Anja Pietryga ist definitiv ein Sommertyp: lockiges blondes Haar, helle Augen und ein herzliches Lachen definieren ihr Auftreten. An ihrer sportlichen Statur lässt sich bereits erahnen, dass die junge Frau Sportlerin ist. Seit sie elf Jahre alt ist, spielt Pietryga Flag Football. Ein Klassenkamerad habe sie damals mit zu seinem Training genommen.
Mittlerweile ist der Sport für sie nicht mehr wegzudenken: „Ohne Flag Football könnte ich mir das Leben nicht vorstellen“, sagt sie. Die 26-Jährige spielt aktuell in drei Teams: der Mixed-Mannschaft der Augsburg Centurions, bei den Frauen der Augsburg Lions und seit 2017 zusätzlich in der deutschen Frauen-Nationalmannschaft. Was fasziniert sie so sehr an einer Sportart, die teils als „langweiligere Variante“ des Tackle Footballs abgetan wird?
Flag Football wird 2028 olympisch – und ist deshalb ziemlich im Trend
Vielfältigkeit, erklärt Pietryga: „Man kann die Spielsysteme an die Fähigkeiten der Mitspieler anpassen. So kann jeder Flag Football spielen.“ Flag Football ist eine Variante des American Football, bei der die Spielerinnen und Spieler Flaggen am Gürtel des Gegners abziehen müssen, um ihn zu stoppen. So herrscht kaum Körperkontakt und es wird keine Schutzausrüstung benötigt, was den Zugang zum Sport erleichtert. Statt auf Zweikämpfe ist das Spiel auf Schnelligkeit und strategische Spielzüge ausgerichtet. „Man kann das Spiel immer wieder neu aufbauen“, erzählt Pietryga, „Obwohl ich in den letzten fünfzehn Jahren jedes Training mitgenommen habe, lerne ich immer noch dazu.“
Dadurch, dass Flag Football (im Gegensatz zum Tackle Football) bei den Sommerspielen 2028 in Los Angeles olympisch wird, hat es an Prestige gewonnen. Der Sport, der von der NFL massiv gefördert wird, hat mittlerweile seine eigene Trainerausbildung und wird vermehrt in Schulen gelehrt. Dem Hype zum Trotz ist die Sportart in der breiten Öffentlichkeit nach wie vor relativ unbekannt. Das merkt Pietryga auch bei ihren Einsätzen für die Nationalmannschaft.
Nationalspielerin Anja Pietryga erzählt: Flag Football hat ihr Selbstbewusstsein gestärkt
Mittlerweile übernehme ein Sponsor die Reisekosten, Übernachtungen und Mahlzeiten der Nationalspielerinnen – Geld verdienen sie aber nicht. Obwohl Pietryga sich über finanzielle Unterstützung freuen würde, scheint ihr das nicht allzu viel auszumachen: „Ich spiele Flag Football ja, weil es mir Spaß macht – und nicht, um damit Geld zu verdienen“, meint sie lachend.
Man merkt, dass die 26-Jährige ihre Sportart liebt und lebt. Flag Football habe sie wachsen lassen, ihr Selbstbild positiv verändert. Sie erinnert sich an das Finalspiel der EM 2017 gegen Österreich: „Ich bin über den Kunstrasen geschlittert, habe den Catch auf der Linie gemacht und die Arme des Schiedsrichters oben gesehen – Touchdown.“ Obwohl die Deutschen sich am Ende geschlagen geben mussten, sei dieser Punkt zum Ausgleich für sie ein besonderer Moment gewesen. „Da wusste ich, dass ich meinen Beitrag geleistet habe“, erzählt die Teamsportlerin.
Trotz Verletzungshistorie: Pietryga lässt sich nicht unterkriegen
Herausforderungen und Hürden begegnet Pietryga souverän. Kurz nachdem sie sich 2015 das erste Mal bei den Tryouts für die Nationalmannschaft versucht hatte, zog sie sich einen Meniskusriss zu und musste eine Zwangspause einlegen. „Durch das ständige Abbremsen ist Flag Football ein sehr gelenkfordernder Sport“, erklärt sie. Nachdem die Verletzung im vergangenen Jahr wiederkam, passte sie ihre Spielweise an: „Als Center bewege ich mich auf allen Vieren – das belastet die Knie. Nach der Verletzung habe ich mich insofern umgewöhnt, dass ich statt meinem linken jetzt mein rechtes Bein vorn habe.“
Die Leistungssportlerin lebt zudem mit Diabetes. Da der Blutzuckerspiegel die sportliche Leistung maßgeblich beeinflusst, spielt die Krankheit in ihrem Alltag eine größere Rolle. „Das frustriert mich schon manchmal. Ich weiß, dass ich ohne die Krankheit eine bessere Leistung erbringen könnte.“ Aber auch davon lässt sich Pietryga nicht unterkriegen: „Reis, Kartoffeln oder Nudeln, die wegen ihrer vielen Kohlenhydrate als typische Sportlernahrung gelten, sind für mich problematisch“, erzählt sie, „deshalb probiere ich gerade viel aus, was mein Essverhalten betrifft.“
Sollten die Deutschen bei der WM auf dem Podest landen, qualifizieren sie sich für Olympia
Die Welt der gelernten Heilpädagogin dreht sich um ihren Sport: Zum aktuellen Saisonstart trainiert sie fünfmal die Woche: Flag Football auf dem Feld, Kraftsport und Sprints gehören dazu. „Ich versuche auch aktiv Pausen einzuplanen. Das klappt aber nicht immer“, gibt sie lachend zu. Als Nächstes stehen Trainingslager in Panama und Wien an, bei denen sich die Nationalmannschaft unter anderem auf die WM in Düsseldorf vorbereitet. Pietryga erhofft sich, dort eine Medaille zu gewinnen und sich somit für Olympia zu qualifizieren. „Vor allem möchte ich aber den Spaß am Sport behalten“, ergänzt sie lächelnd.
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