Ein blassblauer Wintertag auf Lanzarote, eine müde Sonne blinzelt durch die Wolken. An der Krebs-Skulptur vor der Lavahöhle Jameos del Agua stauen sich die Touristen. Der Parkplatz ist schon am Morgen gut gefüllt. Alle wollen das Gesamtkunstwerk von César Manrique sehen: Den Pool, dessen Blau so magisch mit dem weißen Kalkstein kontrastiert, die Grotte mit dem unterirdischen See, in dem die berühmten kleinen Albino-Krebse leben, und den in die Höhle gebauten Konzertsaal. 1966 hat der Künstler sein Projekt eröffnet, nachdem er dafür gesorgt hatte, dass die vermüllte Grotte von Unrat befreit wurde – ein frühes Beispiel von Land Art.
Manrique war mit Picasso und Andy Warhol befreundet
„Es ist sehr wichtig, sich darüber klar zu werden, was die Umwelt bedeutet und darüber, dass wir, wenn wir sie nicht schützen und pflegen, zur Katastrophe verurteilt sind.“
Das Zitat stammt aus dem Jahr 1984. César Manrique wusste schon früh, wie wichtig Nachhaltigkeit ist, auch wenn er den heute so viel zitierten Begriff noch nicht benutzte. Und besonders am Herzen lag dem Künstler und Umweltaktivisten, der mit Andy Warhol, Picasso und anderen Berühmtheiten befreundet war, seine Heimatinsel Lanzarote. Die Insel mit den Feuerbergen, den schwarzen Stränden, dem mal pais, dem schlechten Land.
Heute ist Lanzarote eine beliebte Tourismusdestination – nicht zuletzt dank Manrique. Er hat der kanarischen Insel seinen Stempel aufgedrückt, hat Sehenswürdigkeiten geschaffen, die auf keiner Rundreise fehlen dürfen, und hat seine Landsleute dazu ermahnt, die Traditionen zu bewahren und die Schönheit Lanzarotes nicht durch Hochhäuser oder modische Neubauten zu zerstören. Und so fährt man durch Dörfer mit weiß gekalkten Häusern, deren Türen und Fensterläden blau oder grün sind, je nachdem, ob sie am Meer stehen oder im Landesinnern.
Braune Türen signalisieren Reichtum auf Lanzarote
Auch braune Türen gibt es. Sie signalisieren Reichtum. Braun sind auch die Türen zur Fundacion César Manrique. Hier, wo der Künstler nach seiner Rückkehr aus New York 20 Jahre lang lebte, kommt man ihm und seinen Ideen besonders nah. Fotos zeigen den Weltbürger in Macho-Manier auf einem Berg, in Denkerpose in seinem Domizil in New York, gern auch umgeben von Reichen und Schönen. Manrique war ein Mann, der das Leben in vollen Zügen genoss. Für dieses Haus in einem Lavastrom hat er sich die Vulkanblasen zu eigen gemacht. In die Lava gehauene Tunnel verbinden die einzelnen Blasen und bilden in der Verbindung von Natur und Architektur einen einzigartigen Wohnraum. So wird der Streifzug durch das Haus zu einem Abenteuer. Und natürlich darf auch hier der blaue Pool nicht fehlen.
Was die wenigsten wissen: an der Kreuzung vor seinem Haus hatte der Künstler 1992 einen Unfall, den er nicht überlebte. Nach seinem Tod wurde der von ihm lange geforderte Kreisverkehr eingerichtet. Auf der ganzen Insel zieren heute Manriques Windspiele Kreisverkehre, und sein Timanfaya Teufel wurde zum Wahrzeichen Lanzarotes. Zu seinem Vermächtnis, über das lange Zeit seine Zwillingsschwester Ampara wachte, gehört auch der Jardin de Cactus, der Kakteengarten mit 4.500 Kakteenarten aus fünf Kontinenten. 20 Jahre hat es gedauert, bis aus dem ehemaligen Steinbruch dieser stachelige Garten entstand mit den Basaltmonolithen und Kakteenskulpturen, auch er ein Gesamtkunstwerk – die Versöhnung von Kunst und Natur.
Manrique hat sich für den Erhalt der Natur eingesetzt
Der Sohn Lanzarotes, wie seine Landsleute den Künstler gerne nennen, hat seiner Insel aber nicht nur touristische Sehenswürdigkeiten hinterlassen. Er hat sich auch für den Erhalt der so besonderen Natur eingesetzt, die Lanzarote dem Vulkanausbruch von 1730 verdankt. Damals verschlang die Lava fruchtbares Land und verwandelte es in eine schwarze Ödnis. Wenn man mit einem der Busse durch den Nationalpark Timanfaya fährt, wird an die Aufzeichnungen eines Augenzeugen erinnert. Der Pfarrer von Yaiza, Andres Lorenzo Curbelo, beschrieb die dramatischen Ereignisse, die damit begannen, dass sich am 1. September 1730 zwischen 9 und 10 Uhr abends plötzlich die Erde bei Timanfaya öffnete. Fünf lange Jahre sollten die Eruptionen die Menschen in Angst und Schrecken versetzen. Es war, als hätte sich der Höllenschlund geöffnet. Feuerströme erhellten die Finsternis, tote Fische wurden ans Ufer gespült, das Vieh erstickte, die Erde bebte, Blitze zuckten am dunklen Himmel.
