Es fühlt sich ein wenig an wie in der Kindheit. Als man die Schnur ausrollte, den Drachen in die Luft warf und auf den richtigen Wind hoffte, damit das Ding am Himmel tanzen möge. Jetzt hat man aber das Gefühl, nicht mehr alle Fäden in der Hand zu halten. Und von Faden kann auch keine Rede sein, denn es ist ein dickes Seil, das einen mit dem Schirm verbindet. Befestigt ist es am Bauch. Und wenn der Wind voll ins Segel fährt, kann es passieren, dass man für einen Moment abhebt und 20, 30 Zentimeter über der Schneedecke schwebt, die auf dem Silvaplanersee im Oberengadin liegt.
Das Oberengadin ist ideal zum Snowkiten
Wir sind bei den Trockenübungen für unseren ersten Versuch mit dem Kite. Die Skier liegen noch am Rand neben den Taschen. Es geht darum, den Kiteschirm kennenzulernen, der uns später auf den zwei langen Latten quer über den See ziehen soll. Die erste Hürde ist, den Drachen in die Höhe zu bringen. Sobald der Wind hineinfährt, muss man sich mit aller Kraft dagegenstemmen. Und dann ist auch schon Gefühl gefragt. Ausbalancieren, vorsichtige Bewegungen an der Bar, der Lenkstange.
Styf Pybus hat es aus Südafrika ins Engadin verschlagen
„Gut, lass ihn auf 12 Uhr steigen und stehen. Das ist die Softzone, da passiert nichts“, ruft Stef Pybus, die den Anfängerkurs heute leitet. Theorieunterricht und Trockenübungen wechseln sich ab. Aber bereits nach zwei Stunden ist es soweit, und wir dürfen die Skier anschnallen. Die ersten Versuche sind noch jämmerlich. Mehrfach muss Stef den Schirm in Ordnung bringen, der sich immer wieder aufs Neue heillos verwickelt. Aber dann klappt die erste Fahrt. Die Kunst besteht darin, die Skier quer zum Schirm zu stellen. „Du musst versuchen, vom Kite wegzufahren, dann kriegst du Speed“, erklärt Stef. Die 38-Jährige stammt aus Südafrika, lebt seit 15 Jahren im Engadin und ist jeden Sommer und jeden Winter mit Kiteschülern auf dem See. Heute hat sie sechs Schichten übereinander angezogen. „Dabei ist es gar nicht so kalt heute. Manchmal haben wir minus 20 Grad und ordentlich Wind. Dann wird es knackig.“
An unserem Testtag herrschen 14 Knoten, das sind knapp 30 Stundenkilometer. Aus geographischer Sicht ist das Oberengadin ideal fürs Kiten. Das breite Tal erstreckt sich von Südwest nach Nordost, meist pfeift der Wind vom Malojapass über die vielen Seen hinweg Richtung St. Moritz.
Die Bedingungen für sportliche Feriengäste sind ideal, denn die Seen taugen im Winter nicht nur fürs Kiten. Kilometerlang ziehen sich breite Langlaufspuren über die zugefrorenen Gewässer. Es gibt keine Bäume oder Wälder, die stören. Auch aus Sicht der anliegenden Gemeinden ist das Terrain ideal. Niemand muss Grundstücks-Verhandlungen mit Landwirten führen, damit Langläufer über deren Felder skaten dürfen. Andernorts führt das oft zu Komplikationen.
Noch am Tag zuvor arbeiteten wir uns mit den schmalen Skiern an den Füßen von Silvaplana Richtung Malojapass vor. Der Wind war zum Verfluchen. Einzig der Gedanke, dass er beim Rückweg von hinten wehen würde, hielt uns aufrecht. Wir hatten uns das Waldhaus Sils als Ziel gesetzt, das die ganze Zeit zu sehen war, aber es kam und kam nicht näher. Da fiel der Entschluss früher umzudrehen. Was wir auf der anderen Seite, in der Ferne, sofort entdeckten, war das Schloss Croop da Sass. Es war dasselbe Spiel: Wir liefen und liefen, die runden Türme stets vor Augen. Doch sie kamen kaum näher, trotz Rückenwind. Die Landschaft am Silvaplanersee ist so weit und offen, dass Vieles ganz nah wirkt, obwohl es noch verdammt weit weg ist.
