Als sich die Nacht über die Altstadt von Riad senkt, wird Katherina Reiche eine besondere Ehre zuteil. Die saudische Kronprinzessin begleitet die deutsche CDU-Wirtschaftsministerin durch die Gassen der Altstadt. Palmen werfen lange Schatten im warmen Schein der Lampen. Die beiden Frauen schlendern an einer Festung vorbei, die alten Mauern sind in ein mildes Licht getaucht. Der Orient legt seinen Zauber über den Gast aus Deutschland. Es ist ein Zeichen hoher Wertschätzung, wenn ein Mitglied der Königsfamilie seine Reverenz erweist.
Der Zauber wird jäh gestört, als ein Reporter ein Bild von Prinzessin Sara bint Mashour Al Saud und der Ministerin schießt. Ein Diplomat stürzt auf ihn zu und besteht darauf, das Foto zu löschen. Von der Prinzessin dürfen keine Fotos veröffentlicht werden. Das ist Teil der Sitten, die in dem Königreich eine hohe Bedeutung haben. Es geht um Geschäft und Einfluss, aber um diesen nackten Kern werden mehrere Schichten weichen Stoffs aus Höflichkeit und Tradition gelegt.
Deutschland schickt fast sein halbes Kabinett an den Golf
In Riad entfaltet sich in diesen Tagen ein politisches Spiel, das in seiner Reinform selten zu sehen ist. Zwei Länder bewegen sich aufeinander zu. Die Deutschen schicken beinahe das halbe Kabinett an den Golf. Zunächst der Umweltminister, der von der Wirtschaftsministerin abgelöst wird, um den Besuch des Kanzlers vorzubereiten, dem sich womöglich noch der Außenminister anschließt. Die Saudis bieten ihre Minister und Prinzessinnen auf. Energieminister Abdulaziz bin Salman entscheidet sich nach der ersten Begegnung mit Katherina Reiche spontan, am darauffolgenden Tag einige Stationen des Programms mit ihr zu absolvieren. Auch das ist eine Ehre für sie, denn der Energieminister ist nach dem Kronprinzen einer der mächtigsten Männer im Staat. Und natürlich ist er von königlichem Blut.
Saudi-Arabien ist wie Deutschland eine Mittelmacht. Genau wie für die Bundesrepublik waren die USA über Jahrzehnte der Fixstern der eigenen Politik. Unter der Präsidentschaft von Donald Trump verdampfen alte Gewissheiten und Versicherungen. Plötzlich steht man allein in der Welt, es braucht neue Verbündete. „Wenn Partnerschaften, auf die man sich jahrzehntelang verlassen hat, anfangen, brüchig zu werden, müssen wir nach neuen Partnern suchen“, sagt Reiche über ihre Mission am Golf.
Saudi-Arabien ist eines dieser Länder, von denen im politischen Berlin seit dem Weltwirtschaftsforum in Davos viel gesprochen wird. Ein reiches Land, das in seinem Weltteil eine Vorrangstellung einnimmt – ähnlich wie Deutschland. Die inneren Verfasstheiten hingegen sind grundverschieden. Westlicher Liberalismus steht einem konservativen Islam gegenüber, die Demokratie der Monarchie, eine alternde Bevölkerung einer jungen. Doch weil die Weltkarte neu gezeichnet wird, ergeben sich neue Möglichkeiten und ungeahnte Koalitionen. „Renversement des alliances“ heißt es im Französischen, der Wechsel der Allianzen.
In diesem Prozess ist es der äußere Druck der Großmächte, der sie zusammenfügt. US-Präsident Donald Trump, Kremlherr Wladimir Putin und Chinas Staatschef Xi Jinping arbeiten an Einflusszonen, in denen sie allein das Sagen haben. Sie schrecken nicht vor dem Einsatz militärischer Gewalt und ökonomischer Erpressung zurück – gegen Feind und Freund.