Eine Vorstellung davon, wie es bis heute unter der zerklüfteten schwarzen Oberfläche brodelt, geben die Demonstrationen vor dem von Manrique entworfenen Rund-Restaurant. Schon wenige Meter unter der Oberfläche beträgt die Temperatur 60 bis 80 Grad, die heißen Erdklümpchen, die man in die Hand gedrückt bekommt, lässt man schnell wieder fallen. Zehn Meter unter der Oberfläche herrschen bereits 200 Grad, so dass sich trockenes Gestrüpp blitzschnell entzündet. Und bei zwölf Metern unter der Oberfläche und 400 Grad lässt sich ein künstlicher Geysir erzeugen. Die Experimente verfehlen ihre Wirkung nicht, man schaut und staunt. Vor dem Eingang des Restaurants rösten derweil Hähnchenschenkel und Würstchen auf dem – natürlichen - Grill.
Timanfaya ist der kleinste aber womöglich auch der spektakulärste Nationalpark Spaniens. Hier darf nichts verändert, nichts betreten werden. Die Besucher werden in Bussen durch die bizarre Landschaft gefahren. Die Lanzaroteños haben verstanden, dass sie ihre Natur bewahren müssen. Manrique könnte sich heute über vielerlei Bemühungen freuen, Naturschutz und Tourismus zu versöhnen.
Das ist ein Stichwort für den Tierarzt und Ornithologen Carlos Armas und die Ozeanographin Paula Gomes von Taboire Soluciones Sostenibles, die klassische Umweltprojekte umsetzen. Ihr wichtigstes Projekt derzeit ist die auf drei Jahre angelegte Renaturierung der ein Kilometer langen Playa de los Pocillos nahe Puerto del Carmen. Paula, schwarze Haare, dunkle Brille, wirbt für eine Trennung von Natur- und Badestrand. Dann könnten Vögel wieder nisten, Dünen entstehen, hofft die Frau, die vor vier Jahren der Liebe wegen aus Rio nach Lanzarote kam. Der am Strand gesammelte Plastikmüll wird recycelt und von Häftlingen zu Souvenirs verarbeitet. Ein Beispiel der Kreislaufwirtschaft, wie sie Taboire propagiert. Mit ihren Projekten wollen Paula und Carlos den Weg in eine regenerative Zukunft ebnen – am liebsten auch mit EU-Geldern. Dafür muss auch auf Manriques Insel wieder mehr Bewusstsein geschaffen werden, findet Luisa Guttenberger von Senderismo Lanzarote. Louisa hat Umweltschutz und Psychologie studiert. Mit ihren Projekten will sie bei den Lanzaroteños mehr Verantwortungsbewusstsein für ihre sensible Natur wecken. Als „Augenöffner“ dafür bietet die Mutter zweier Teenager Wanderungen an. Die seien für die Inselbewohner anfangs etwas „ungewöhnlich“ gewesen, aber erstaunlich schnell ausgebucht. „Heute denken auch die Menschen auf der Insel mehr über Natur und Nachhaltigkeit nach“, ist Louisa überzeugt. Früher sei das kein Thema gewesen. „Da ging‘s ums Überleben.“
Davon könnte Estefania Gonzales, schmales Gesicht, dunkler Pferdeschwanz, so einiges erzählen. Im Freilichtmuseum Monumento al Campesino bereitet sie mit Gästen traditionelle Gerichte der Insel nach dem Rezept ihrer Großmutter zu: rote und grüne Mojo Sauce etwa oder einen Teig mit Gofio, dem gerösteten Getreide. Estefania will zeigen, wie die Menschen früher gelebt haben – von dem, was die karge Insel hergab. Bei den Workshops kommt der jungen Frau ihr Masterstudium zu nachhaltiger Produktion zugute. Vor dem Museumsdorf steht eine Skulptur von – wie kann es anders sein? - César Manrique. Die Hommage auf die Bauern besteht aus weiß gestrichenen recycelten Tanks und stellt in kubistischer Manier einen Bauern mit Kamel und Hund dar. César Manrique hat tatsächlich überall auf Lanzarote seine Spuren hinterlassen und daran gearbeitet, die Magie der Insel, die er einmal als „Aschenbrödel der Kanaren“ bezeichnet hat, auch für die Besucher erlebbar zu machen.
Wissenswertes für eine Reise nach Lanzarote
Anreisen. Condor und Lufthansa Direktflüge nach Lanzarote ab den größeren deutschen Flughäfen an. TUIfly fliegt direkt ab Frankfurt. Die Preise variieren stark je nach Buchungstermin. Auf der Insel werden Flughafentransfers zu unterschiedlichen Preisen angeboten: lanzarote.com/de/reisefuehrer/verkehrsmittel/flughafentransfer/
Öffentliche Busse fahren alle 60 Minuten, sonntags alle zwei Stunden. Die Linie 61 etwa verbindet den Flughafen mit Puerto del Carmen.
Übernachten. Im Seaside Los Jameos kostet das DZ mit Frühstücksbüfett ab 304 Euro: www.los-jameos.com
Manrique. Es gibt unterschiedliche Anbieter für Tagesausflüge zu den Sehenswürdigkeiten von César Manrique. Die Preise liegen zwischen 72 und 79 Euro.
Timanfaya Nationalpark. Die Ruta de los Volcanes ist eine rund 14 Kilometer lange Strecke entlang des Hauptkern der Eruptionen. Entwickelt wurde die Route, die nur von speziellen Bussen befahren werden darf, von César Manrique. Für die Touren gibt es verschiedene Angebote von Halb- bis Ganztagestouren durch die Feuerberge: www.lanzarote.com/de/lanzarote-entdecken/touristenzentren/nationalpark-timanfaya/
Informieren. https://turismolanzarote.com/de/ und https://cactlanzarote.com/de/
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