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Ankommen in Deutschland: Wie ein Student aus Indien in Passau eine Heimat fand

Integration

Wie man in einem fremden Land seinen Platz findet

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    Geprägt von seiner Kindheit setzt sich Shashwata für mehr Gerechtigkeit in der Welt ein.
    Geprägt von seiner Kindheit setzt sich Shashwata für mehr Gerechtigkeit in der Welt ein. Foto: Lynn Ries

    Als Shashwata Samanta im Oktober 2022 aus Indien nach Deutschland kommt, muss sich der damals 24-Jährige an einiges gewöhnen: Ein fremdes Land mit einer fremden Sprache, fremden Menschen und unzählige neue Eindrücke. Eine Zeitlang fragt er sich, warum ihm hier alles so anders vorkommt. Dann merkt er: Es ist die Stille, die er aus seiner Heimatstadt Kalkutta so gar nicht kennt. „Ich glaube, ich habe nach fünf Tagen das erste Mal ein Auto hupen gehört“, erzählt er lachend. 

    Heute sitzt der Student, der den Spitznamen Sam trägt, auf einer roten Couch in der Bibliothek an der Universität Passau. Hier studiert der mittlerweile 27-Jährige ab kommenden Sommersemester Staatswissenschaften. Er hat schulterlange, lockige Haare, die dieselbe dunkle Farbe wie seine Augen haben. An die Stille hat er sich mittlerweile gewöhnt, genauso wie an alles andere, was mit dem Umzug in ein fremdes Land einhergeht.

    Brücken bauen für Studierende im Ausland

    „Anfangs war ich sehr orientierungslos. Vor allem mit der Währung und in den Supermärkten musste ich mich erst einmal zurechtfinden“, erinnert sich Shashwata. In seinem ersten Monat in Deutschland hat er keine eigene Wohnung, schläft bei Freunden auf der Couch. Als er nach Passau zieht und anfängt zu studieren, fühlt er sich sehr einsam – bis in einer WhatsApp-Gruppe die Nachricht aufploppt: „Hi, ich suche Freunde, bin heute Abend in der Bar Kapfi – sprecht mich gerne an!“ Aus dieser Nachricht entstand der Abend, an dem Shashwata seine ersten engen Freunde kennen lernte. 

    Seine eigenen Erfahrungen bewegen Shashwata dazu, der Organisation AEGEE („Association des États Généraux des Étudiants de l’Europe“), einem Forum für Erasmus-Studierende, beizutreten. „Ich will Studierenden helfen, in einem fremden Land Anschluss zu finden. Oft gibt es das Problem, dass sich kleine Grüppchen bilden, in denen nur Menschen aus demselben Land miteinander zu tun haben – ich kann das total verstehen, es ist ja auch erst einmal einschüchternd, komplett allein in einem fremden Land zu sein, dessen Sprache du vielleicht gar nicht sprichst.“

    Politisches Engagement aus Überzeugung

    Mittlerweile fühlt er sich gefestigt in seiner Arbeit, die ihm sehr viel bedeutet. Wenn die Leute, die er zusammengebracht hat, am Ende des Semesters ihre Freundesgruppen gefunden haben und Reisen unternehmen, weiß er, dass er das Richtige macht. Er liebt es, die Veränderung der Menschen während ihres Auslandssemesters mitzuerleben – wie sich ihre Gesinnung, die Art, wie sie auf Leute zugehen, verändert, wie sie selbstbewusster werden und ihre Angst ablegen.

     Einen großen Teil von Shashwata stellt auch sein politisches Engagement dar. In seiner Heimatstadt Kalkutta, die als die „kreative Hauptstadt Indiens“ bekannt ist, wächst er mit den Geschichten der indischen „freedom fighters“ auf. Schon früh entwickelt er ein ausgeprägtes Bewusstsein für Gerechtigkeit, welches seine politische Meinung prägt. 

    „Ich war sehr wütend auf die Welt“, erinnert sich Shashwata. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass meine Wut gerechtfertigt ist: Viele Menschen auf der Welt leiden Hunger und leben in Armut, und das Schlimmste daran ist: Die Welt könnte ein viel besserer Ort sein. Es liegt nicht daran, dass nicht genug für alle da ist – es gibt genug für alle, und jeder Mensch hat das Recht auf eine wertvolle Existenz“. Mit dieser Überzeugung findet Sam Gleichgesinnte bei der Linken in Passau. Dort setzt er sich beispielsweise für bessere Busverbindungen in Passau ein, weil vor allem die internationalen Studierenden, die oft in den Wohnheimen eher außerhalb leben, keine gute Busverbindung in die Stadt haben. Dies zieht neben langen Wartezeiten auch eine gewisse Isolation nach sich, die Shashwata den Studierenden ja eigentlich nehmen will.

    Sein Engagement bringt jedoch Schwierigkeiten mit sich: So erzählt Shashwata von einer Situation, die ihm im Gedächtnis geblieben ist: „Als ich mit ein paar anderen Mitgliedern der Linken am ZOB stand, um Unterschriften zu sammeln, kam ein Mann zu uns an den Stand. Der Stand lag eigentlich gar nicht auf seinem Weg, er hat extra einen Umweg gemacht, um mich zu fragen: ´Wo muss ich denn meine Unterschrift setzen, um all die Migranten wieder nach Hause zu schicken? ´“. Er erzählt sogar von Morddrohungen, die er in seinem Heimatland aufgrund seiner politischen Überzeugungen erhalten hat: „Nach Indien bin ich deswegen, seitdem ich hier bin, nicht einmal zurückgekehrt. Dort fühle ich mich im Moment nicht sicher.“ 

    Shashwata bleibt standhaft und sammelt trotz Beleidigungen und Drohungen weiterhin Unterschriften für die Partei „Die Linke”.
    Shashwata bleibt standhaft und sammelt trotz Beleidigungen und Drohungen weiterhin Unterschriften für die Partei „Die Linke”. Foto: Lynn Ries

    Trotz allem ist Shashwata glücklich über die Entscheidung, nach Deutschland gekommen zu sein. Vor allem durch seine Arbeit bei AEGEE und seinem politischen Engagement fühlt sich Shashwata mittlerweile zugehörig. „Heute habe ich in Deutschland mehr Freunde als in Indien jemals“, sagt er, mit ein bisschen Erleichterung in seiner Stimme. Auf die Frage, ob es einen spezifischen Moment gab, in dem er sich das erste Mal angekommen und zu Hause gefühlt hat, antwortet er mit einem Zitat aus dem Film The Fault in our Stars: „Slowly at first, but then all at once.“ (dt.: „Erst langsam, und dann alles auf einmal“)

    Fragt man ihn nach seinem Rat an Menschen, die in ein fremdes Land kommen und Angst haben, keinen Anschluss zu finden, sagt er: „Always choose the option that requires more courage“ – Entscheide dich immer für die Option, die dich mehr Mut kostet. So, wie er es damals getan hatte.

    #redaktionjoko

    Dieses Porträt ist in Zusammenarbeit mit der Uni Passau entstanden. Studentinnen und Studenten des Studiengangs Journalistik und Strategische Kommunikation (JoKo) arbeiteten unter der Leitung von Max Kramer, Veronika Lintner und Verena Wengert (Augsburger Allgemeine und Günter Holland Journalistenschule) an einer Serie bewegter Lebensläufe aus ganz Deutschland. Das hier ist das Ergebnis. Alle Porträts sind nachzulesen unter www.azol.de/redaktionjoko.

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