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Bundesbank
20.10.2021

Warum Bundesbank-Chef Weidmann geht

Jens Weidmann tritt vorzeitig als Bundesbank-Chef ab.
Foto: Arne Dedert, dpa

Der Volkswirt hat Ausdauer bewiesen, schließlich stritt er gut zehn Jahre für eine andere Geldpolitik. Dass Weidmann nun geht, soll nichts mit dem Regierungswechsel zu tun haben.

Jens Weidmann kann sich zugutehalten, als Bundesbank-Chef die Politik der Europäischen Zentralbank rund drei Jahre länger ertragen zu haben als sein Vorgänger Axel Weber. Letzterer strich nach sieben Jahren vorzeitig die Segel. Und das, obwohl Kanzlerin Angela Merkel gewillt wirkte, ihn gegen Widerstand aus Reihen der Euro-Südländer als Präsident der Europäischen Zentralbank durchzupauken. Weber, 64, wäre der erste deutsche EZB-Boss geworden. Dass er sich auf das Abenteuer einer Kandidatur nicht einließ und die lukrative Job-Abzweigung Richtung Schweizer Großbank UBS nahm, enttäuschte hierzulande viele. Später sollte er erklären, keine Lust gehabt zu haben, Beschlüsse der Euro-Notenbank, also etwa eine zu lockere Zinspolitik, vertreten zu müssen, hinter denen er nicht stehe.

So kam Merkel nicht nur ihr Bundesbank-Präsident, sondern zugleich der Herzenskandidat für den obersten europäischen Währungsposten abhanden. Da verwunderte es nicht, dass die Politikerin ihren Vertrauten, langjährigen Berater, diplomatischen Vorbereiter politischer Gipfeltreffen und Lieblingsvolkswirt Jens Weidmann ins Rennen um die Bundesbank-Spitze schickte. Er sollte der jüngste Präsident der in Deutschland nach wie vor geachteten Institution werden.

Bundesbank-Chef tritt mit 53 Jahren ab

Der Ökonom wird, wenn er nach gut zehn Jahren an der Bundesbank-Spitze Ende 2021 zurücktritt, erst 53 Jahre alt sein, also jung genug, um neue berufliche Wege einzuschlagen. Als er am Mittwoch viele mit der Ankündigung seines vorzeitigen Abgangs überraschte, ließ sich aus einer ausführlichen Meldung sowie einem Brief an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter herauslesen, was ihn zu dem Schritt bewogen hat.

Für einen Notenbanker – Weidmann gehört ja auch dem EZB-Rat an – spricht er Klartext, drückt sich also nicht verklausuliert wie andere Vertreterinnen und Vertreter der Zunft aus. So fordert der Ökonom in seiner Abschiedsnotiz, eine stabilitätsorientierte Geldpolitik dürfe nicht ins Schlepptau der Fiskalpolitik und der Finanzmärkte geraten. Schließlich folgt sein Appell: „Dies bleibt meine feste persönliche Überzeugung genauso wie die hohe Bedeutung der Unabhängigkeit der Geldpolitik.“

Geldpolitik in den Fängen der Fiskalpolitik

Dabei ist die Geldpolitik in die Fänge der Fiskalpolitik geraten. Genau das hat Weidmann als Bundesbank-Präsident über viele Jahre immer wieder an der Politik der Europäischen Zentralbank wortreich ausgesetzt. Er ist der größte interne Kritiker der aus seiner Sicht zu lockeren Geldpolitik der EZB, sodass er manchem schon als undiplomatischer „Mister No“ galt. Der Deutsche stimmte hie und da mit „Nein“, auch wenn er der einzige Aufbegehrer war. Er forderte für die Sparerinnen und Sparer zumindest Signale ein, dass die Null- und Negativzinspolitik einmal ein Ende haben möge.

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Weidmann stellte sich also damit gegen den Kurs des Italieners Mario Draghi und später der Französin Christine Lagarde an der EZB-Spitze. Immer wieder nahm er einen neuen Anlauf, um seine Argumente, die in der Tradition der Deutschen Bundesbank stehen, vorzutragen. Weidmann tat dies nicht verbiestert, sondern sachlich, jedoch bestimmt. Er ist ein umgänglicher, heute würde man sagen empathischer Mensch. Im Gespräch will er wissen, wie es einem geht. Während der Corona-Zeit versuchte er in solchen zunächst lockeren Plaudereien in Erfahrung zu bringen, wie sein Gegenüber das Homeoffice empfindet. Mit seinem Lächeln kann er Menschen für sich gewinnen.

