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Augsburg

04.08.2020

MT Aerospace: Der Raumfahrtzulieferer ist massiv gefährdet

Hans Steininger, Vorsitzender von MT Aerospace, neben der Trägerrakete Ariane 6.
Bild: Ulrich Wagner (Archiv)

Plus MT Aerospace ist Augsburgs Tor zum Weltraum. Nun leidet der Zulieferer für die Ariane-Rakete massiv unter den Corona-Folgen. Der Standort ist gefährdet.

Anfang Februar hatten die Beschäftigten des Raumfahrt- und Luftfahrtzulieferers MT Aerospace noch aufgeatmet. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder war in das Werk nach Augsburg gekommen und wurde als Retter vieler Arbeitsplätze gefeiert. Denn der Star-Trek-Fan hatte es im Zusammenspiel mit Kanzlerin Angela Merkel geschafft, dass die Bundesregierung die aus Sicht des MT-Aerospace-Managements entscheidende Summe von rund 140 Millionen Euro draufgepackt hat, sodass die Augsburger an der Weiterentwicklung des Konzeptes für die neue Trägerrakete Ariane 6 arbeiten können.

Damit schien damals in der Vor-Corona-Zeit der Hightech-Standort mit heute noch rund 520 Arbeitsplätzen erst einmal abgesichert zu sein. Insgesamt investiert Deutschland in die europäische Raumfahrt etwa 3,3 Milliarden Euro und ist damit größter Beitragszahler an den Programmen der Raumfahrtagentur Esa – und das vor Frankreich. Raumfahrt-Freund Söder und Physikerin Merkel hatten ein Herz für die einst vom früheren CSU-Matador Franz Josef Strauß angeschobene Technologie gezeigt. Aus Reverenz vor dem Politiker trägt die Straße, an der auch der MT-Aerospace-Standort liegt, den Namen des früheren bayerischen Ministerpräsidenten, dem das Werk stets am Herzen lag.

Doch Strauß-Bewunderer Söder muss sich nun wohl wieder auf eine MT-Aerospace-Mission begeben. Denn Management und Beschäftigte des Werkes fordern politische Unterstützung ein. Unternehmens-Chef Hans Steininger, der selbst 30 Prozent an MT Aerospace hält, wählt am Dienstag drastische Worte im Gespräch mit unserer Redaktion, um die prekäre Lage der Firma zu beschreiben: "Wenn nicht bis Herbst für uns positive Entscheidungen fallen, stehen gut 100 Arbeitsplätze auf der Kippe, ja irgendwann ist sogar der Standort gefährdet." Zunächst droht sich also der  Arbeitsplatzabbau fortzusetzen.

Markus Söder bei der MT Aerospace AG in Augsburg mit Unternehmenschef Hans Steininger.
Bild: Silvio Wyszengrad (Archiv)

MT Aerospace wollte schon vor der Corona-Krise Stellen abbauen

Schon vor Corona hatte MT Aerospace beschlossen, rund 80 von einst rund 600 Arbeitsplätzen sozial verträglich, also ohne betriebsbedingte Kündigungen abzubauen. Etwa drei Viertel der Stellen sind bereits weggefallen. Der Einschnitt ist das Resultat des Übergangs von der Weltraum-Rakete Ariane 5 auf das deutlich günstigere Nachfolgemodell Ariane 6. Die Produktion der künftigen europäischen Rakete ist in einem erheblich höheren Maße automatisiert, sodass für die Fertigung weniger Menschen notwendig sind als bei der Ariane 5. Der neue Raketentypus wird doppelt so schnell hergestellt wie der alte. Der Augsburger Weltraum-Standort ist mit rund zehn Prozent am Auftragsvolumen des neuen Satelliten-Lastenesels beteiligt.

In dem Werk entstehen die Außenhaut der Rakete und die Treibstofftanks. In der Auto-Sprache könnte man sagen: Augsburg baut die Karosserie für die europäischen Produkte. Oder wie es Steininger sagt: "Ohne Augsburg kann keine europäische Rakete abheben."  Und doch – und das erklärt die Dramatik der Lage des Unternehmens – läuft derzeit vieles in die falsche Richtung.  Der für 2020 und die beiden Folgejahre geplante immer steilere Produktionshochlauf der Ariane 6 wird so nicht stattfinden, auch weil sich der Erstflug immer weiter nach hinten verschiebt. Vor Ausbruch der Corona-Pandemie war das Ereignis noch für dieses Jahr geplant. Nun wird die zweite Jahreshälfte 2021 angepeilt. Für den schwäbischen Standort ist das fatal. Denn bis auf kleine Teile ist die Produktion für das Vorgängermodell Ariane 5 ausgelaufen.

Wenn die 6er-Variante im kommenden Jahr nur einmal  und 2022 vielleicht zwei Mal abhebt, also deutlich weniger als ursprünglich vorgesehen, gerät MT Aerospace in Not. Der Firmen-Chef warnt: "Wir haben dann ein massives Auslastungsproblem für die Augsburger Produktion." Darauf hat das Unternehmen schon mit Kurzarbeit reagiert und will das Mittel der Arbeitszeitreduzierung ausweiten.

MT-Aerospace-Chef Hans Steininger (links) und Marco Fuchs (rechts) von der Muttergesellschaft OHB hatten im Februar Ministerpräsident Markus Söder in Augsburg zu Gast.
Bild: Silvio Wyszengrad (Archiv)

Airbus baut weniger Flugzeuge - das bekommt auch MT Aerospace zu spüren

Das Unternehmen durchläuft auch mit dem zweiten großen Auftraggeber, nämlich Airbus, eine heftige Krise, weil der Flugzeugbauer dramatisch weniger Maschinen baut. Das bekommt MT Aerospace als Lieferant von Wasser-Tanks für die Flieger deutlich zu spüren. Hier sind die Aufträge um über 50 Prozent eingebrochen. Das Luftfahrtgeschäft macht immerhin gut zehn Prozent des Gesamtumsatzes der Firma aus.

