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Interview

02.12.2017

Philosoph Sloterdijk: "Menschen starren idiotisch in ihre Smartphones"

Der Philosoph Peter Sloterdijk beklagt im Interview die Abhängigkeit der Menschen von ihren Smartphones.
Bild: Fred Schölhorn

Der Philosoph Peter Sloterdijk beklagt, dass US-Konzerne wie Google und Apple eine Vereinheitlichung der Denk-, Arbeits- und Schreibverhältnisse bewirken. Ein Interview.

Mitte November ist es plötzlich warm in Augsburg. Peter Sloterdijk trägt ein Poloshirt und öffnet im Rathaus die Fenster eines Fürstenzimmers. Die Funkmaus seines Laptops hat den Geist aufgegeben. Der Philosoph ist froh, dass ihm eine neue gebracht wird. Vor nicht allzu langer Zeit hatte der 70-Jährige eine Zahn-OP. Er bekam neue Implantate. Zur Sicherheit nimmt er eine Schmerztablette und frotzelt: „Man sagt ja, das Implantat überlebt seinen Träger.“ Sloterdijk hält nach dem Interview mit unserer Zeitung einen Vortrag im Goldenen Saal zum Thema „Arbeit 4.0“. Es geht um Digitalisierung. Der Denker bittet – durchaus ironisch – ihn nicht zu sehr zu fordern, schließlich müsse er noch eine Rede halten.

Einer Ihrer berühmtesten Sätze aus der 1983 erschienenen „Kritik der zynischen Vernunft“ lautet: „Seit einem Jahrhundert liegt die Philosophie im Sterben und kann es nicht, weil ihre Aufgabe nicht erfüllt ist“. Was müssen Philosophen heute leisten?

Sloterdijk: Die Philosophie hat dasselbe zu leisten, was sie von Anfang an versprochen hat, nämlich den Menschen solange zu befragen, bis er über seine ganzen bisherigen Lebensverhältnisse unsicher wird. So kann der Mensch in die Lage kommen, sein Leben aus prinzipiellen Gründen neu zu begründen. Somit ist Philosophie eine Übung der Skepsis. Und genau diese Arbeit ist nicht zu Ende geführt worden. Darauf spielt das Zitat aus der Kritik der zynischen Vernunft an.

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Womit muss der Mensch rechnen, wenn er sich selbst infrage stellt?

Sloterdijk: Zunächst einmal wird er auf eine produktive Weise asozial.

Asozial?

Sloterdijk: Ja, weil er mit den fertigen Antworten einer Gesellschaft nicht mehr leben kann. Es folgt ein Rückzug.

So ein Rückzug kann Erkenntnis bringen. Sie gehen aber immer wieder in die Öffentlichkeit und nannten sich einen „Lehrer, der beim lauten Denken in Fahrt kommt und andere mitnimmt“. Das klingt leidenschaftlich.

Sloterdijk: Ich habe immer zu der Ansicht geneigt, dass das Denken keine Tätigkeit auf eigene Faust ist. Denken ist keine bloße Bastelei, kein Monolog und keine sinnlose Raserei eines fiebrigen Gehirns, sondern Denken gründet auf dem Umgang mit richtiggestellten Aufgaben.

Lässt sich das durch ein Beispiel verdeutlichen?

Sloterdijk: Das ist wie im Märchen „Frau Holle“, als das gute Mädchen zu einem Backofen kam, der voller Brot war, das Brot aber rief: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: Ich bin längst ausgebacken.“ Das tat das Mädchen. Mit dieser Episode verhält es sich wie mit dem Denken. Es wird eine Aufgabe gestellt und die wird angenommen. Dagegen ist das Ausrechnen von mathematischen Gleichungen auf einem Blatt Papier kein Denken.

Denken fördert Skepsis und kann einem die Zuversicht rauben. Sie haben mal gesagt, dass Sie sich auf dem zweiten Bildungsweg von einem natürlichen Pessimisten zu einem künstlichen Optimisten entwickelt haben. Wie optimistisch sind Sie für Deutschland nach dem Aus für eine Jamaika-Regierung und dem nervösen Vorgeplänkel für eine Große Koalition?

Sloterdijk: Das Scheitern einer Regierung ist kein Unglück. Unsere Nachbarn in Belgien sind eineinhalb Jahre ohne Regierung ausgekommen. Und es ist ja bekannt, wie gut die Wiener Philharmoniker spielen, wenn kein Dirigent am Pult steht. Somit können die Deutschen beruhigt schlafen.

Ließe sich Deutschland ohne Kanzlerin Merkel dirigieren?

Sloterdijk: Merkel legt ja ohnehin einen Regierungsstil an den Tag, bei dem man nicht weiß, ob sie überhaupt etwas tut oder nicht. Kommt es dann doch zu Entscheidungen, werden sie von ihr einsam ausgeführt, wie etwa die Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge. Das war improvisierte Politik. In meinem Buch „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ habe ich beschrieben, wie seit der Französischen Revolution die Improvisation an die Macht gekommen ist. Auf alle Fälle wirkt Merkels Politik nicht in die Gesellschaft eingebettet.

So skeptisch Sie die Kanzlerin sehen, sind Sie zumindest für Deutschland zuversichtlich?

