Als Boris Becker am 28. Januar 1996 seinen sechsten und letzten Grand-Slam-Titel gewann, in Melbourne, am anderen Ende der Welt, da war Alexander Zverev noch gar nicht geboren. Viele Jahre im Tennis-Wanderzirkus verstrichen seitdem, in denen Beckers Erbe gesucht wurde, ein neuer Champion. Tommy Haas und Nicolas Kiefer scheiterten an dieser Mission. Auch Rainer Schüttler, 2003 Australian-Open-Finalist gegen Andre Agassi.
Becker und seine potenziellen Nachfolger – es war ein Endlosthema. Ein Quell ewiger Diskussionen, ob die nächsten Generationen auch am Druck in der ungeduldigen Heimat scheiterten, am Versuch, der neue Boris sein zu müssen. Der alt und älter gewordene Tennis-Kanzler, inzwischen 58, war selbst als Experte auf allen möglichen Kanälen gern an der Debatte beteiligt, auch als dann Zverev die Bühne betrat. Dieser erlebte wie all seine Vorgänger, dass er auf Schritt und Tritt an Becker gemessen wurde, gerade, wenn wieder einer seiner Grand-Slam-Anläufe knapp oder krachend gescheitert war. „Ich bin Alexander Zverev. Kein neuer, kein zweiter Becker“, sagte Zverev dazu trotzig.
Zverev musste viel beharrlicher, viel ausdauernder, viel leidensfähiger sein als Becker in seiner Glanzzeit
Das war er tatsächlich nie. Denn er musste viel beharrlicher, viel ausdauernder, viel leidensfähiger sein als Becker in seiner Glanzzeit, als jener Himmelsstürmer, der seinen ersten überragenden Titel gleich zum Start in sein Profileben schaffte. Mehr als ein Jahrzehnt dauerte hingegen der lange Marsch des 29-jährigen Zverev durch die Tennis-Institutionen, bis zum 7. Juni 2026, bis zu seinem Triumph auf der roten Erde von Paris, bis zum Ende der Saga vom Unvollendeten, bis zum Coup im 41. Grand-Slam-Versuch, bis zu jenem Turnier, bei dem die Tennisgötter endlich ein Einsehen mit dieser Sisyphos-Gestalt hatten.
So war, 11.088 Tage nach Beckers letztem Hurra bei den Australian Open, eben auch der lange Schatten verschwunden, die Last in Gestalt der alten Helden Becker und auch Michael Stich. Ihnen hatte der Hamburger Riese, der aus 198 Zentimetern Gesamthöhe die Welt überblickt, nun sogar etwas voraus: den Sieg in Paris, den Becker und Stich nie holten. „Mein Traum hat sich erfüllt, der größte Traum meines Lebens“, sagt Zverev, für den das auf dem Centre Court verewigte Zitat des Roland-Garros-Namensgebers (einem französischen Jagdflieger) wie auf den Leib geschrieben war: „Der Sieg gehört den Beharrlichsten.“
Aber wer ist dieser Alexander Zverev eigentlich, der erste männliche deutsche Grand-Slam-Gewinner in diesem Jahrhundert, der erste Grand-Slam-Champion auch mit Diabetes Typ 1? Und was ist das Geheimnis seines späten Erfolges? Kleine Rückblende, zu einem Abend vor einiger Zeit in Paris, allerdings beim Hallenturnier, das traditionell im Spätherbst stattfindet. Zverev hat sich Zeit für ein Gespräch in der Players Lounge genommen, es ist einer der seltenen Einzeltermine mit ihm, er spricht bei dieser Gelegenheit auch länger und schonungsloser über sein Image, seine Probleme in der Heimat, mit Deutschland. „Es wäre schön, wenn mich die Menschen verstehen, mich unterstützen würden“, sagt Zverev. „Viele kennen mich nicht richtig. Ich habe, wie viele Leute, meine Hochs und Tiefs. Und es gelingt nicht immer, gut damit umzugehen.“
Alexander Zverev kann charmant und witzig sein – und dann wieder kühl und arrogant
Tatsächlich ist dieser Zverev in seiner Karriere vielen Weggefährten, Kollegen, Fans und medialen Begleitern ein Rätsel geblieben. Eben, weil bei ihm vieles so unvorhersehbar ist, weil er sich am liebsten in seine ureigene Welt zurückzieht, weil er Vertrauen nur zu ganz wenigen Menschen fasst, vorzugsweise seiner Familie, seiner Freundin, der Schauspielerin und Moderatorin Sophia Thomalla. Weil er manchmal unheimlich charmant, witzig, schlagfertig, höflich und zuvorkommend sein kann. Und im nächsten Moment schroff, abweisend, arrogant, kühl, misstrauisch, alles andere als Everybody's Darling.