Umso wichtiger wäre es, dass der Raumfahrtbereich wieder eine Perspektive bekommt. Doch noch häufen sich die Hindernisse: Die Betreiber des europäischen Weltraum-Bahnhofs Kourou im südamerikanischen Französisch-Guayana  spüren erheblich die Auswirkungen der Pandemie. Von den dort normalerweise rund 600 Mitarbeitern, die für Starts von Ariane-Raketen verantwortlich sind, sollen derzeit nur etwa 100 vor Ort sein. Ähnlich wie in Brasilien breitet sich Corona auch in Französisch-Guayana rasant aus, was auch zum Aufschub von Raketenstarts beiträgt. 

Damit nicht genug verschiebt sich auch die weitere Entwicklung des neuen Raketentyps immer weiter nach hinten. Dadurch entstehen für MT Aerospace Mehrkosten, schließlich ist das Unternehmen an der weiteren Verbesserung der Ariane 6 finanziell beteiligt. Steininger meint: "Diese Mehrkosten können wir aus eigener Kraft nicht decken. Die Lage ist dramatisch." Der Manager fordert wie der bei der Gewerkschaft IG Metall für die Luft- und Raumfahrt zuständige Vorstand Jürgen Kerner ein rasches Handeln auf europäischer Ebene: "Den an dem Ariane-6-Programm beteiligten Unternehmen muss durch die Bezahlung der Mehrkosten für die Entwicklung finanziell geholfen werden."

 

Was wird aus dem Augsburger Weltraum-Standort?

Die europäische Raumfahrtagentur ESA müsste demnach Mittel an Anteilseigner wie MT Aerospace früher freigeben, um die Existenz der Industrie abzusichern. Hierzu bedarf es wiederum, wie es in Raumfahrtkreisen heißt, des bewährten Engagements von Söder und Merkel. IG-Metall-Mann Kerner sieht auch die deutsche Raumfahrt-Industrie, also die mittelständische MT Aerospace AG und die Ariane Group in der Pflicht, "intelligente Formen der Zusammenarbeit zu finden, um die schwere Krise durchstehen zu können". Der Druck für unkonventionelle Lösungen in der deutschen Raumfahrtbranche dürfte immens sein. Steininger etwa räumt ein, dass seine Firma 2020 Verluste schreiben werde. Das wäre das erste negative Ergebnis der vergangenen 15 Jahre.

Wenn MT Aerospace bis Herbst auf europäischer Ebene keine Unterstützung erfährt, schließt Steininger auch betriebsbedingte Kündigungen nicht aus. Doch nach Informationen unserer Redaktion ist die Bayerische Staatsregierung und damit auch Söder als Kämpfer für den Augsburger Weltraum-Standort eingebunden. Demnach weiß die Politik,  wie stark das Augsburger Erbe von Franz Josef Strauß gefährdet ist. Ohne weitere finanzielle Unterstützung wäre auf Dauer auch die gesamte europäische Raumfahrtindustrie in ihrer Existenz bedroht. Denn derzeit hat sich nicht nur die Nachfrage nach Raketenstarts zum Transport von Satelliten ins All deutlich abgeschwächt, auch die Preise für derartige Transporte wurden seit 2014 mehr als halbiert. Vor sechs Jahren war die Entwicklung der Ariane 6 beschlossen worden. Der Preisverfall ist natürlich auch eine Folge des Wirkens vom Raketen-Revoluzzer Elon Musk. Die von ihm gegründete US-Firma SpaceX lockt mit günstigen Angeboten, was den Europäern zusetzt. Hier können sie kaum mithalten.

Betriebsratsvorsitzender Markus Zerle: "Die Situation ist ernst"

Steininger hat trotz der schwierigen Lage nicht aufgegeben und kämpft hinter den Kulissen weiter für den Erhalt des Werkes. Der aus Augsburg stammende Gewerkschafter Jürgen Kerner unterstützt ihn dabei: "MT Aerospace darf nicht fallen gelassen werden." Auch Betriebsratsvorsitzender Markus Zerle fordert rasche Unterstützung: "Die Situation ist ernst. Wir sind hier in einer Situation, in der nur Entscheidungen der Politik die Gefahr abwenden können." Für den Arbeitnehmervertreter ist das Projekt "Ariane 6" ein politisches Vorhaben zur Sicherung des autonomen europäischen Zugangs zum All.

Der Druck auf die Spitzenpolitiker gerade in Frankreich und Deutschland, der Raumfahrtindustrie wieder einmal zu helfen, ist groß. Ohne ein funktionierendes Ariane-6-System wären die Europäer von Amerikanern, Russen und Chinesen abhängig, wenn sie Satelliten ins All schießen wollen.

Auch bei bei Premium Aerotec in Augsburg geht die Angst um. Rund 1000 Arbeitsplätze könnten gestrichen werden. In der neuesten Folge unseres Podcasts "Augsburg, meine Stadt" sprechen wir über die aktuelle Lage des Luftfahrt-Konzerns – und darüber, inwiefern es noch Hoffnung gibt.

Lesen Sie dazu auch:  Großunternehmen in der Krise: Erhält Augsburg Hilfe aus München?

Kommentar: Der Fall Premium Aerotec zeigt: Die Industrieregion gerät in Bedrängnis

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