Viele von Ihnen kennen diese eigenartige Konstellation: Da sitzt man in Griechenland am Strand, in der Schweiz auf der Berghütte oder auf dem Bodensee unter Segeln und es kommt Wein zum Sonnenuntergang. Wir sind uns sicher: Das war der beste Tropfen, den wir je getrunken haben. Wir schenken nach ohne Ende. Welche Freude! Klar, dass wir genau von diesem feinen Getränk eine große Menge mit nach Hause nehmen müssen. Wann hat man schon einmal die Gelegenheit, die Ferien in eine Flasche zu packen und sie jederzeit wieder lebendig machen zu können, mit all ihren schönen Erinnerungen?
Das ernüchternde Erwachen folgt dann im Herbst: Wir reißen diesen Wein vom Sandstrand unseres Lebens auf, probieren, schauen noch einmal die Flasche an und fragen uns, ob es wirklich dieses Getränk war, das uns die Sterne vom Himmel geholt hat. Das Ergebnis ist oft ernüchternd. In der Folge stelle ich Ihnen Weine vor, die zwar Ihr Original-Erlebnis nicht Eins zu eins kopieren, aber eine Qualität mitbringen, die Sie das ganze Jahr über an Ihren Urlaub im Glas erinnern wird.
Rosé aus der Provence: Ein großes Vergnügen – auch im Winter
Es ist der Sommerwein schlechthin: schon die Farbe. Von krachendem Himbeerrot über Lachsrosa bis hin zu matt rosa Messing-Tönen. Selbst das „Auge des Rebhuhns“ darf eine Farbe, vor allem in Schweizer Weinen, beisteuern: „L‘Œil de Perdrix“. Hinter der ganzen leuchtenden Palette verbergen sich aber oft banale Tropfen, die in ihrer vermeintlichen Aromen-Vielfalt die ganze Auswahl an Segnungen der Weinzusatz-Industrie zeigen. Gerne noch garniert mit ein wenig Kohlensäure, Restzucker oder der Glamourgeschichte, wenn sich Hollywood-Stars vor ihrem Scheidungskrieg noch ein Weingut ans Bein schrauben und dann zu erheblichen Preisen den Markt fluten mit ja – Rosé.
Der Gegenentwurf kommt aus dem Hinterland der Provence in der Nähe von Cotignac aus dem Weingut „Clos de Ours“. Er entsteht aus einer Cuvée von fünf Rebsorten. Cinsault, Syrah, Mouvédre und Carignan, wobei der Grenache den Hauptanteil bildet. Dieser Wein behält sommerliche Lebensfreude und ist doch ernsthaft mit diesen feinen Gerbstoffen, die sich über das Aroma von Mittelmeer-Kräutern und Anklängen von roten Johannisbeeren legen. Ein großes Vergnügen – auch im Winter.
2024 „L´Accent“, Cotes de Provence Rosé AOP, Clos de L´Ours, € 17.90, www.weinhalle.de
Müller-Thurgau vom Bodensee: Netter Auftritt mit einem Hauch von Muskatblüte
„Wenn ich den See seh, dann brauch’ ich kein Meer mehr“ ist so ein geflügeltes Wort, das die ganze Faszination eines Süßwasser-Paradieses ausdrückt. Mit dem Camping-Bus unterwegs, die Brotzeit auf dem Klapptisch. Kleine Freiheit … Der unkomplizierte Wein dazu ist, wie in meiner letzten Geschichte empfohlen, am Bodensee auf jeden Fall der Müller-Thurgau: ein Hauch von Muskatblüte, verhaltene Kohlensäure. Netter Auftritt.
Genau an jenem Bodensee, im bayerischen Teil in Nonnenhorn, erregt der junge Simon Hornstein gerade Aufsehen mit seinen feingliedrigen Chardonnays und Spätburgundern. Erst seit dem Jahr 2010 macht er Wein im elterlichen Betrieb, der sich bis dahin mit Obstbau und Fremdenzimmern etabliert hatte. „From soil to soul“ (Von der Erde zur Seele) ist sein Motto, demnach er sich viel Zeit lässt in der Weinbereitung. Mindestens ein Jahr verbleibt der Saft auf der Hefe ohne Schwefel. Alles ist spontan vergoren und durchläuft den sogenannten „Biologischen Säure-Abbau“ (BSA), bei dem sich die schärfere Apfelsäure in die mildere Milchsäure umwandelt. Ein durchaus übliches Verfahren ist das bei praktisch allen Rotweinen und auch bei den weißen Burgundersorten.
Unüblich ist es allerdings beim Müller-Thurgau. Und so kommt ein Wein heraus, der die Urlaubs-Erinnerungen mit saftiger Säure und „grüner Frische“, wie Simon Hornstein dieses Geschmacks-Profil benennt, begleitet. Wer den VW-Bus am Ufer nicht hat und die Hornstein-Weine ausführlich verkosten möchte, dem sei die Übernachtung am Weingut empfohlen. Sieben Wohnungen zwischen 46 und 60 Quadratmetern gibt es.
2023 Müller-Thurgau, Bayerischer Bodensee, € 10, www.seehaldenhof.de
Rotwein aus dem Trention: Ein seriöser Sommerwein, der Spaß macht
Wem Südtirol zu teuer und touristisch zu überhitzt geworden ist, der fährt einige Kilometer weiter südlich und erlebt eine Region, die mit Wald, vielen Seen, ambitionierten Kunst-Projekten wie dem alpinen Kunst-Park „Arte Sella“ und einer erstaunlichen Kulinarik ganz still dahin glänzt: das Trentino. Angefangen mit dem allseits bekannten Gardasee, der von Spöttern schon als „Italien für Rosenheimer“ tituliert worden ist, bietet das Trentino wunderbare Berglandschaften wie zum Beispiel das einsame Fersental, in dem es noch eine bayerische Sprachinsel aus dem 13. Jahrhundert gibt.
