Die größte Darts-WM aller Zeiten steht ins Haus. Wird sie auch die beste aller Zeiten werden?
ELMAR PAULKE: Es wird auf jeden Fall eine interessante werden. Es gibt sehr viele Spieler, die weit kommen können – ob für den Titel auch viele in Frage kommen, ist eine andere Sache. Aber das Teilnehmerfeld ist ausgeglichen. Es ist ein hoher Druck für die Favoriten. Sie wissen, dass jede Runde die letzte sein kann, weil die Qualität inzwischen so gut ist. Von daher wird es spielerisch wahrscheinlich die beste WM aller Zeiten werden. Dann gibt es mehr internationale Teilnehmer, die vielleicht nicht immer die Qualität haben. Aber auch das wird mit jedem Jahr besser. Auch Spieler aus Südafrika, Asien oder Afrika haben inzwischen einen ordentlichen Standard.
Wie groß sind die Chancen, dass der Weltmeister einen anderen Vornamen trägt als Luke?
PAULKE: Das habe ich auch neulich Michael van Gerwen gefragt. Er findet, dass die Chance groß ist (lacht). Aber die beiden dominieren dieses Jahr. Luke Littler ist zu Recht die neue Nummer eins der Welt geworden. Er und Luke Humphries sind schwer zu knacken. Trotzdem glaube ich, dass die WM auch wegen des Modus kein Alleingang wird. Die Lukes werden während des Turniers knifflige Momente überstehen müssen. Spieler wie Gerwyn Price, van Gerwen oder Stephen Bunting trauen sich den Titel auch zu. Die stehen nicht mit staunenden Augen da, sondern wissen: Wenn sie ihr bestes Spiel zusammenbringen, haben sie auch eine Chance. Das Timing wird entscheidend. Derzeit gewinnen die Lukes viel mit ihrem B-Game, also mit Routine. Bei der WM wird es das A-Game brauchen. Sie müssen in Topform sein, um gegen die anderen Weltklassespieler zu bestehen. Eine WM ist einfach anders, sie hat eine enorme Eigendynamik.
Luke Littler ist ein Phänomen, ein Medienstar – kann ein 18-Jähriger diesen öffentlichen Druck denn auf Dauer standhalten?
PAULKE: Das ist eine wichtige Frage. Bei ihm kommt gerade alles zusammen. Die Weltbesten sagen über ihn: Er ist 18, das ist auch ein Vorteil. Er hat keine Familie zu Hause, keine anderen Sorgen und kann sich voll und ganz auf den Sport konzentrieren. Ein großes Talent von Littler ist, wie er mit Druck umgeht. Diese Dauer-Öffentlichkeit scheint er als Herausforderung anzunehmen. Ich glaube: Nur wenn du das so machst, kannst du so spielen, wie er das tut. Es gab so ein paar Matches, wo man ihm mal den Druck angemerkt hat. Aber das hat er hinbekommen. Wenn er und Humphries gegeneinander spielen, sehe ich bei Humphries nicht diesen Spaß bei der Sache. Littler hat einfach Bock auf sowas. Aber mal sehen, wie er seine erste Krise verkraften wird.
Littlers Präsenz in Großbritannien ist unglaublich. Wie kann man sich das vorstellen?
PAULKE: Luke Littler hat den Dartsport auf eine neue Ebene gebracht. Er ist in England ein absoluter A-Promi. Große Unternehmen haben millionenschwere Werbeverträge mit ihm abgeschlossen, wie Xbox. Auf ihn schauen alle. Er entfacht eine ganze Generation an jungen Menschen. Wenn man in England bei einer Darts-Veranstaltung ist, haben alle Jungen Littlers Shirt an. Er hat schon jetzt eine Dimension gebracht, die Phil Taylor (Rekordweltmeister, Anm. d. Red.) beispielsweise nie hatte.
Taylor beendete seine Karriere mit 57. Littler ist 18. Wird er den Sport über Jahrzehnte dominieren?
PAULKE: Nein, auf keinen Fall. Als Phil Taylor im Einsatz war, war das eine ganz andere Saisonstruktur. Es gab viel weniger Turniere, das war eine ganz andere Belastung. Selbst Michael van Gerwen deutet ja schon an, dass er das so lange nicht machen wird. Und er ist 36 Jahre alt. Er wird das noch, fünf, sechs Jahren machen, dann reicht die Kraft nicht mehr.
Auf welche Akteure sollte man auch noch ein Auge haben?
PAULKE: Ich halte die 21-jährige Beau Greaves für ein ähnlich großes Talent wie Luke Littler. Sie hat die Tour Card gewonnen, war im World Youth Championship Finale. Auf sie freue ich mich sehr. Und dann macht Paul Lim, „The Singapur Slinger“, immer Spaß. Er ist jetzt 71 und hat sich wieder qualifiziert. Ansonsten klopft die junge Generation schon an die Tür. Der Nachwuchs wird die Tour in den nächsten Jahren prägen.
Zugleich wird das Darts immer professioneller, Spieler werden stärker abgeschirmt. Damit geht doch etwas von der Magie verloren, oder?