Bundesbank-Chef ist kein finsterer Rebell

Weidmann ist also kein finsterer Rebell. Es wäre ihm zuzutrauen gewesen, die Rolle des standhaften Deutschen im EZB-Rat noch einige Jahre zu geben. Nun ist aber in Zentralbank-Kreisen zu hören: Weidmann will einen Schnitt machen und verhindern, dass er sich im kommenden Jahr als Kämpfer für ein Zurückfahren der Milliarden verschlingenden Aufkaufprogramme der EZB nicht vollends aufreibt. Die Gefahr wäre groß, wie aus seinem Umfeld zu erfahren ist. Hier kommt die steigende Teuerung ins Spiel. Schon im Interview mit unserer Redaktion hatte Weidmann im Februar vor einer deutlich anziehenden Inflation gewarnt.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde und Bundesbankpräsident Jens Weidmann sind nicht immer einer Meinung.
Foto: Jan Woitas, dpa

Wenn indes die Preise 2022 weiter nach oben schnellen, wäre der Ökonom in eine Mühle geraten: Denn mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die Europäische Zentralbank selbst dann nicht die Zinsen etwas erhöhen und damit eine Teuerung deutlich über der als verträglich geltenden Schwelle von 2,0 Prozent billigend in Kauf nehmen. Weidmann hätte als Mitglied des EZB-Zentralbankrates einen solchen, in Deutschland schwer vermittelbaren Kurs entweder zähneknirschend mittragen oder sich immer wieder mahnend zu Wort melden müssen, was in seinem Heimatland von ihm erwartet worden wäre.

Dem Zermahlenwerden in der Inflationsmühle hat er sich nun entzogen und will noch mal etwas anderes machen, ohne Details zu verraten. Der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel sagt dazu unserer Redaktion: „Ich kann nachvollziehen, dass Herr Weidmann nach gut zehn Jahren noch einmal etwas Neues machen will.“

Auf alle Fälle scheint der Rückzug des Bundesbank-Präsidenten nicht im Zusammenhang mit dem Regierungswechsel zu stehen, wie Gewährsleute sowohl in Berlin als auch Frankfurt versichern. Der Noch-Bundesbank-Chef verstehe sich nämlich gut mit dem SPD-Matador Olaf Scholz und habe auch ein freundliches Gespräch mit Grünen-Co-Chef Robert Habeck gehabt. Der Volkswirt sucht nach der Theorie also nicht das Weite, weil seine Gönnerin Merkel aufhört.

Wer auf Weidmann folgt, ist noch unklar

Wer Weidmann nachfolgt, ist noch unklar. Nach Recherchen schält sich jedoch bald heraus: Die Vergabe des Amtes könnte auf eine Frau hinauslaufen. Hier sollen zwei renommierte Volkswirtinnen gute Chancen haben: Heiß gehandelt wird in Bundesbank-Reihen mit Professor Claudia Buch die Stellvertreterin Weidmanns. Mit 55 ist sie sogar etwas älter als ihr Noch-Chef. Die renommierte Ökonomin stammt aus Paderborn und war vor ihrer Bundesbank-Zeit Präsidentin des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Buch hat in Professor Isabel Schnabel, 50, die seit 2020 Mitglied des EZB-Direktoriums ist, eine harte Konkurrentin um den Bundesbank-Posten. Weitere Namen tauchen sicher noch auf.

Wer auch immer zum Zuge kommt, könnte in die Mühle geraten, der Weidmann nun entflieht.

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20.10.2021

Jetzt geht also auch noch der letzte Aufrechte, zermürbt vom Kampf gegen die EZB-Windmühlen. :-(
Dem Diktat der EZB konnte er nichts entgegensetzen, auch weil er aus der deutschen Politik heraus, angefangen von Merkel (die ihn ins Amt gebracht hat), über Scholz bis hin zu allen anderen, nicht nur nicht unterstützt, sondern feige im Stich gelassen wurde. Das Südeuropa unterstützende, nicht nur nach deutschen Maßstäben verfassungswidrige, sondern auch nach den eigenen Kriterien illegale Vorgehen der EZB war ja schließlich auch hilfreich für die "schwarze Null" in der Schulden-Verwaltung der Bundesrepublik, denn die Anleihen-Emissionen brachten ja immer mehr Geld ein, als zu zahlen war. Und aus der eher links von der Mitte zu verortnenden Ampel-Koalition heraus, steht zu befürchten, daß ein neuer Bundesbank-Präsident (pardon, vermutlich wird es ja eine Präsidentin) ernannt werden wird, der sich mit fliegenden Fahnen der volkswirtschaftlich hochgradig falschen EZB-Politik sofort anschließen wird. Wir waren, sind und bleiben der Zahlmeister der EU. Doch unseren Politikern ist das gänzlic egal, der Steuerzahler (= das Volk) wird's schon richten. Ganz Süd- und Südosteuropa lacht über uns. Aber irgendwann wird uns die Rechnung dafür präsentiert werden. Aber dann wird es längst zu spät sein. Armes Deutschland!

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