum Generationen, die keinen Krieg erlebt haben, leichtsinniger werden

Interview

Wer ist gefährlicher, Putin oder Trump?

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    Sowohl Putin als auch Donald Trump bedrohen mit ihrem neo-imperialen Ansatz die Weltordnung.
    Sowohl Putin als auch Donald Trump bedrohen mit ihrem neo-imperialen Ansatz die Weltordnung. Foto: Mikhail Metzel/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa

    Nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden, so heißt es immer wieder über Europas Befinden mit Blick auf Russland – 81 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Sie haben 400 Jahre Kriegs- und Friedensgeschichte analysiert und nennen unsere Gegenwart „Friedlos“. Was meinen Sie damit?

    ECKART CONZE: Es ist genau jener Zustand zwischen Krieg und Frieden. Aus der Perspektive des Historikers ist es kaum möglich, klar dazwischen zu unterscheiden. Die Übergänge sind fließend. Und in dieser permanenten Dynamik entwickelt sich Politik. Die muss immer wieder neu mit dieser Friedlosigkeit umgehen: Es geht darum, Wege zum Frieden zu finden, friedliche Ordnungen zu entwickeln, Frieden zu stabilisieren, den Absturz im Krieg und Gewalt zu verhindern. Das ist damals wie heute der Imperativ des politischen Handelns.

    Der Historiker Eckard Conze analysiert in seinem Buch, den Zwischenzustand der Friedlosigkeit über die Jahrhunderte.
    Der Historiker Eckard Conze analysiert in seinem Buch, den Zwischenzustand der Friedlosigkeit über die Jahrhunderte. Foto: Autorenfoto, © picture alliance, Uwe Zucchi

    Sie haben jüngst Ihren Kollegen Sönke Neitzel kritisiert, weil er in einem inzwischen fast schon berüchtigten Interview vergangenes Jahr vor einem möglicherweise „letzten Sommer in Frieden“ gewarnt hatte. Es ist aber unbestritten, dass Russland für einen größeren Konflikt rüstet und auf Kriegswirtschaft umgestellt hat. Gehört zu Ihrem Imperativ nicht also auch, den Leuten reinen Wein einzuschenken?

    CONZE: Man muss die Menschen vorbereiten. Das bestreite ich überhaupt nicht. Das Ziel der Verteidigungsfähigkeit hat die Bundesrepublik zudem seit den 1990er Jahren sträflich vernachlässigt. Das erhöht jetzt den Druck. Aber dieses Ziel erreicht man nicht durch das Schüren von Kriegsängsten, auch nicht, wenn sie als Weckruf dienen sollen. Das finde ich gerade von Wissenschaftlern unverantwortlich und politisch gefährlich – so ehrenhaft die Motive auch sein mögen. Denn diese Ängste verhindern doch den Weg hin zu einer stärkeren Verteidigungsfähigkeit. Darum aber muss es jetzt doch gehen. Ängste spielen letztlich Putin in die Hände. Denn sie stärken jene Kräfte, die – angesichts der mangelhaften Wehrfähigkeit Deutschlands – die Ukraine lieber gleich dem russischen Bären zum Fraß vorwerfen wollen.

    Weil, um auf den Titel Ihres Buches zurückzukommen, zu große Kriegsangst in diesem friedlosen Zwischenzustand kontraproduktiv ist?

    CONZE: Ja, wenn Ängste geschürt werden, stellen wir uns selbst ein Bein und erreichen das Gegenteil dessen, was notwendig ist.

    Dagegen spricht, dass sich die EU und Deutschland erst nach Jahren durch den Schock des russischen Angriffskrieges und der wiederholten Drohung Trumps, die Nato zu verlassen, bewegt haben. Viel zu spät versuchen sie nun, ihre Sicherheit wieder selbst in die Hand zu nehmen.

    CONZE: Das ist richtig. Aber die russische Bedrohung ist evident. Zusätzliche Angstmacherei stärkt nur die politischen Ränder am rechten und linken Rand. Der Diskurs dieses Landes braucht nicht mehr, sondern weniger Emotionen, so schwer das beim Thema „Krieg und Frieden“ auch sein mag.