Beim Snowkiten ist der Richtungswechsel tückisch
Zurück zum Kiten: Da haben wir das Schloss jetzt wirklich direkt vor der Nase, denn die Fahrtrichtung ist stets quer zum Wind, also immer vom westlichen zum östlichen Ufer und zurück. Das klappt irgendwann ganz passabel. Einzig die Technik zum Richtungswechsel verstehen wir nicht so richtig. Die meisten anderen Kiter am See spielen in einer anderen Liga, lassen sich vom Wind in die Höhe heben, um dann um die Kurve zu fliegen. Dennoch geht es uns besser als so manchem anderen in der Anfängergruppe. Stirnrunzelnd beobachten wir die Versuche eines Teilnehmers, der mit dem Snowboard angetreten ist. Mit einem Brett ist es schwieriger, in die Gänge zu kommen, als mit zwei Skiern an den Füßen. Irgendwann liegt der junge Mann auf dem Rücken wie ein Käfer, Füße und Snowboard in den Himmel gereckt, und hofft darauf, dass ihn der Wind aufrichtet.
Silvaplana ist der Hotspot für Kiter im Alpenraum, hier befindet sich nach eigenen Angaben eine der ältesten Kiteschulen der Welt. Der Ort liegt im Schatten von St. Moritz und doch ist hier jede Menge los. Jährlich gibt es rund 50 Veranstaltungen, wie die Jäger-Ski-WM oder Konzerte.
Mit Schneeschuhen unterwegs in Sils im Engadin
Die hohen Berge lassen sich nicht nur per Ski oder Board erkunden. Es sind auch Schneeschuhtouren im gesicherten Gelände möglich. Dazu stiegen wir für ein paar Minuten in den Bus, um die Furtschellas-Luftseilbahn in Sils zu erreichen. Ab der Mittelstation startet ein Rundweg Richtung Osten, bei dem schon bald der Corvatsch in den Blick kam. Der Weg verläuft teils in Pistennähe, manche Abschnitte führen aber auch mitten hinein ins Nirgendwo, wo kein Lift mehr surrt und keine Skifahrer mit ihren Kanten über die Piste kratzen. Wir passierten zwei Picknick-Plätze, drumherum türmte sich der Schnee. Es hatte sich aber jemand die Mühe gemacht, Bänke und Tische freizuschaufeln. Ein feiner Service, der im Oberengadin weit verbreitet scheint. Auf zahlreichen Winterwanderwegen in der Region stießen wir auf gepflegte, sitzbereite Ruhebänke. Manchmal lagen gar Decken bereit, mit denen man sich gegen den teils fiesen Winterwind schützen konnte.
Der kommt den Kitern natürlich immer recht. Er zerrt am Schirm, am Seil, am Sportler. Nach zwei Stunden auf Skiern geht die Konzentration verloren. Es wird Zeit, die Ausrüstung abzustreifen. Stef, unsere südafrikanische Kite-Königin, ist froh, dass heute alle mit einem Erfolgserlebnis nach Hause gehen. Das ist nicht immer der Fall. Sie berichtet von Gästen aus Asien, die auf ihrer Europa-Tournee im Oberengadin stoppen und unbedingt einen Kiteversuch unternehmen wollen. „Einmal sind zwei Frauen im Winter bauchfrei gekommen. Wir mussten ihnen erst einmal Klamotten suchen. Und Skifahren konnten sie auch nicht.“ Heute waren ein paar wenige Anfänger auf dem See, die eine halbwegs gute Figur gemacht haben zwischen den vielen Checkern, die immer wieder in die Luft gingen, wenn der Wind richtig zupackte.
Die Reise wurde unterstützt von Silvaplana Tourismus.
Wissenswertes über das Engadin und das Snowkiten
Anreise Per Zug von München nach Chur und weiter nach St. Moritz. Weiter per Bus nach Silvaplana (ca. 30 min). www.bahn.de
Unterkunft Hotel Albana: feine Adresse für Sportler. Tolles Frühstück, Wellnessbereich auf hohem Level. https://hotelalbana.ch
Conrad’s Mountain Lodge: Hotel im Alpinstil mit sehr hoher Gästezufriedenheit. Zentral gelegen, dennoch ruhig. www.cm-lodge.com
Aparthotel Chesa Bellaval: großzügige und komfortable Appartements mit Balkon oder Terrasse. www.chesa-bellaval.ch
Snowkiten Die Saison am Silvaplanersee geht in der Regel bis Ende März. Ein Gruppenkurs mit maximal vier Schülern kostet 200 Franken pro Person inklusive Materialmiete. Privatkurse ab 90 Franken pro Stunde. Zweier-Kurs ab 69 Franken pro Person und Stunde.
www.kitesailing.ch
Schneeschuhtouren Der Corvatsch Lake Trail ist knapp 4 Kilometer lang, dabei sind rund 200 Meter im Auf- und Abstieg zu überwinden. Berg und Talfahrt und Schneeschuh-Miete: 50 Franken pro Person. www.corvatsch-diavolezza.ch
Weitere Touren rund um Silvaplana: https://silvaplana.ch/aktivitaten/schneeschuhtouren
Geführte Touren: https://alex7summits.com, www.berninatrekking.com, www.langlaufschule-silvaplana.ch
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