PAULKE: Die Gefahr besteht auf alle Fälle. Die Nähe zu den Spielern war und ist immer wichtig. Sie sollten greifbar sein, aber das ändert sich gerade. Das ist ein schmaler Grat. Viele Fans dachten sich: Das könnte eigentlich auch ich sein auf der Bühne. Es hat sich alles immer weiter professionalisiert. Einer der ersten, der schon nicht mehr ganz so nah dran waren, war Michael van Gerwen.
Michael van Gerwen sagte, dass das Darts in Deutschland endlich den nächsten Sprung machen muss. Was fehlt denn noch zur Weltspitze?
PAULKE: Ich finde, dass wir dabei sind, diesen Schritt zu gehen. Martin Schindler als deutsche Nummer eins ist jetzt unter den Top 16 der Welt, er war unglaublich stark auf der European Tour. Der aktuell beste Deutsche ist für mich aber sogar Niko Springer. Er hat ein verdammt gutes Spiel, hat in seinem ersten Jahr sofort ein Turnier gewonnen. Er ist ein richtiger Shootingstar. Es entwickelt sich, es wird. Ich sehe es nicht so kritisch. Wir sind auf einem guten Weg.
Zumal so viele Deutsche wie noch nie dabei sind, acht treten bei der WM an. Wie schätzen Sie diese ein?
PAULKE: Wir haben mehrere heiße Aktien. Schindler und Springer gehören dazu. Aber auch Gabriel Clemens, der zwar keine gute Saison gespielt hat, aber eine gute Erfahrung im Alexandra Palace in seinen Knochen hat. Die drei haben das Potential dazu, um ins Viertel- oder Halbfinale zu kommen. Die Frage ist halt, ob sie es schaffen, ihre Leistung auf den Punkt abzuliefern. Wir haben auch einige Rookies wie Dominik Grüllich oder Lukas Wenig dabei, für die es darauf ankommen wird, Erfahrungen zu sammeln.
Eine These, warum der große Durchbruch bislang ausgeblieben ist, lautet: Man ist in Deutschland zu nett zu den Darts-Profis. Ist da so?
PAULKE: Ich weiß gar nicht, ob das so ist. Gabriel Clemens bekommt immer mal wieder einen Shitstorm ab. Über Social Media gibt es viel Kritik. Ich habe eher den Eindruck, dass wir zu schnell den großen Erfolg wollen. Natürlich gibt es die Littlers, die von Null auf Hundert durchstarten. Aber es gibt auch viele Beispiele, wo Erfolge erst dann nach ein paar Jahren gekommen sind. Weil es eine Entwicklung ist. Wenn Martin Schindler jetzt demnächst sein erstes Major Turnier gewinnt, wäre das der nächste Schritt. Den müsste er in den nächsten ein, zwei Jahren hinbekommen.
Sie haben den Darts-Sport lange und bis zur heutigen Entwicklung begleitet – was hat sich alles geändert, ist das überhaupt noch derselbe Sport?
PAULKE: Diese WM wird meine 22. sein. Das ist schon unglaublich. Es hat sich so wahnsinnig viel geändert. Wie oft bin ich in den ersten Jahren gefragt worden: „Darts - ist das denn ein Sport?“ Diese Frage wird mir gar nicht mehr gestellt. Durch die vielen großen Turniere, die wir in Deutschland und über die European Tour ist da etwas gewachsen. Am Anfang kamen 200 Leute in so eine Halle, jetzt gibt es den Premier-League-Abend in Berlin vor 12.000 Menschen. Da ist schon wahnsinnig viel passiert und das Interesse ist wirklich groß. Und wir haben den Peak nicht erreicht. Der wird mit dem ersten deutschen Weltmeister kommen. Wir haben das so ein bisschen ja erlebt, als Gabriel Clemens 2023 im WM-Halbfinale stand. Da hat auf einmal die Tagesschau über die Darts-WM berichtet. Ich sitze manchmal bei mir zuhause und denke mir: Was war eigentlich vor 15 Jahren? 2010 hatten wir zum ersten Mal eine Einschaltquote von einer über einer Million Zuschauern in der Spitze. Alleine schon, wie viele Medien darüber berichten – das ist nicht mehr miteinander zu vergleichen. Aber auch in England hat der Sport einen Riesensprung gemacht. Als ich bei der WM-Auslosung in London war, waren auch US-Sender da, die sich für Littler interessiert haben. Der ganze Sport ist in eine völlig andere Dimension vorgestoßen.
Zum Abschluss bitte zwei Tipps: Wer wird Weltmeister und wo landet der beste Deutsche?
PAULKE: Der beste Deutsche landet im Viertelfinale und heißt Martin Schindler.
Das ist der Sicherheitstipp.
PAULKE: Deswegen gehe ich beim Weltmeistertipp auch etwas mehr Risiko. Ich glaube, dass keiner der Lukes am Ende oben steht, sondern Gerwyn Price. Er hat jetzt zwar in dieser Saison noch kein großes Turnier gewonnen. Aber er ist aktuell gut drauf und spielt mit großer Überzeugung.
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