Das Lächeln wollte gar nicht mehr aus dem Gesicht weichen. Als Arthur Chaves im Bauch der Allianz-Arena über die vergangenen drei Tage erzählte, fiel es ihm schwer, seine Gefühle auszudrücken. „Verrückt, wirklich verrückt“, sei das alles, meinte er. „Ich habe keine Worte, um meine Gefühle zu beschreiben. Ich bin so glücklich.“ Der FC Augsburg hatte einen Coup gelandet und dem schier übermächtigen FC Bayern München mit dem 2:1 die erste Saisonniederlage in der Fußball-Bundesliga zugefügt. Chaves stand im Mittelpunkt – obwohl er wenige Tage zuvor noch gar nicht zum Kader der Augsburger gezählt hatte.
Am Donnerstag war das Leihgeschäft mit der TSG Hoffenheim finalisiert worden; am Freitag teilte ihm Trainer Manuel Baum mit, dass er in der Startelf stehen würde; und am Samstag durfte er über einen eigenen Treffer und den Erfolg in München sprechen. „Das fühlt sich wie ein Traum an“, sagte er. Und lächelte wieder.
FCA-Sportdirektor Benjamin Weber lobt die Qualitäten von Arthur Chaves
Chaves begann als rechter Part in der Dreierabwehrkette. Erstaunlich schnell fand er in die Partie, gewann Zweikämpfe und kommunizierte mit seinen Mitspielern. Von Anpassungsproblemen keine Spur. „Ich hätte mir diese Situation heute so nicht vorstellen können.“ Dass er sich auf der großen Bühne sofort zurechtfand, führte Chaves vor allem auf die Unterstützung in seiner neuen Umgebung zurück. „Ich bin sehr happy, weil mich alle sehr gut aufgenommen haben. Ich bin erst zwei Tage da – und die Jungs sind sofort zu mir gekommen, haben mit mir gesprochen. Der Sportdirektor, der Trainer, wirklich alle.“
Die FCA-Verantwortlichen hatten sich vom Neuzugang genau diese Mischung erhofft: aus Robustheit, Zweikampfstärke und Mut. „Er verteidigt mit Leidenschaft, bissig, griffig, hat ein sehr gutes Laufvermögen und eine sehr gute Endschnelligkeit“, charakterisierte Sportdirektor Benjamin Weber den Neu-Augsburger hinterher. Weber betonte, für den FCA sei Chaves keine Zufallsoption gewesen, sondern ein klarer Wunschspieler. „Uns war recht schnell klar, wen wir haben wollten. Dann ist es eine Frage der Umsetzbarkeit. Arthur passt sehr gut zu uns als Typ und mit der Art und Weise, wie er verteidigt“, erklärte Weber. Sollte der Spieler die Leistung in München stetig wiederholen, würde der FCA wohl von der Kaufoption Gebrauch machen. Nach Informationen unserer Redaktion beträgt die festgeschriebene Ablösesumme sechs Millionen Euro.
Dass er in München in der Startelf stehen würde, erfuhr er kurzfristig. Für den Innenverteidiger war es zugleich die erste Partie seit Monaten. Sein bislang letztes Spiel hatte er mit Hoffenheim Ende September in Freiburg bestritten, danach kam er nicht mehr zum Einsatz. Keine einfache Zeit für ihn, wie er erklärte. „Aber ich habe nie aufgehört zu arbeiten, weil ich für genau so einen Moment bereit sein musste.“ Gegen Ende des Spiels machte sich die Phase ohne Einsätze dann doch körperlich bemerkbar. Wegen eines Krampfes in der Wade verließ er in der 85. Minute das Feld.
Chaves wirkte euphorisiert, zugleich wusste er den Erfolg einzuordnen. „Ich habe den Jungs gesagt: Wir müssen jetzt ruhig bleiben. Natürlich ist es ein wichtiger Sieg gegen Bayern München – aber er gibt drei Punkte, nicht zehn.“ Der Blick ging sofort nach vorn: „Wir müssen weitermachen und nächste Woche wieder drei Punkte holen, weil wir ein wichtiges Spiel haben.“ Nicht nur eines, gleich mehrere. Hintereinander trifft der FCA auf St. Pauli, Mainz, Heidenheim, Wolfsburg und Köln. Allesamt direkte Konkurrenten im Kampf gegen den Abstieg.
Brasilianer Arthur Chaves hat deutsche Wurzeln
In diesen Partien benötigen die Augsburger Eigenschaften, die ihnen in München halfen. Trotz Rückstands hielt die Mannschaft an ihrem Plan fest, spielte mutig und drehte das Spiel. Glaube und Selbstvertrauen waren spürbar, zeigten sich in der Körpersprache auf dem Platz. Hier ein Abklatschen, dort ein Anfeuern. Chaves: „Wir sind mit viel Energie in die Kabine gegangen, weil wir gemerkt haben: Es ist möglich. Wir haben uns angeschaut und gesagt: Okay, es ist möglich. Komm, Jungs, Energie – und wir schaffen das zusammen.“
Zugleich hatte der FCA in einigen Szenen das nötige Glück. Torhüter Finn Dahmen brachte bei einem Schuss von Diaz gerade noch die Beine zusammen und lenkte den Ball neben den Pfosten. Olise traf mit dem Schlusspfiff das Lattenkreuz. Einmal klärte Chaves einen Kane-Kopfball selbst per Kopf. „Ich glaube, es waren viele Dinge zusammen. Das hat alles geholfen“, so der Innenverteidiger.
Der Start in Augsburg hätte für Chaves aufregender kaum sein können. Die nächsten Tage möchte er nutzen, um in seiner Wahlheimat anzukommen. Momentan wohnt er im Hotel, die Suche nach einem Haus läuft aber. Chaves ist in Florianopolis, der Großstadt im Süden Brasiliens, geboren und aufgewachsen. Im Sommer 2022 wechselte er nach Portugal, im Sommer 2024 nach Hoffenheim. Seine Großmutter ist Deutsche. Die Sprache beherrscht er nicht, sich selbst beschreibt er aber als einen der „deutschesten Brasilianer“. „Also bin ich hier zu Hause“, sagte er. Und auch dabei lächelte er.
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