Startseite
Icon Pfeil nach unten
Schwabmünchen
Icon Pfeil nach unten

Landkreis Augsburg: Unter dem Landratsamt in Augsburg verbirgt sich ein geheimer Raum

Mehrere Fluchttunnel führen zu geheimen Ausgängen.
Foto: Marcus Merk
Landkreis Augsburg

Unter dem Landratsamt in Augsburg verbirgt sich ein geheimer Raum

  • |
  • |
  • |

    Fast fünf Jahrzehnte wusste niemand, dass es ihn gibt: Im Keller des Landratsamts in Augsburg befindet sich ein geheimer Raum. Als die Kreisverwaltung 1978 das Gebäude zwischen Bahnhof und Prinzregentenplatz bezog, war die Türe zugemauert. Niemand ahnte, dass sich hinter der weiß verputzten Wand ein Zugang verbirgt. Vor einem Jahr entdeckte Andreas Lang vom Hochbauamt beim Studium alter Pläne und neuer digitalisierter Grundrisse den Raum. Was sich wohl darin verbirgt? Vielleicht ein Weinlager? Ein Schutzraum? Oder ein Archiv mit geheimen Akten aus dem Zweiten Weltkrieg? Das Geheimnis sollte gelüftet werden, sagte Kreisbaumeister Frank Schwindling Anfang des Jahres. Ihn interessiert die Geschichte des Hauses. Seit Jahren forscht er und versucht, mehr über die Vergangenheit des Zweckbaus herauszufinden.

    In den beiden Kellergeschossen des Landratsamts sind Schutzräume aus dem zweiten Weltkrieg erhalten.
    In den beiden Kellergeschossen des Landratsamts sind Schutzräume aus dem zweiten Weltkrieg erhalten. Foto: Marcus Merk

    Augsburger Landratsamts-Gebäude wurde für Reichsbahn-Direktion gebaut

    Das Gebäude mit seinem Innenhof wurde 1938/1939 für die Reichsbahn-Direktion errichtet. In einem Augsburger Architekturführer über Bauten zwischen 1900 und 2000 ist fälschlicherweise vermerkt, dass das Gebäude des einzige realisierte Gebäude eines in Augsburg geplanten „Gauforums“ sei, welches unter Beteiligung des Nazi-Architekten und Bezirksbaumeisters Hermann Giesler entworfen wurde. Dieser war ein glühender Verehrer Adolf Hitlers. Sein erstes Bauvorhaben war die NS-Ordensburg Sonthofen. Achsen, Aufmarschplätze und hierarchische Anordnung der Baukörper bestimmten später seine Architektursprache. Giesler entwarf unter anderem die Bauplanung für die "Jugendstadt des Führers" Linz und die Neugestaltung der "Hauptstadt der Bewegung" München. Für Augsburg entwickelte er nach Hitlers Vorgaben eine 1200 Meter lange Straßenachse zwischen Stadttheater und Kaiserplatz (heute Theodor-Heuss-Platz). Das Augsburger Projekt kam über die Planungsphase nicht hinaus.

    Das Gebäude zwischen dem Prinzregenten-Platz und dem Hauptbahnhof lag allerdings abseits des geplanten Gauforums. Unklar ist, von welchem Architekten es geplant wurde. Der Eingangsbereich mit Säulenvorhalle und entnazifiziertem Reichsadler hat noch typische Merkmale monumentaler Zweckbauten aus dieser Zeit. Für Schwindling ist das Gebäude ein Zeitzeuge, ein gebauter „Stolperstein“, der dazu anregt, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen.

    Über ein Gerät kann manuell Außenluft für die Schutzräume angesaugt werden.
    Über ein Gerät kann manuell Außenluft für die Schutzräume angesaugt werden. Foto: Marcus Merk

    Für den Dachstuhl des Gebäudes wurde eine schnelle und kostengünstige Konstruktion nach dem Ludwig-Kroher-Prinzip gewählt. Das heißt: Kein massiver Dachstuhl mit Pfetten und Sparren aus Vollholz, sondern eine filigran wirkende, statisch ausgeklügelte Konstruktion aus zusammengenagelten Brettern in Form von Dreigelenk-Fachwerk-Bindern. Die Bretter wurden mit Kalkfarbe bestrichen. „Das sollte feuerhemmend wirken“, erklärt Frank Schwindling. Gegenüber damals üblichen Konstruktionen konnte bei dieser Bauweise eine mindestens 40-prozentige Einsparung an Holz erzielt werden. Auf der erhaltenen Konstruktion finden sich unzählige rote Punkte und Striche. Was sie zu bedeuten haben, ist unklar. 