Er ist ein Mann mit vielen Gesichtern, der im Leben jenseits der Courts oft so wirkte wie auf dem Platz: schwankend, hin- und hergerissen, ein Achterbahnfahrer, ein schwer zu entschlüsselnder Typ. Der im Übrigen nicht selten an sich zweifelte und verzweifelte, ganz besonders, wenn er eine der vielen Chancen auf ganz große Titel ausließ. Und der sich Respekt erwarb, aber nicht uneingeschränkte Sympathie. Ein Volkstribun war er nie, er wird es wohl auch nie werden.
Zverevs Jahre im globalen Tourbetrieb waren gefüllt mit Enttäuschungen, Dramen, Triumphen und Tragödien, Glanz und Elend. Vor knapp sechs Jahren bot sich ihm im damals menschenleeren Arthur-Ashe-Stadion in New York – mitten in der Corona-Krise – die große Chance auf einen frühen Grand-Slam-Erfolg. Doch nach haushoher Überlegenheit und 2:0-Satzführung verschleuderte er noch den Sieg gegen den Österreicher Dominic Thiem. Bei den French Open 2022 knickte er im Halbfinale gegen Matador Rafael Nadal um, mittendrin in seiner vielleicht besten Grand-Slam-Partie überhaupt. Er fiel anschließend für den Rest der Saison aus.
„Es war nicht immer leicht, an sich und seine Chance zu glauben“, sagte Zverev zuletzt
2021 hatte Zverev in Tokio bereits olympisches Gold gewonnen, er stellte den Triumph öffentlich auf eine Stufe mit einem Grand-Slam-Pokalcoup. Aber Zverev wusste, dass man ihm das nicht wirklich abnehmen konnte und wollte, schließlich sind Erfolge bei einem der vier Majors in Melbourne, Paris, London oder New York die Währung, die zählt in diesem Sport. Und die eine Karriere definieren. Zverev jagte weiter diesem verfluchten Sieg hinterher, zwei weitere Male stand er in einem großen Major-Finale, 2024 in Paris brachte er eine 2:1-Führung gegen Senkrechtstarter Carlos Alcaraz nicht über die Ziellinie. 2025 hatte er gegen den neuen Capitano des Welttennis, den Italiener Jannik Sinner, keine reelle Chance im Endspiel der Australian Open.
Karrieren im Welttennis haben heute einen anderen Zeithorizont als noch zu Zeiten von Björn Borg, Boris Becker oder Steffi Graf. Roger Federer und Rafael Nadal, die oft genug auch die Spielverderber für Zverevs Ambitionen waren, kämpften bis an die vierzig in der Tretmühle der Tour mit, also runde zehn Jahre länger als Becker – und holten noch reihenweise Titel. Zverev versicherte gern, er habe Geduld und glaube unbeirrt an seine Chance. Aber so langsam schlichen sich bei ihm auch Zweifel ein, ob sich das Zeitfenster womöglich schon geschlossen haben könnte – nun, mit Ende zwanzig. Inzwischen bekämpft nicht nur von den Superstars wie Alcaraz und Sinner, sondern schon von der nächsten Generation. „Es war nicht immer leicht, an sich und seine Chance zu glauben“, sagte Zverev zuletzt.
Gerade in dieser Saison schob der Hamburger immer wieder Frust. Denn obwohl er in guter Form war, gewann er bis zum Pariser Glücksmoment kein einziges Turnier. Reihenweise scheiterte er am kühlen Südtiroler Sinner, dem eisernen Nummer eins-Mann. Oft verschworen sich die Umstände über all die Karrierejahre gegen Zverev, nun aber hatte er neben tadelloser Leistung auch das nötige Glück. Der Weg zum Sieg im Stade Roland Garros wirkte wie eine Einladung, die Zverev dankend annahm. Alcaraz war gar nicht angetreten, Sinner verschleuderte in einem mysteriösen Absturz in der dritten Runde, gepeinigt von drückender Hitze, eine 6:3, 6:2 und 5:1-Führung gegen den Argentinier Juan Martin Cerundolo.