Geld ist der Kitt der Beziehung zwischen Deutschland und dem Königreich
Um nicht unter die Räder zu kommen, gehen die Mittelgroßen aufeinander zu, egal, wie viel sie trennt – so wie Deutschland und Saudi-Arabien. Der Kitt dieser Beziehung sind nicht geteilte Werte, sondern es ist das Geld, das durch wirtschaftliche Zusammenarbeit auf beiden Seiten fließt. Es ist die Aufgabe von Katherina Reiche, dass davon genügend verdient wird. Die 52-Jährige weiß, wie das geht. Sie stammt aus einer Unternehmerfamilie der Chemieindustrie. Bevor sie ihren Posten in der Regierung übernommen hat, war sie Chefin von Westenergie, einer großen Tochter des Energiekonzerns Eon mit 10.000 Leuten.
Sie kennt die Wachstumsraten Saudi-Arabiens bis auf die Nachkommastelle – über vier Prozent sind es –, die Höhe der Staatsverschuldung und das Volumen des Ölexports Richtung Deutschland. Wenn sie etwas nicht parat hat, findet sie die Werte auf ihrem iPad. Die Ministerin spricht wie eine Managerin. Wer nicht Wirtschaftswissenschaften studiert hat, für den sind ihre Sätze manchmal schwer verständlich. Sie redet von „MoU“ (memorandum of understanding) statt von Absichtserklärung, sagt „GDP“ (gross domestic product) statt Wirtschaftsleistung und „headroom“ statt Spielraum.
Als sie in Saudi-Arabien gefragt wird, ob im kalten Winter in Deutschland das Gas ausreicht, antwortet sie: „Die Füllstände sind zwar niedrig, wir sind aber gehedged über LNG und unsere FSRUS“. Auf Deutsch: Die Bundesrepublik ist durch den Einkauf von Flüssiggas und die Flüssiggasterminals gegen den Gasmangel geschützt. Wenn die Kameras laufen oder sie sich den Fragen von Reportern stellt, dann umweht Katherina Reiche eine Kühle, die sich aus ihrer Beherrschtheit speist. Eine flapsige, unbedachte Bemerkung würde ihr nie entfahren. Der Preis dafür ist eine Rhetorik, die die Herzen kaltlässt. Reiche kontrolliert während des Sprechens stetig ihre Worte.
Es gibt eine andere Seite von ihr, wenn die Kameras nicht laufen. Dann finden sich immer noch viele englische Wörter in ihren Sätzen, aber dann lässt Reiche etwas Nähe zu. Sie ist jedoch niemand für die belanglose Plauderei über Gott und die Welt, es geht immer um die Sache: die Wirtschaft. Wenn sie durch die Reihen der Manager und Gründer geht, die sie auf der Reise nach Saudi-Arabien begleiten, dann ist eine tiefe Übereinstimmung zu spüren. Geschäftsideen, Absatzmärkte, Kosten, Fachkräfte, Investments – Reiche weiß, welche Zutaten es braucht, um ein Unternehmen zu führen.
Wenn sie öffentlich Wellen schlagen will, passiert das gezielt, etwa dann, wenn sie den Beschäftigten mehr Anstrengungen abverlangt, zum Beispiel später in Rente zu gehen. Es könne in einer rasch älter werdenden Gesellschaft nicht funktionieren, ein Drittel des Erwachsenenlebens im Ruhestand zu verbringen, sagt sie. Für Ökonomen und Chefs mag das ein nüchterner Schluss sein, in der hitzigen Wirklichkeit der Politik ist es ein Kampfaufruf. Der Koalitionspartner von der SPD ist provoziert und reagiert mit Abwehr, genau wie die Gewerkschaften.
