Wer Reza Pahlavi ins Gesicht blickt, der muss nicht lange suchen, um die Gesichtszüge seines Vaters darin zu entdecken. Mund, Augen, Nase. Der Name sowieso. Vieles an dem 65-Jährigen erinnert an jenen Mann, der vor fast 50 Jahren fluchtartig sein Heimatland Iran verlassen musste – regelrecht zum Teufel gejagt. Dabei blieben die eigentlichen Teufel doch im Land. Den Mullahs war es gelungen, den Schah von Persien zum Relikt verwackelter Schwarz-Weiß-Bilder zu machen. Das Zeitfenster der Radikalislamisten hatte sich geöffnet, und sie wussten es zu nutzen. Doch nun soll sich ein neues auftun. Aufgestoßen haben es die Iranerinnen und Iraner selbst: Die Proteste der vergangenen Wochen haben ihre Spuren hinterlassen. Nicht nur der Druck im Inneren des Landes ist gewachsen, auch der von außen. US-Präsident Donald Trump denkt laut über einen Machtwechsel in Teheran nach. Es ist der Moment, auf den Pahlavi gewartet hat. „Der Tag, an dem das Regime im Iran gestürzt wird, wird der Tag sein, an dem ich die politische Mission meines Lebens vollendet habe“, sagt er. „Ich habe mein gesamtes Leben der Freiheit des iranischen Volkes gewidmet.“
Am Revers trägt er einen Anstecker mit der iranischen Flagge, der dunkelblaue Anzug dürfte mehr gekostet haben als so mancher Iraner in zwölf Monaten verdient. Im vergangenen Jahr musste Pahlavi noch draußen bleiben, viel Hin und Her hatte es um eine Einladung nach München gegeben, die zuerst ausgesprochen, dann aber in Rücksprache mit der Bundesregierung „nicht formalisiert“ worden war. Diesmal ist der älteste Sohn des Schahs einer der schillerndsten Protagonisten an der an schillernden Protagonisten nicht gerade armen Sicherheitskonferenz. Während sich über dem Iran eine Todesstille im wahrsten Sinne des Wortes ausgebreitet hat, versucht der groß gewachsene Mann mit dem grauen Haar hier in Europa die Aufmerksamkeit wachzuhalten. Für den Iran. Und für sich selbst. Nach Jahren im politischen Abseits hat Pahlavi wieder an Sichtbarkeit gewonnen.
Münchner Sicherheitskonferenz: Reza Pahlavi verlangt Militärschlag gegen den Iran
„Dieses Regime hat keine Legitimität mehr“, sagt Pahlavi. „Es bietet sich eine Gelegenheit, die es nur einmal in jeder Generation gibt.“ Doch die verlange nach entschlossenem Handeln – und das am besten sofort. Zu groß ist seine Sorge, dass es dem iranischen Regime auch diesmal wieder gelingen könnte, die Krise auszusitzen und sich darauf zu verlassen, dass der Westen mit den eigenen Nöten und Kriegen genug zu tun hat. Einen Strohhalm bieten Ali Chamenei und seinen Getreuen die Verhandlungen über das Atomprogramm, am Dienstag soll es eine neue Verhandlungsrunde in Genf geben. Wer verhandelt, schießt nicht, heißt es. „Das Regime hat immer versucht, Zeit zu gewinnen, und ich sehe keine schnellen Ergebnisse oder überhaupt Ergebnisse für die Verhandlungen. Das Problem ist die Zeit“, drängt Pahlavi.
Die Brutalität des Regimes dürfe nicht belohnt werden. „Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass wer nur genug Leute tötet, an der Macht bleibt“, sagt er. Ein 100-Tage-Programm für einen freien Iran hat er schon in der Tasche. Es fußt auf der Trennung von Staat und Religion, demokratischen Regeln und der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz. Vor allem ist es aber darauf ausgerichtet, dass der Iran nicht der nächste „failed state“, der nächste Chaos-Staat in der Region ist – wie es nicht geht, das haben der Irak und Libyen vorgemacht. „Es ist Zeit, die Islamische Republik zu begraben“, sagt er. US-Präsident Trump könne sich damit „als einer der größten Helden der Welt verewigen“. Tatsächlich hätte die Entstehung eines demokratischen Iran mit westlicher Anbindung gigantische globale Folgen – für die Kriege in Gaza bis in den Jemen und auch auf den Ölmarkt.