Im Kern blieb Tennis bei Zverev immer eine Familienangelegenheit
Übrig blieb als Topfavorit und höchstgesetzer Spieler: Alexander Zverev. „In den Schoß fällt einem der Sieg natürlich nicht. Du musst das erst mal unter höchstem Druck und als Top-Siegkandidat zu Ende spielen“, sagt Boris Becker, der das Geschehen für Eurosport kommentierte. Eine letzte Leidensübung musste Zverev im Endspiel absolvieren, fünf Sätze, vier Stunden und 18 Minuten, ein nervtötendes Auf und Ab, körperliche Probleme in der Hitze. Dann jedoch die Erkenntnis: „Wir waren oft Verlierer, hatten schwere Momente. Aber jetzt sind wir Champions.“
Wir? Wer in diesen beiden French-Open-Wochen in die Spielerbox des Champions schaute, entdeckte ein typisches Bild für die ganze Karriere des dürren Riesen: Die größere Tennisfamilie Zverev litt und feierte von diesem Beobachtungsposten aus mit. Ein verschworenes Grüppchen, zu dem die eigentlichen Familienmitglieder gehören, wie Vater und Trainer Alexander senior (66) und Bruder Mischa (38), beide einst selbst Weltklassespieler, der Papa noch für die Sowjetunion. Und die Quasi-Familie, der Fitnesspapst Jez Greene, der Manager Sergej Bubka junior, Doppelpartner Marcelo Melo oder Sparringspartner Michail Ledowskich. Als Sondergast in Paris noch: Oma Natalia, die Großmama mütterlicherseits.
Viele hatten Zverev über die Saisons im Wanderzirkus geraten, sich in Krisensituationen Hilfe und Unterstützung von außen zu holen, doch im Kern blieb Tennis bei Zverev immer eine Familienangelegenheit – auch wenn vorübergehend Topnamen wie Ivan Lendl oder Juan Carlos Ferrero hinzustießen (und schnell wieder gingen). „Die Truppe, die mich begleitet, das sind die Menschen, denen ich bedingungslos vertraue“, sagt Zverev. Ganz besonders eben Mutter Irina, die vor lauter Nervosität keine Matches ihres Sohnes anschaut und regelmäßig während der Centre-Court-Showdowns die Hunde der Zverevs ausführt. „Ich bin lieber mal weg“, sagt die 59-jährige Mama, „auch wenn ich nie Ruhe habe.“
Zverevs Tennisleben stellte die Familie auf harte Proben – auch außerhalb des Platzes
Die ehemalige Weltklassespielerin ist die heimliche Chefin dieses Familienbetriebs, der mittlerweile seit mehr als zwei Jahrzehnten um die Welt jettet. „Wir atmen, trinken und essen Tennis“, hat Irina Zverev einmal gesagt, die viertbeste Spielerin Russlands war, bevor die Familie in den 90er Jahren nach Deutschland auswanderte und in Hamburg landete. Die grundsolide Ausbildung in allen Schlägen, die technische Ausbildung geht auf das Konto der Mama.
Zverevs Tennisleben stellte die Familie auf harte Proben, die Eltern, der Bruder und die nächsten Freunde waren indes auch der Rückhalt bei schwersten Herausforderungen – nicht nur bei sportlichen Enttäuschungen und Rückschlägen. Sondern auch in den Turbulenzen der Affäre um vermeintlich häusliche Gewalt gegen Lebenspartnerinnen und -gefährtinnen. Zverev musste auch hinnehmen, als Versager, Chancentod und reformunwilliger, zu defensiver Akteur abgestempelt zu werden oder als „König der Ausreden“, wie es einmal in den Kommentarspalten der sozialen Medien hieß.
Altmeister Becker, ein Mann, der in diesen Zusammenhängen weiß, wovon er spricht, hat im Hier und Jetzt eine klare Meinung zu Zverev – nach all den Berg- und Talfahrten in dessen Karriere. „Die Deutschen sollten froh sein, dass sie so einen Supersportler haben. Einen der Besten in der Welt“, so der alte Löwe aus Leimen. „Und dieser Alexander Zverev ist noch längst nicht am Ende angelangt. Er ist für weitere große Siege gut.“ Vielleicht schon demnächst in Wimbledon.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren