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Darts-WM 2021
30.12.2020

Sieben Matchdarts und raus: So erklärt ein Psychologe das Aus von Gabriel Clemens

Gibt‘s doch einfach nicht: Sieben Mal hätte der deutsche Darts-Profi Gabriel Clemens mit einem einfachen Wurf den Einzug ins Viertelfinale der Weltmeisterschaft klarmachen können.
Foto: Kieran Cleeves, dpa

Gabriel Clemens vergibt im Achtelfinale der WM sieben Matchdarts und scheidet aus. Ein Psychologe erklärt, wie es dazu kommen kann – und was Clemens ändern muss.

Knapper geht nicht: In einem an sportlicher Dramatik kaum zu überbietendem Match ist Gabriel Clemens bei der Darts-WM in London ausgeschieden. Gegen den Polen Krzysztof Ratajski vergab "The German Giant" sieben Matchdarts – also Chancen auf den Sieg – und musste am Ende den Traum vom ersten Deutschen im WM-Viertelfinale begraben.

Frappierend an der Schlussphase des Matches: Beide Profis, die zu den besten der Welt gehören, versagten reihenweise darin, den letzten Pfeil in einem der Doppelfelder zu versenken. Ratajski vergab sogar neun Matchdarts, bevor er den Sieg perfekt machte. Nach Spielende war auch der Pole mit den Nerven am Ende, lehnte mit dem Kopf an der Wand.

Sportpsychologe Walter: Clemens war nicht vorbereitet auf Drucksituation

Sportpsychologe Jürgen Walter.
Foto: Walter
 

Zwei Darts-Spieler, die bei der Weltmeisterschaft in der Runde der letzten sechzehn stehen und denen kurz vor dem großen Ziel die Nerven durchgehen – wie kann das sein? Das zu begründen und zu beheben, ist das Arbeitsfeld von Jürgen Walter. Der Sportpsychologe aus Düsseldorf arbeitet seit 25 Jahren mit Athleten aus allen Sportarten zusammen, veröffentlichte etwa zusammen mit dem Fußballprofi Mats Hummels den Film "Alles geschieht im Kopf" – und hat das Achtelfinal-Aus von Clemens als Darts-Fan ebenfalls mitverfolgt.

Der 62-Jährige ist überzeugt davon, dass Clemens nicht optimal auf diese Drucksituation vorbereitet war. Vor allem die Körpersprache des Saarländers war aus Sicht von Walter verheerend: "Ich kann doch nicht die Hände über den Kopf zusammenschlagen und meinem Gegenspieler damit signalisieren, wie sehr mich dieser Misserfolg getroffen hat – damit baue ich ihn doch auf."

Die Aussagen von Gabriel Clemens bei Sport1 überraschen den Psychologen

Auch ein Interview, das Clemens nach seinem Aus bei Sport1 gab, sei sinnbildlich für die falsche Herangehensweise gewesen. Clemens sagte darin, dass er nach dem WM-Aus "nichts Positives" sagen kann – für Walter ein Unding: "Er hätte sagen können, dass er durch diese Niederlage gelernt hat, dass das Darts in Deutschland populärer geworden ist." Auch wenn Walter Clemens bescheinigt, in dem Interview authentisch gewirkt zu haben, fällt sein Urteil hart aus: "Clemens hat mit dieser Aussage auch eine Chance für seinen Sport vertan."

Dass Sportler in einer Drucksituation versagen, ist natürlich kein Alleinstellungsmerkmal des Darts. Walter berichtet von einem Handballer, der im Training alles traf und im Spiel nicht einmal den Abschluss wagte. Von einer Fußballerin, die bekannte, Angst vor dem Ball zu haben, weil sie bei dessen Besitz einen Fehler machen könnte.

Das Ziel, auf das Walter mit den von ihm betreuten Athleten hinarbeitet: Die Lust auf das Gewinnen muss größer sein als die Angst vor dem Verlieren, sie idealerweise sogar verdrängen. "Gegen negative Gedanken kann ich nicht ankämpfen – sobald sie da sind, behindern sie mich." Wichtig sei es deswegen, mit positiven Gedanken zu arbeiten, den Spielspaß zu wecken. Dem Handballer half es etwa, sich im Spiel mit dem Wort "Mut" zu motivieren – die Fußballerin bekam Lust auf den Ball, als sie einen Smiley auf ihre Handinnenfläche malte.

Wie mentale Stärke aussieht, demonstrierte der Weltranglistenerste Michael van Gerwen später am Abend im Match gegen Joe Cullen. Van Gerwen erwischte keinen guten Tag. Cullen hingegen zeigte das beste WM-Spiel seiner Karriere, hatte zwei Matchdarts – und verlor am Ende gegen van Gerwen, der sich nie entmutigen ließ. Und Clemens? "Der wirkte, als ob sein Haus abgebrannt ist", sagt Walter. So spektakulär die Spiele des Saarländers bei dieser WM auch waren – Walter sieht bei ihm noch großes Steigerungspotenzial. Zumindest das könnte für den "German Giant" eine gute Nachricht sein.

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