Wie groß ist der Rückhalt im Iran für Reza Pahlavi?
Als seine Eltern im Jahr 1979 vertrieben wurden, war Pahlavi, der Kronprinz, gerade einmal 17 Jahre alt und hielt sich in den USA auf, in Texas, bei einem Militärtraining. Den Boden seines Heimatlandes hat er seither nie wieder betreten. Der 65-Jährige lebt in Amerika, leitet eine politische Stiftung. Seit Jahren unterstützt er die Massenproteste gegen die iranische Führung. Er tourt durch westliche Hauptstädte, gibt Interviews, tritt bei Demonstrationen auf und versucht, finanzielle Unterstützung zu organisieren. Doch gleichzeitig wirkt Pahlavi auch wie eine Art Handelsreisender in eigener Sache, ein Monarch im Wartestand, der auf seine Krönung hofft. „Es gibt gute Monarchien und schlechte Republiken – und umgekehrt“, sagt er. „Ich brauche keinen Job, ich suche nicht nach Macht oder einem Amt und ich will auch keine Krone auf meinen Kopf setzen.“ Er wolle das Land so weit bringen, dass die Menschen ihre erste demokratische Regierung wählen könnten.
Die Rolle des Vermittlers nehmen ihm indes nicht alle ab. Zwar wird sein Name vielfach auf den Demos skandiert, auch an diesem Samstag auf der Münchner Theresienwiese, doch an einem mächtigen Fürsprecher fehlt es Pahlavi. Es gibt Kritik an seiner politischen Intransparenz und dem konfrontativen Stil seiner Anhänger. Manchen gilt der Erbe aus der Zeit der Monarchie zudem als Relikt aus der Vergangenheit. Hat nicht der autokratische Stil seines Vaters den Aufstieg der Ajatollahs überhaupt erst möglich gemacht? Fragen danach beantwortet er nicht gern. „Warum reden Sie über die Vergangenheit, wenn es mir um die Zukunft geht?“, herrscht er einen Journalisten an.
Keine starke politische Oppossition im Iran – ein Vorteil für Reza Pahlavi?
Und doch hat Pahlavi einen großen Vorteil, den ihm ausgerechnet die Mullahs bescheren: Er trifft auf ein politisches Vakuum. Im Iran existiert seit Jahren keine organisierte Opposition. Und die Regime-Gegner, die ins Ausland geflohen sind, sind zersplittert und zerstritten. Wie groß Pahlavis tatsächlicher Einfluss im Iran selbst ist, bleibt gleichwohl schwer einzuschätzen. „Meine Aufgabe ist, den Übergang zur Demokratie anzuführen und den Preis, den dieses Volk für seine Befreiung zahlt, so gering wie möglich zu halten“, wiederholt er immer wieder. „Anders als die westliche Politik, die mit ihrer Beschwichtigungstaktik immer noch mehr Tote riskiert.“ Dazu ist er auch bereit, zurückzukehren nach Teheran, einen Schritt, den er lange zumindest öffentlich ausgeschlossen hatte. „Ich will kein Opferlamm sein, sondern in einer entscheidenden Phase vor Ort handeln, um den Übergang zu organisieren“, sagt er.
Ob es überhaupt einen Übergang geben wird, ist allerdings längst nicht klar. Ali Chameneis Macht beruht auf loyalen Netzwerken in Militär, Justiz und Sicherheitsapparat. Ohne Unterstützung oder Neutralität von Militär und Revolutionsgarden gilt ein Umbruch als unwahrscheinlich. Und Trump? Der lässt zwar seit Wochen die militärische Präsenz der USA im Nahen Osten ausbauen. Doch ob er es zu einem Militärschlag kommen lässt, ist offen. Was ihn daran hindern könnte? Wenn „sie uns den richtigen Deal geben, werden wir das nicht tun.“
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