Was den Wein angeht, so sind es vor allem die einheimischen Rebsorten Nosiola (weiß) und der rote Teroldego, die den Freund des vergorenen Traubensaftes berühren. In höchster Qualität findet man sie im Weingut Foradori der Familie Zierock in Mezzolombardo – ganz nah an der Autobahn übrigens. Der neueste Wein, des bio-dynamisch arbeitenden Emilio Zierocks, ist, was die Reben angeht, auch der älteste: Aus einem 80 Jahre alten Weinberg am Monte Baldo liest Emilio einen seltenen roten gemischten Satz aus den Rebsorten Schiava (Vernatsch), Padovan und Negrara. Der Weinberg selbst befindet sich, wie Emilio Zierock sagt, „im wilderen Trentino“ am Monte Baldo, unweit des Gardasees, mitten im Wald.
Ausgerechnet „Tutti-Frutti“ heißt dieser Wein, der federnd leicht, aber dennoch ernsthaft mit feinen Noten nach Nelken und Johannisbeeren daherkommt. Ein hoch seriöser Sommer-Rotwein ist das, der zudem größten Spaß macht und zeigt, wie überraschend dieses feine Reiseziel Trentino doch ist.
2022 Tutti Frutti, € 23.90, www.weinhalle.de
Retsina aus Griechenland: Im Holzfass ausgebaute, beste griechische Weißweintraube
Er gehört wie Gyros, Sirtaki und Strand zu unserem Urlaub. Man fragt gar nicht nach, wenn er auf den Tisch kommt. Retsina ist der Theken-Treibstoff unserer hellenischen Freunde schlechthin. Ja ja, der Wein mit irgendwie Harz drin oder so. Aber warum ist das so? Die Erklärung hat einen praktischen Grund. Das Harz aus der Aleppo-Kiefer wurde von den Griechen schon in der Antike verwandt, um undichte Wein-Behältnisse abzudichten. Schöner Nebeneffekt: Den Weintrinkern schmeckte die harzige Zugabe im Wein auch noch, weil sie eine bunte Aromatik bringt.
Der eigentliche Wein war also in den Hintergrund getreten und das wurde von den industriellen Wein-Herstellern ausgenutzt, bis der Ruf des Getränks in Deutschland ruiniert war und er sein Exil nur noch in kleinen farbigen Metall-Kännchen beim Griechen um die Ecke fristete.
Umso erstaunlicher ist es, dass sich das Weingut Kechri, unweit von Thessaloniki gelegen, ausgerechnet diesem Thema widmet und es anders angeht. So wird der einfache „Kechribari“ aus der Roditis-Traube produziert. Die Harz-Zugabe ist wohl dosiert und bringt im Nachgang die bekannten Noten nach Lavendel, Macchia, mit einem holzig-nussigem Einschlag. Das Ganze in der handsamen und Vasentauglichen 0,5 Liter-Flasche. Mit dem „Tears of Pine“ (Tränen der Kiefer) wollen die Neu-Erfinder zeigen, dass der Retsina richtig was kann: Die Basis hier ist die beste griechische Weißwein-Traube, der Assyrtiko. Im Holz ausgebaut erinnert der Wein eher an einen gut gereiften Sauvignon blanc. Das Harz ist ungefähr so weit entfernt wie unser nächster Griechenland-Urlaub.
Kechribari, € 6,50, Tears of Pine, € 18.50, www.zumweinmeister.de
Weißweine von den Azoren: Weine, die wirklich berühren
Wer seinen Sommer-Urlaub auf den Azoren verbracht hat, der war mit großer Sicherheit in Vorfreude auf das Wandern über die Blumen-Inseln der neun Eilande. Ganz oben auf der Liste dürfte auch die Besteigung des höchsten Gipfels in Portugal gewesen sein, des Montana do Pico mit seinen 2351 Metern Höhe. Gut, dass man zwischen den Inseln Pico und Faial auch noch allerbeste Chancen hat, auf preiswerten Touren Wale zu beobachten wie fast nirgendwo sonst auf der Welt.
Wer deshalb sein Quartier auf Pico aufgeschlagen hat, erlebte eine kulinarische Überraschung, mit der man nicht rechnen konnte. Die vorzüglichen Napfschnecken (Lapas), der einheimische Thunfisch mit Paprika und Süßkartoffeln etwa oder die unverschämt gute Kombination von gegrillter Morcilla (Blutwurst) und Orangen. Dazu kam der Wein auf den Tisch. Und man fragte sich, ob diese Tropfen etwa von diesen kümmerlichen windgebeugten Rebstöcken kommen könnten, die sich in einem Labyrinth von Lava-Mauern ducken. Bestenfalls haben wir einen netten Touristen-Tropfen erwartet. Doch dann begegnen einem Weine im Glas, die wirklich berühren-weit über die Souvenir-Tauglichkeit hinaus. Sie spielen in den Aromen mit tropischen Früchten wie Ananas und Maracuja, bei einer anfänglich knackigen Säure, die sich nach längerem Genuss als höchst charmant herausstellt. „Arinto“, „Verdelho“ und „Terrantez“ heißen die weißen Helden des Atlantiks, die allesamt mit einer feinen Salzigkeit unterlegt sind.
Ans Mitbringen von Wein von diesem Urlaubsziel hat natürlich niemand gedacht bei der Koffer-Planung. Gut, dass es einige dieser Ferienweine klammheimlich nach Deutschland geschafft haben.
2023 Verdelho O Original, Azores Wine Company, € 27.50, www.gute-weine.de
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