Es gab schon mal bessere Gelegenheiten, um beim 1. FC Heidenheim eine Mitgliederversammlung abzuhalten. Das wusste auch Vorstandschef Holger Sanwald, der am Mittwochabend zu den rund 600 Mitgliedern sprach, die ins Congress Centrum der Stadt gekommen waren. „Wir haben in Leverkusen die höchste Niederlage der Vereinsgeschichte kassiert und stehen auf dem 18. Platz.“ Eigentlich wären demnach alle Zeitpunkte besser gewesen als die aktuelle Länderspielpause, die Es war ein Komplettabsturz aller Systeme, der an den Grundfesten der FCH-Identität rüttelte.
Denn anders als sonst ließen die Spieler jegliche Gegenwehr vermissen, ließen sich vom Vizemeister vorführen. Dessen Fans riefen nach dem sechsten Tor: „Einer geht noch rein.“ Trainer Frank Schmidt wirkte konsterniert und stellte sich erstmals nichts mehr vor seine Mannschaft, wie er es bei der vergangenen Niederlage noch getan hatte. „Heute kann ich’s nicht. Weil nichts darauf hingedeutet hat, weil die Erwartung eine ganz andere war.“ Sieben Kilometer weniger waren die Heidenheimer während des Spiels gelaufen als die Leverkusener, was sich mit dem Eindruck von Schmidt deckte, wonach die Werkself mit einem Mann mehr zu spielen schien. Nach Spielende ging ein Bild aus der FCH-Fankurve um, das sinnbildlich für vieles auf der Ostalb zu stehen schien: Ein Fan schwenkte die weiße Fahne, das Zeichen der Aufgabe.
FCH-Kapitän Mainka sprach vom schwärzesten Tag seiner Karriere
Niklas Dorsch, der nach einer knappen halben Stunde beim Stand von 0:4 eingewechselt wurde, sagte dazu: „Wir können froh sein, dass es nicht 8:0 oder 9:0 ausgeht.“ In die Einzelteile sei die Mannschaft zerfallen. Für Patrick Mainka, der als Kapitän in seinen bislang sieben Heidenheimer Jahren fast nur Erfolge gewohnt war, stand fest: „Es ist der schwärzeste Tag in meiner Laufbahn bisher.“ Zugleich setzte der Innenverteidiger auf einen Reinigungsprozess innerhalb der Mannschaft: „Die Fetzen sind von den Fans schon geflogen, jetzt müssen wir auch untereinander Tacheles reden.“
So mancher hatte erwartet, dass selbiges auch auf der Mitgliederversammlung des Vereins stattfinden würde. Die lauten Frustbekundungen blieben aber aus. Vielleicht auch deshalb, weil die Verantwortlichen selbst hart mit sich ins Gericht gingen. Holger Sanwald sprach davon, dass „wir zu selten unsere DNA auf den Platz gebracht haben“. Sanwald ist Mr. Heidenheim. Der ehemalige Spieler ist seit 1994 der starke Mann im Verein, verpflichtete den heutigen Trainer Frank Schmidt noch als Spieler. Der 58-Jährige kündigte an: „Aber wir haben einen klaren Plan, damit sich das wieder ändert.“ Mit „größtem Zusammenhalt und Optimismus“ soll die Wende erreicht werden, sagte Sanwald und erntete dafür lang anhaltenden Applaus.
Im Sommer musste der FC Heidenheim wieder Qualität abgeben
Zugleich dürften aber sowohl Sanwald als auch Trainer Schmidt wissen, dass es mit Zusammenhalt und Optimismus alleine nicht getan sein dürfte. Ob die Mannschaft wirklich die Qualität mitbringt, um in der Bundesliga mithalten zu können, darf zumindest angezweifelt werden. Nach dem großen personellen Aderlass im Sommer vor eineinhalb Jahren, als etwa Tim Kleindienst den Klub verließ, verlor das Team in diesem Jahr mit Leonardo Scienza den besten Offensivmann und den Spieler, der in der Relegation gegen Elversberg den Unterschied gemacht hatte.
Gleichwertigen Ersatz gab es nicht. Zum einen deshalb, weil Scienzas Abgang erst kurz vor Schließung des Wechselfensters perfekt war – zum anderen ist es für den FC Heidenheim gar nicht so einfach, Spieler zu verpflichten, wie Frank Schmidt unserer Redaktion vor Saisonbeginn sagte: „Wir haben ein paar Absagen kassiert – aus unterklassigen Ligen. Da frage ich mich: Hallo, wir sind doch ein Bundesligist?“ Dazu kam: Einer der wenigen Neuzugänge, Linksverteidiger Leart Paçarada, riss sich kurz nach der Unterschrift das Kreuzband. Mit Sirlord Conteh fällt ein wichtiger Offensivbaustein mit einer Meniskusverletzung ebenfalls seit Wochen aus.
Für den FCH dürfte es bis zum Jahresende nun darum gehen, den Anschluss an die Nichtabstiegszone so gering wie möglich zu halten, aktuell sind es ohnehin nur zwei Punkte Abstand. Zugleich muss der FCH darauf hoffen, im Winter Qualität hinzuzugewinnen. Finanziell ist der Verein grundsolide aufgestellt: Für das Kalenderjahr 2024 vermeldete Finanz-Vorstand Gerrit Floruß am Mittwoch einen Umsatz von 89,6 Millionen Euro sowie für die Saison 2024/25 einen Gewinn von 956.000 Euro nach Steuern. Eine solide Finanzbuchhaltung wird auf der Ostalb honoriert. Und Geld für neue Spieler wäre durchaus vorhanden. Die Sache mit der weißen Fahne dürften sie sich im Heidenheimer Fanblock vielleicht nochmals überlegen.
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