    Blick auf die Augsburger Wahrzeichen vom ehemaligen Funkturm

    Vom Dachstuhl des vierflügeligen Gebäudes geht es zu einem Turm: der ehemalige Funkturm des Gebäudes. Eine schmale Leiter führt hinauf auf die kleine Terrasse, von der sich ein atemberaubender Blick auf die Stadt eröffnet. Im Westen der Bahnhof, der markante Turm der Herz-Jesu-Kirche in Pfersee und der Riegele-Kamin. Im Osten der Dom, der Perlachturm und das Rathaus sowie St. Ulrich. Im Süden der Maiskolben und bei gutem Wetter die Alpen.

    Von ganz oben nach ganz unten: Im Landratsamt gibt es neben einem Untergeschoss noch zwei weitere Kellergeschosse, in dem sich zahlreiche Schutzräume befinden. In ihnen sollten die Menschen bei Bombenangriffen früher Zuflucht finden. Heute werden sie zum Teil von der Verwaltung genutzt. Lagerräume, Technik und Akten finden sich in der zweigeschossigen Unterwelt, in der jeder Besucher schnell die Orientierung verliert.

    Viele Räume erinnern an das dunkle Kapitel Geschichte. An einigen Wänden stehen noch in großer Schrift die Raumnummern und die Zahl der Menschen, die im Notfall Platz finden. "Ruhe bewahren. Schutzraumordner folgen! Rauchen verboten!" heißt es am Raum 59b, der zwölf Menschen Platz geboten hätte. Über einen "Luftschutzraumbelüfter" ließ sich Luft ansaugen. Die große Handkurbel kann immer noch bedient werden.

    Die vollautomatische Heizanlage im Keller der Kreisbehörde ist vollständig erhalten.
    Die vollautomatische Heizanlage im Keller der Kreisbehörde ist vollständig erhalten. Foto: Marcus Merk

    Geschichte des Landratsamts in Augsburg: Vollautomatische Kohleheizung findet sich noch im Keller

    Fast wie ein Industriedenkmal wirkt die ehemalige Holzkohle-Feuerungsanlage mit ihren zwei Kessellinien, die schon zur Bauzeit vollautomatisch mit Kohlen beschickt werden konnte. Sie ist komplett erhalten: Die Kohlebunker, die sich von außen befüllen ließen, die Förderbänder und die monströsen Brennkessel. Die Zeit scheint in den über fünf Meter hohen Kellerräumen stehen geblieben. An den Wandfliesen klebt der Kohlestaub vergangener Tage.

    Kreisbaumeister Frank Schwindling legt Wert auf die unterirdischen, stillen Zeitzeugen. Er führt Interessierte immer wieder durch die verwinkelte Unterwelt, zu der auch schmale und dunkle Gänge gehören. Über die Tunnel sollten Menschen bei einem Bombenangriff ins Freie flüchten können. Nur mit einer Taschenlampe geht es dort vorwärts. Schritt für Schritt in einer feuchten Luft. An Decke und Boden wachsen Stalagmiten und Stalaktiten durch herabtropfendes Wasser. In einem breiteren Flur funktioniert der fluoreszierende Farbanstrich an der Decke: Er sollte den Menschen im Keller bei einem Stromausfall Orientierung bieten. Es gibt so viele Details, die an die Schrecken erinnern, die im Augenblick etwa den Menschen in der Ukraine widerfahren: Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute.

    In den schmalen Fluchttunnel geht es nur mit einer eigenen Lichtquelle Schritt für Schritt vorwärts.
    In den schmalen Fluchttunnel geht es nur mit einer eigenen Lichtquelle Schritt für Schritt vorwärts. Foto: Marcus Merk

    Das ist noch passiert

    Ein bisschen wie Pyramidenforscher fühlen durften sich die Helfer des Landratsamts und der Feuerwehr Neusäß, als sie im März vorsichtig ein Loch in die Wand brachen, um zu einem unbekannten Raum zu gelangen. Nachdem die Helfer Stück für Stück des Zugangs mit einem Vorschlaghammer bei viel Staub aufgebrochen hatten, seien letztlich nur Mauerreste zum Vorschein gekommen, über die früher Beton gegossen worden waren, berichtete ein Sprecher des Landratsamts. Der Raum war raumhoch mit Schutt verfüllt worden. Deshalb wurde beschlossen, ihn wieder abzuschließen – mit einer Pressspanplatte für die kommenden Jahre. Oder vielleicht Jahrhunderte.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden