Anfang der Woche war es der internationale Turnverband, der bekanntgab, russische und belarussische Sportlerinnen und Sportler wieder uneingeschränkt zuzulassen. Dabei war es mit Ivan Kuliak ein Turner gewesen, der im März 2022 für weltweite Empörung gesorgt hatte, als er während einer Siegerehrung beim Weltcup in Doha das russische Kriegssymbol „Z“ auf der Brust trug. Russland hatte da gerade erst seinen brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine gestartet. Wenig später verbannten deshalb nahezu alle Sportverbände russische Athleten. Obgleich der Krieg unvermindert tobt, drängt Russland nun aber mit Macht zurück in den Sport. Husain Al Musallam, Präsident des Schwimm-Weltverbands World Aquatics, ließ sich kürzlich mit den Worten zitieren: „Wir sind entschlossen, dafür zu sorgen, dass Schwimmbecken und Freiwasser weiterhin Orte bleiben, an denen Athleten aus allen Nationen in friedlichem Wettkampf zusammenkommen können.“ Hintergrund: Auch russische und belarussische Schwimmer dürfen künftig wieder bei internationalen Wettbewerben starten. Flaggen, nationale Symbole und Hymnen sind wieder erlaubt.
Russland nahm schon wieder an den Paralympics teil
Ein Meilenstein war diesbezüglich die Teilnahme Russlands an den paralympischen Winterspielen im vergangenen Winter. Als die Skirennfahrerin Warwara Worontschichina das erste Gold gewann, gratulierte der russische Sportminister Michail Degtjarow sofort und schrieb auf Telegramm, wie stolz er sei, dass die russische Hymne wieder gespielt werde. Zuvor war Russland zehn Jahre suspendiert. Erst wegen des Dopingskandals rund um die Sotschi-Winterspiele 2014, dann wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine. Zwar durften vereinzelt russische Sportler als neutrale Athleten an Olympischen und Paralympischen Spielen teilnehmen, nationale Symbolik war ihnen aber untersagt.
Im Gegensatz zum Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) blieb das Internationale Olympische Komitee (IOC) beim weitestgehenden Ausschluss für seine Winterspiele in Italien. So hatte es der internationale Skiverband Fis durchgesetzt. Gerade mal 13 „neutrale Athleten“ durften starten. Bei den Sommerspielen 2024 in Paris waren es elf.
Das IOC führt konstruktive Gespräche
Längst bröckelt die harte Haltung im Umgang mit Russland. Ein weiterer Ausdruck des Wandels war eine Nachricht der vorvergangenen Woche, als das IOC die Sanktionen gegen Athletinnen und Athleten aus Belarus aufhob. „Angesichts der zunehmend komplexen Realitäten und Folgen des aktuellen geopolitischen Kontextes, einschließlich der steigenden Zahl von Kriegen und Konflikten, und der wachsenden globalen Instabilität muss das IOC seiner Mission gerecht werden, eine wertebasierte und wahrhaft globale Sportplattform zu erhalten, die der Welt Hoffnung gibt“, hieß es zur Begründung. Russland bleibt zwar (noch) außen vor. Es liefen aber „konstruktiver Gespräche“, heißt es vonseiten des IOC. Deren Inhalt dürfte auch sein, ob und wie das russische Anti-Doping-System überhaupt noch funktioniert.
Professor Jürgen Mittag von der Deutschen Sporthochschule Köln hält die Rückkehr Russlands zu den Sommerspielen 2028 in Los Angeles für denkbar: „Sollte dieser Krieg zu einem absehbaren Ende kommen, wofür es ja einige Hinweise gibt, und die Rahmenbedingungen einen gesichtswahrenden Frieden erlauben, kann ich mir gut vorstellen, dass der Sport einer der Ersten sein wird, der bestehende Grenzen überwindet“, sagte er unserer Redaktion. Im Moment allerdings stellt Russland den internationalen Sport vor eine Zerreißprobe. Die anfangs sehr einheitliche Position, russische Athletinnen und Athleten auszuschließen, ist aufgeweicht. Internationale Sportfachverbände hätten sich sehr unterschiedlich geäußert, so Mittag. „Der Leichtathletikweltverband zum Beispiel ist nach wie vor extrem kritisch im Hinblick auf die Zulassung von russischen und auch belarussischen Athletinnen und Athleten.“
Kirsty Coventry sucht noch nach ihrer Haltung zu Russland
Die IOC-Präsidentin Coventry wiederum suche noch ihre Position, so Mittag, tendiere aber zu der ihres Vorgängers Thomas Bach. Der habe vor allem aus Sicht der Sportler argumentiert, was zur Idee von „neutralen Athleten“ führte. Diese müssen von einem unabhängigen Gremium überprüft werden, dürfen keine Verbindung zum russischen Militär haben und den Krieg nicht aktiv unterstützen. Das ist aber nur ein Zwischenschritt. „Ich vermute, dass es weitere Öffnungsanstrengungen im Hinblick auf den russischen Sport gibt – vielleicht sogar Versuche, den Sport noch stärker als friedensstiftendes Instrument zu positionieren. Das IOC hat durchaus das Interesse, sich als Friedensstifter zu präsentieren. Wie weit das gelingt, bleibt abzuwarten“, sagte Mittag. In jedem Fall stehe das IOC vor der schwierigen Aufgabe, „extrem unterschiedliche Interessen auszugleichen und auszubalancieren“.
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