    Für viele Deutsche in den 40ern und für die Älteren verbindet sich mit Krieg der von den Nazis begonnene Zweite Weltkrieg mit seinen Verheerungen und Verbrechen. Die Zeitzeugen werden allerdings weniger. Der Onkel mit dem an der Front amputierten Arm, den es auch in meiner Familie gab, ist schon lange tot. Wenn die friedlosen Zustände im Laufe der Jahrhunderte aber viel normaler waren als die lange Friedenszeit, die viele bis zum 24. Februar 2022 erlebt haben, was bedeutet das eigentlich? Anders gefragt: Ist es für Generationen, die keinen Krieg kennen, schwieriger, Frieden zu halten, weil sie gar nicht wissen, welche Grauen der Krieg wirklich bedeutet?

    CONZE: Das ist eine Frage, die ich in meinem Buch stelle. Was bedeutet es für den Weg zum Frieden, wenn wir – wie heute in der Ukraine und im Iran erkennbar – von ganz unterschiedlichen Kriegstypen in ihrer Gleichzeitigkeit reden? Vom Stellungskrieg auf den Schlachtfeldern mit Drohnen, über die hybride Kriegsführung bis zum Cyberwar? Wie gehen diese Kriege zu Ende? Was bedeutet Waffenstillstand vor diesem Hintergrund? Wer überwacht das – und wie? Wenn Krieg und Frieden sich immer stärker überlappen und nicht klar voneinander zu trennen sind, wird es immer schwerer, Kriege zu beenden, ihre Abgrenzung immer schwerer. Das ist eine enorme politische, aber auch gesellschaftliche und kulturelle Herausforderung: Frieden zu stiften in diesem neuen Universum des Krieges.

    Nochmal: Werden die Generationen, die Krieg nie erlebt haben, leichtsinniger?

    CONZE: Ja, denn die Suche nach Frieden erwächst auch aus der unmittelbaren Erfahrung des Krieges. Krieg und Frieden bedingen einander. Friedlosigkeit ist uns in unterschiedlichen Ausformungen und Konstellationen immer wieder begegnet. Aber das ist kein Grund zur Resignation. Es geht darum, diese Friedlosigkeit immer wieder zu überwinden, gegen sie anzugehen. Der ewige Frieden bleibt eine Utopie, aber eine wichtige, weil handlungsleitende. Heute gibt es neue Konflikte, neue Machtinteressen, die zusammenprallen. Deren Komplexität zu begegnen, ist meiner Meinung nach die politische Herausforderung der Gegenwart. Wie frühere Zeiten mit dieser Herausforderung umgegangen sind – erfolgreich oder weniger erfolgreich – zeige ich in meinem Buch.

    Und haben sie, salopp gefragt, in der Bundesregierung und in den anderen europäischen Staatsspitzen schon genügend bei ihnen nachgelesen?

    CONZE: Ich glaube, es wird allmählich klarer, dass sich politisches Handeln nicht nur in die Richtung „Kriegstüchtigkeit“ entwickeln kann, so wichtig die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit auch ist. Das Verhältnis von Krieg und Frieden, von Militär und Diplomatie, ist sehr viel komplexer. Ich will anregen, darüber stärker nachzudenken. Aber ich gebe ganz bewusst keine Empfehlungen. Wenn meine historische Analyse politisch wahrgenommen wird, soll mich das freuen.

    Wer stiftet heute mehr Friedlosigkeit, Putin oder Trump?

    CONZE: Putin hat einen Aggressionskrieg begonnen, den es so in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hat. Und anders als im Zweiten Weltkrieg stehen die USA nicht ohne Einschränkung auf der Seite des Angegriffenen und damit auch auf der Seite der Demokratie. Zugleich verabschieden sie sich von der regelbasierten Ordnung, die nach 1990 Gestalt angenommen hatte. Auch das trägt zur Friedlosigkeit der Welt bei. Es liegt an uns Europäern, auf diese doppelte Herausforderung eine Antwort zu finden.

    Zur Person

    Eckart Conze ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Marburg. Zu den Schwerpunkten des Autors von „Das Amt und die Vergangenheit“ gehören die internationale Politik vom 18. bis ins 21. Jahrhundert, die Geschichte der Bundesrepublik sowie die Historische Sicherheitsforschung. Neu von ihm erschienen ist „Friedlos – Die Deutschen zwischen Kriegsgewalt und Friedenssuche. Von 1648 bis heute“ (dtv, 576 Seiten).

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