Sloterdijk: Für Deutschland als Ganzes natürlich. Wir dürfen günstige Erwartungen für das Land annehmen. Denn Deutschland ist weltweit einer der führenden Maschinenbau-Nationen. Und auf diesem Gebiet wird es in den kommenden Jahren zu einer stärkeren Nachfrage nach der deutschen Kernkompetenz kommen. Gerade in der Feinmechanik ist Deutschland führend. Deswegen glaube ich, dass uns noch einige produktive Jahrzehnte bevorstehen. Durch die Digitalisierung verändert sich natürlich unser Arbeitsleben.

Nach einer Studie der Oxford-Professoren Frey und Osborne sind 47 Prozent der Arbeitsplätze in den USA durch die voranschreitende Automatisierung gefährdet. Wie gefährlich ist diese Entwicklung?

Sloterdijk: Ich beobachte seit der industriellen Revolution im späten 17. Jahrhundert, dass große Berufsgruppen – zunächst in der Landwirtschaft und später in einzelnen Industriezweigen – immer wieder ihrer Arbeit beraubt wurden, weil man sie nicht mehr brauchte. Aber die Erfahrung zeigt: Wenn an einer Stelle die Nachfrage nach einer bestimmten Arbeit wegfällt, taucht an anderer Stelle die Nachfrage nach einer anderen Beschäftigung auf. Die Digitalisierung wird unsere Arbeitswelt nicht bis zur Unkenntlichkeit verunstalten, auch wenn uns die gerade hierzulande gut gedeihende Sorgen-Industrie etwas anderes weismachen will.

Sie sind ein Philosoph, der politisch und ökonomisch denkt. So haben Sie auch das Thema Steuern im Blick. Wie sieht Ihr Konzept aus?

Sloterdijk: Ich plädiere für eine völlige Neu-Interpretierung von Steuern. Nach der herrschenden Auffassung werden Steuern als Schulden betrachtet, die der Bürger beim Staat hat. Das ist eine völlig falsche Interpretation. Richtig ist vielmehr, dass alle Steuerzahler Sponsoren des Gemeinwesens sind. Wir brauchen also eine bürgerfreundlichere Steuerpolitik, sonst bekommen wir eine freudlose, krakenartige Fiskokratie, in der die Bürger gar nicht anders können, als sich dauernd zu überlegen, wie sie dem Staat Geld vorenthalten.

Wie soll dann der Staat konkret mit seinen Steuerbürgern umgehen?

Sloterdijk: Er muss sie anders ansprechen, eben in der Sprache der Ehre und des Gemeinwohls. Wenn es eine Frage der Ehre ist, Steuern zu zahlen, werden Bürger bereitwilliger Steuern zahlen, als wenn sie nur die Hand des Finanzministers in ihrer Schatulle spüren. Seit Jahrhunderten verzeichnen wir aber ein ausbeuterisches System der Steuerverwaltung. Das geht zurück bis in die Zeit des Steuerpächters im 13. und 14. Jahrhundert. Er galt damals als Feind der Menschheit.

Gibt es Steuer-Vorbilder für unser Land?

Sloterdijk: Weltweit gibt es vor allem Zwangs-Fiskokratien. Die einzige kleine Ausnahme ist die Schweiz. Hier kann von Kanton zu Kanton von den Bürgern über die Höhe der Besteuerung abgestimmt werden.

Amerika ist für Sie wohl kein Vorbild. Sie kritisieren den „digitalen Kolonialismus“ der USA. Was heißt das genau?

Sloterdijk: Damit spiele ich auf eine von den USA ausgehende beispiellose Vereinheitlichung der Denk-, Arbeits- und Schreibverhältnisse an. Denn wenige US-Firmen wie Google, Apple oder Microsoft legen die Standards fest. So geht das Gutenberg-Zeitalter mit seinem reichen Fundus an unterschiedlichen Schrifttypen dem Ende entgegen. Was bleibt, ist eine grenzenlose Verarmung. Ich habe noch nie so viele Menschen gesehen, die idiotisch – wo immer sie sind – selbst beim Mittagessen auf ihre kleinen Smartphones schauen. Man kann in der Bahn nicht mehr fahren, ohne umgeben zu sein von Menschen, die in das kleine Rechteck hinein starren. Alle Berufszweige arbeiten mit demselben Gerät. Man kann oft nicht mehr erkennen, wer welchen Beruf ausübt. Früher haben die Handwerker noch kunstvolle Schilder über ihre Läden gehängt.

Das klingt kulturpessimistisch. Welche Folgen hat diese von den USA ausgehende weltweite Vereinheitlichung?

Sloterdijk: Die Handschrift stirbt aus. So werden in Skandinavien bereits voll digitalisierte Klassenzimmer eingeführt. Die Kinder müssen nicht mehr die Handschrift lernen. In meinen Augen ist das ein großer Fehler. Denn die das Gedächtnis trainierende und formende Wirkung der Handschrift wird unterschätzt. Die Handschrift ist ein Freiheitsmedium ähnlich wie das Bargeld, das manche auch gerne abschaffen und durch das Bezahlen mit dem Smartphone ersetzen wollen.

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02.12.2017

Mal wieder eine hervorragende Analyse von PS. Aber die Betroffenen werden auch diesen Fingerzeig ignorieren.

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