Die Aufnahme ihrer Kamera zeigt Rahel Engers, auf Social Media als Rahel-Zoe bekannt, in ihrem Element: Der Himmel über Paris ist von Wolken bedeckt, und ein sanfter Wind bläst ihr die losen Haarsträhnen, die sich aus ihrer Haarspange gelöst haben, aus dem Gesicht. Der Lärm der Straße dominiert die Atmosphäre, als die Autos an ihr vorbeijagen, um auf die nahegelegene Autobahn aufzufahren. In Händen hält Rahel Engers ein Stück Pappkarton, das sie zuvor aus der Papiermülltonne am Straßenrand gefischt hatte. In großen Buchstaben steht dort „Lyon“ geschrieben. Ihr nächstes Ziel, das es bis zum Abend zu erreichen gilt – per Anhalter.
Ihrer guten Stimmung kann der Lärm der Straße nichts anhaben. Die Freude auf ein neues Abenteuer mit neuen Menschen ist viel zu groß. Doch die Zeit drängt, denn sie will gewinnen: In der Serie „The Race“, die 2025 auf Joyn veröffentlicht wurde, treten fünf Teilnehmer gegeneinander an. Ohne Geld und Smartphones müssen die Kandidaten der zweiten Staffel von Paris nach Ankara reisen. Rahel-Zoe ist mit dabei.
Die Welt ist ihr Zuhause: Hitchhikerin Rahel Zoe teilt ihre Reiseerlebnisse
Hitchhiken oder Trampen wird diese Art des Reisens genannt, die Rahel Engers am Ende der Staffel zum Sieg verhilft. Was für viele zunächst verrückt und leichtsinnig erscheint, ist für Engers längst Routine geworden. Die Welt ist ihr Zuhause – das Auto fremder Menschen ihr Transportmittel. Seit zweieinhalb Jahren ist die 21-Jährige nun schon auf Weltreise. Nach dem Motto „spontan anstatt nach Plan“ ergeben sich ihre Wege und Ziele immer wieder neu. Was sie auf Reisen erlebt, teilt sie auf ihrem Social-Media-Account „@rahel.zoe“.
Dabei geht es ihr längst um viel mehr als nur schöne Bilder. Sie möchte damit vor allem eines: eine Inspiration für andere sein. Rahel versucht, anderen Mut zu machen, offen auf die Welt zuzugehen und ihre Träume zu verwirklichen. Auf ihrem Profil strahlt sie Lebensfreude und Neugier aus, zeigt aber gleichzeitig, dass man auch für das Reisen manchmal Kraft und Durchhaltevermögen braucht.
Sie reist per Anhalter und sucht Arbeit nach dem Prinzip Workaway
Ihre Abenteuer finanziert sie sich selbst, indem sie sich unterwegs Arbeit sucht – immer dort, wo sie gerade ist. „Dieses Prinzip Workaway hat meine Reise komplett verändert, weil man dabei nie nur Orte kennenlernt, sondern immer auch Menschen.“ Es war letzten Endes auch der finanzielle Aspekt, durch den Rahel Engers auf die Idee des Trampens gekommen ist. „Seien wir mal ehrlich“, erklärt sie mit einem Lächeln auf den Lippen, „ich bin broke.“ Also: knapp bei Kasse.
Ihre ersten Erfahrungen mit dem Trampen macht Rahel Engers schon früh. Nach ihrem 18. Geburtstag reist sie mit einer Freundin per Anhalter durch Frankreich. Später tritt sie ihre bisher größte Tramp-Reise an. Diese führt sie quer durch Europa. Gestartet in Frankreich, trampt sie allein über Italien nach Österreich und reist von dort aus weiter in den Balkan: durch Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina nach Montenegro bis nach Serbien. Von dort aus führt ihre Route über Rumänien, durch Bulgarien nach Tschechien und schließlich zurück nach Deutschland. Drei Monate war sie insgesamt unterwegs.
„Ich entscheide mich bewusst, bei wem ich ins Auto steige“, sagt Rahel-Zoe
Eine Zeit, die sie sehr positiv und prägend in Erinnerung hat. „Es ist so interessant, wie unterschiedlich das Leben von Menschen sein kann, und durch das Trampen lernt man nicht nur das Land, sondern auch dessen Menschen viel besser kennen“, sinniert sie. Während ihrer Zeit in Slowenien beispielsweise trifft sie auf zwei beste Freundinnen, die mit einem Camper unterwegs sind. Es ist der Beginn einer Freundschaft, und so kommt es, dass die drei am Ende gemeinsam durch Montenegro reisen.
Dass das Trampen auch gefährlich sein kann, ist ihr klar. „Ich entscheide mich bewusst dafür, bei wem ich ins Auto steige oder eben nicht“, sagt sie. „Es ist wichtig, auf sein Bauchgefühl zu hören. Nur weil jemand anhält, heißt das nicht, dass man dort einsteigen muss.“ Spontan, aber nicht blind. Alleine, aber nicht leichtsinnig.
Wie geht Anhalterin Rahel-Zoe mit dem Thema Sicherheit um?
Über ihren Account auf Instagram teilt sie viele Tipps, wie man als Frau alleine reist: „Um mitgenommen zu werden, ist es wichtig, die richtige Stelle rauszusuchen. Im Optimalfall sollte dort eine Parkbucht oder etwas Ähnliches sein, damit die Leute direkt anhalten können“, erklärt sie. „Auch ein Schild zu basteln, ist sehr empfehlenswert – so wissen die Fahrer direkt, wohin man möchte.“
In Sachen Sicherheit hat Rahel neben den offensichtlichen Tipps wie Standort teilen und Pfefferspray dabeihaben auch noch einen weiteren: „Bevor ich einsteige, fotografiere ich oft das Kennzeichen und schicke es jemandem – dauert zwei Sekunden, gibt aber ein Gefühl von Sicherheit“, erklärt sie. Auch ein Telefonat während des Trampens bietet sich an, zum Beispiel mit Eltern, Freunden oder Geschwistern. „So wissen die, wo man ist, und der Fahrer weiß: Okay, jemand weiß Bescheid.“
Für Rahel-Zoe ist das Trampen aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken. „Ich habe dadurch die freundlichsten Menschen kennengelernt, Freunde fürs Leben gefunden und Kulturen viel besser verstanden“ – und das alles per Anhalter.
#redaktionjoko
Dieses Porträt ist in Zusammenarbeit mit der Uni Passau entstanden. Studentinnen und Studenten des Studiengangs Journalistik und Strategische Kommunikation (JoKo) arbeiteten unter der Leitung von Max Kramer, Veronika Lintner und Verena Wengert (Augsburger Allgemeine und Günter Holland Journalistenschule) an einer Serie bewegter Lebensläufe aus ganz Deutschland. Das hier ist das Ergebnis. Alle Porträts sind nachzulesen unter www.azol.de/redaktionjoko.
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