Anlässlich der jüdischen Kulturwoche in Augsburg - Schwaben, die am Montag, 23. September, in der großen Synagoge in der Halderstraße eröffnet wird, spielen Solisten und Solistinnen der bayerischen Kammerphilharmonie und die Autorin Andrea von Treuenfeld liest aus ihrem Buch „Jüdisch jetzt! Junge Jüdinnen und Juden über ihr Leben in Deutschland“. Aber wo gab es im Augsburger Landkreis jüdisches Leben?
Ein Ort, der zum Netzwerk der historischen Synagogenorte in Bayrisch-Schwaben gehört, ist Fischach. Seit dem 16. Jahrhundert lebten dort Juden. Die meisten waren damals Viehhändler und kamen aus Orten wie Burgau, Günzburg und Steppach.
Auf Anfrage werden Führungen durch den jüdischen Friedhof in Fischach angeboten
In der ehemaligen Fischacher Synagoge vom Anfang des 18. Jahrhunderts befindet sich heute eine Zahnarztpraxis. Gleich daneben steht das ehemalige Rabbinatsgebäude, dem eine jüdische Schule angegliedert war. Einen Friedhof erhielten die Fischacher Juden erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Das lag auch an Streitereien mit der christlichen Geistlichkeit. Zuvor mussten die Toten in Burgau und später in Kriegshaber bei Augsburg beigesetzt werden. Der jüdische Friedhof in Fischach bot Erleichterung. Denn die Toten sollen laut jüdischem Brauch innerhalb von 24 Stunden beigesetzt werden, sagt Marion May-Wundenberg. Sie bietet auf Anfrage Führungen durch Fischach an. Ihr Schwerpunkt ist das jüdische Leben. Sie erklärt, wie es zu ihrem Interesse an den Fischacher Juden kam: „Mein Mann und ich wohnen in einem der ältesten Fischacher Judenhäuser.“ Es stammt ursprünglich aus dem Jahr 1728. Unter dem Verputz des Hauses entdeckte Marion May-Wundenberg das Bild eines Fischacher Juden: Es zeigt Albert Fromm im Jahr 1910.
Von „Sabbatmägden“ und Zeitzeugen
May-Wundenberg kennt viele Geschichten aus dem jüdischen Alltag. „An Sabbat durften die Juden überhaupt nichts Handwerkliches verrichten.“ Bis in die 1910er- und 20er-Jahre hinein habe es den Brauch gegeben, Schulkinder an Sabbat mit Süßigkeiten für das Anheizen des Feuers zu entlohnen. Einige Familien hätten auch „Sabbatmägde“ beschäftigt. Das stünde im Buch „Die letzten Zeitzeugen“ von Michael Kalb. Diese Mägde seien junge Mädchen im Alter von 14 bis 15 Jahren gewesen, die an Sabbat im Haushalt arbeiteten. Eine Regelung, die laut dem Haus der bayerischen Geschichte immer wieder für Anfeindungen durch Pfarrer sorgte. Angeblich blieben Christen wegen der jüdischen Dienste den Gottesdiensten fern.
Bis ins 19. Jahrhundert hinein hatten die Fischacher Juden lange Zeit recht beengt in fünf Häusern gelebt. Im 19. Jahrhundert erhielten die Fischacher Juden laut May-Wundenberg dann die Möglichkeit, Häuser zu erwerben. Das lag am Herrschaftswechsel. Fischach gehörte nun zu Bayern. Juden machten im 19. Jahrhundert rund die Hälfte der Bevölkerung aus. Beispielsweise lebten 1807 rund 246 Juden und 255 Katholiken in Fischach. Auch wirtschaftlich ging es voran. Das belegt der Erfolg der Familie Mendle mit ihrer überregionalen Horn- und Kunsthornproduktion. Im gemeinsam gewählten Gemeinderat saßen auch immer wieder jüdische Vertreter.
Versteckte Synagogen und geteilte Feuerwehr
Um die Jahrhundertwende herum kam es jedoch zu einer Trennung bei der Feuerwehr. Neben der Freiwilligen Feuerwehr mit ursprünglich christlichen und 30 jüdischen Mitglieder existierte nun auch eine israelitische Feuerwehr. Nach dem Ersten Weltkrieg begann ein düsteres Kapitel: Vor 1933 sei es zu Schändungen des Fischacher Judenfriedhofes. Rund ein Drittel der Fischacher Juden emigrierte. Mit der Reichspogromnacht 1938 sei es zu Überfällen auf die Juden in Fischach gekommen. Rund die Hälfte der Fischacher Juden wurde 1942 in zwei Wellen in das Durchgangslager Piaski und in das KZ Theresienstadt deportiert. May-Wundenberg sagt: „Keiner kam aus den Lagern nach Fischach zurück.“ Als Beispiel nennt sie die 1889 geborene Hausfrau Emma Fromm. Ihre Generation hätte den Ersten Weltkrieg miterlebt, die Ehemänner für Deutschland gekämpft. Sie hätten sich als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens verstanden.
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