Hinter den Kulissen ringt Reiche mit den Sozialdemokraten, vor allem mit Arbeitsministerin Bärbel Bas. Wenn die Wirtschaftsministerin eine große Nähe zur Welt der Unternehmer hat, dann ist Bas das Gegenteil. Für das Arbeiterkind aus dem Ruhrgebiet sind Firmenchefs keine Freunde, sondern jemand, gegen den es zu kämpfen gilt. Die Arbeitgeber sind froh, dass Reiche die aus ihrer Sicht schlimmsten Vorschläge der Arbeitsministerin aufhält, doch der Preis dafür ist ein angespanntes Verhältnis zu den Genossen. Die Überarbeitung des Heizungsgesetzes hängt fest. Eigentlich sollte Reiche bis Ende Januar Eckpunkte vorlegen, wie das umstrittenste Gesetz ihres Vorgängers Robert Habeck (Grüne) aussehen soll. Doch die SPD-Fraktion im Bundestag mauert, lehnt Änderungen im Kern ab. Reiche hängt deshalb hinter dem Plan.
Apropos Habeck. Der Unterschied zum einstigen Star der Grünen könnte größer nicht sein. Gestern der Philosoph unter den Politikern, der in entscheidenden Momenten den richtigen Ton treffen konnte und die Wirtschaft schnellstens auf grün umpolen wollte, heute eine ehemalige Managerin, die die Sprache der Finanzen spricht. „Ich schätze Robert Habeck sehr, er hatte Visionen und wollte die Positionen seiner Partei durchsetzen. Das ist normal. Doch jetzt haben wir eine Wirtschaftsministerin“, sagt Thyssenkrupp-Chef Miguel Lopez. Habecks Bedeutungsüberschuss ist zusammengeschrumpft auf eine Kaufmannslogik. Es ist ein historischer Zufall, aber die neue Epoche der harten Machtpolitik hat die Moral in der Staatenwelt ausradiert, für die in Deutschland keine Partei mehr stand als die Grünen. In Saudi-Arabien wird mit Wohlwollen wahrgenommen, dass die Zeiten der Belehrungen über Menschenrechte und Demokratie vorüber sind.
Das ökologische Wirtschaftswunder der Grünen ist eine habecksche Geschichte geblieben, aber Wurzeln finden sich ausgerechnet im Wüstensand Saudi-Arabiens. Thyssenkrupp baut dort die größte Fabrik für grünen Wasserstoff weltweit. Die Konzerne ENBW und Siemens wollen mit den Saudis eine Lieferkette für nachhaltigen Wasserstoff und Ammoniak bis zum Rostocker Hafen aufbauen. Mit Tankerschiffen soll die Fracht über die Meere kommen. „Deutschland und Saudi-Arabien heben ihre Energiepartnerschaft auf eine neue Stufe“, erklärt die Ministerin nach der Unterzeichnung zahlreicher Absichtserklärungen zwischen Unternehmen. Sie kümmert sich um Habecks Pflänzchen, doch es wird länger dauern, bis es groß gewachsen ist.
In Saudi-Arabien wurden die Visionen ebenfalls zurechtgestutzt. In dem Land, in dem alles von Allah und vom Erdöl kommt, fehlt Geld. Um den Staatshaushalt auszugleichen, müsste das Fass Öl 80 Dollar bringen, derzeit sind es aber nur knapp über 60 Dollar. Einige Mammutprojekte wie die Wüstenstadt The Line wurden drastisch zurückgefahren und erscheinen heute wie eine Fata Morgana. Doch der langsamen Abkehr vom Erdöl bleibt das Königreich weiter verbunden, obwohl es ihm seinen Reichtum verdankt. „Wir haben den Klimawandel nie geleugnet“, sagt Energieminister bin Salman. Die hochfliegende Idee einer Wasserstoffröhre nach Europa ist derzeit aber unfinanzierbar. Katherina Reiche hat denselben Ansatz. Die Energiewende soll billiger, das bisherige Prinzip „koste es, was wolle“ aufgegeben werden. Reiche sieht sich an, was nicht passt – und dann wird korrigiert. Mit ihrem saudischen Amtskollegen versteht sie sich ausgesprochen gut.
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