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Autoindustrie

16.11.2020

Warum der Zulieferer-Zuschuss für die Autobranche verpuffen könnte

Konzerne haben bessere Chancen durch die Krise zu kommen, als kleinere Zulieferbetriebe.
Bild: Felix Kästle, dpa

Die Bundesregierung will zwei Milliarden Euro an die Autobranche für E-Mobilität und datengestützte Produktion ausschütten. Doch das Programm hat einen Webfehler.

Die Autonation blickt voller Sorge auf ihre wichtigste Industrie. Die Sorge gilt nicht so sehr den großen Drei – Daimler, BMW und VW –, sondern ihren Zulieferern. Während es die Konzerne mit Einsparungen schaffen werden, ist für Kleinere die Doppelbelastung aus Corona-Krise und schrittweisem Abschied vom Verbrenner eine echte Gefahr.

Und damit auch für die Mitarbeiter in den Fabrikhallen. Die Bundesregierung will den Abschied leichter machen und die Zulieferer finanziell unterstützen. Zwei Milliarden Euro sind vorgesehen und werden dem Plan nach zwischen 2021 und 2024 aus der Staatskasse fließen – 500 Millionen Euro pro Jahr. Mit dem Geld sollen die Unternehmen neue Produkte für Elektro-Autos entwickeln, die Maschinen modernisieren und lernen, wie sie Daten richtig nutzen können. Ab Januar will Wirtschaftsminister Peter Altmaier ( CDU) Anträge bearbeiten lassen.

Autobranche: Vom Bonusprogramm profitieren nicht nur kleine Zulieferer

Doch statt kleinere Betriebe am Leben zu erhalten, könnten tatsächlich vor allem die Großen davon profitieren. Denn neben Klein- und Mittelständlern können auch Konzerne die Zuschüsse beantragen. Das hat eine parlamentarische Anfrage der Grünen an das Wirtschaftsministerium ergeben. "Eine grundsätzliche Unterscheidung bei den Förderbedarfen entlang der Wertschöpfungskette ist nicht vorgesehen", heißt es in der Antwort aus dem Haus Altmaiers.

 

Für die Grünen-Abgeordnete Lisa Badum aus der Autostadt Bamberg ist das eine erhebliche Schwachstelle. "Für die Großen sind die zwei Milliarden Euro einfach Peanuts, die verpuffen", sagte sie unserer Redaktion. "Dieses Bonusprogramm darf daher nicht verwässert werden und muss in vollem Umfang den kleinen und mittelständischen Unternehmen der Zuliefererbranche zu Gute kommen", verlangte Badum.

Die Wirtschaft in ihrem Wahlkreis ist stark von der Autoindustrie geprägt. Brose, Bosch und Schaeffler betreiben große Werke in und um Bamberg. Sie werden dem Mittelstand zugerechnet, weil sie Familienunternehmen sind. Daneben gibt es aber noch drei Dutzend kleinere Firmen, die direkt oder indirekt an der Autoindustrie hängen. 40.000 Arbeitsplätze sind es in Oberfranken insgesamt. Nach Jahren des Aufschwungs haben die Chefs Sparrunden verordnet, Mitarbeiter bangen um ihre Arbeitsplätze. Die Autostadt ist verunsichert.

Elektromobilität: Stellenabbau in Werken für Verbrennermotoren

Markus Zirkel ist Betriebsrat bei Schaeffler in Hirschaid, 15 Kilometer südlich von Bamberg gelegen. Über 1400 Kollegen bauen in dem Werk Ventilsteuerungen für Verbrennermotoren. Weil E-Autos immer mehr Marktanteile gewinnen, werden 100 Stellen abgebaut. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Wenn die Autohersteller hohe Strafen der EU-Kommission vermeiden wollen, müssen sie noch viel mehr Autos mit Akku verkaufen. Denn sonst können sie die strikten europäischen Umwelt-Vorgaben nicht erfüllen. 

Zirkel hält das Förderprogramm des Wirtschaftsministers für richtig, weil er eine Hoffnung hat: Sie heißt Wasserstoff. Wenn der Einsatz des sauberen Gases als Brennstoff auf Serienreife gebracht wird, braucht es weiter Ventiltechnik aus Hirschaid, zum Beispiel in Lkw und Bussen. Derzeit ist Wasserstoff aber noch viel zu teuer, es braucht Forschung und Pilotprojekte, um die Kosten nach unten zu bringen. Geld dafür könnte aus dem Zuliefererprogramm kommen, aber das hat für den Betriebsrat einen zweiten, entscheidenden Nachteil: "Es geht sehr einseitig in Richtung Elektromobilität, das Ganze ist nicht offen für Alternativen." Zirkel kennt sich gut mit dem Programm aus. Er sitzt als Vertreter der Arbeitnehmer in einem Dialogforum auf bayerischer Ebene, das dafür sorgen soll, dass die Mittel bei den Richtigen ankommen.

IG Metall fordert bei Hilfen einen Fokus auf kleine Zulieferer

Genau wie Bamberg ist auch Ingolstadt eine Autostadt. Überspitzt ließe sich sagen, dass Ingolstadt Audi ist. Rund 40.000 Mitarbeiter entwickeln und bauen die Wagen der VW-Premiumtochter, hinzukommen noch einmal 20.000 Beschäftigte bei den Zulieferern. So schätzt es der Ingolstädter IG-Metall-Chef Bernhard Stiedl. Auch er hält es grundsätzlich für eine gute Idee, wenn der Staat die Branche im Umbruch unterstützt. "Wir von der IG Metall würden uns wünschen, wenn der Fokus auf die kleinen Zulieferer gelegt würde, weil die derzeit wenig Geld haben", sagt Stiedl. Sie sollten aus seiner Sicht bevorzugt werden bei der Vergabe der Gelder.

Er hat dabei Unternehmen im Blick, die 200, 100 oder nur 50 Leute haben, von denen es um die 30 in Ingolstadt und in seinem Umland gibt. Bei Großunternehmen falle es nicht so sehr ins Gewicht, wenn sie beispielsweise 10 Millionen Euro von Altmaier bekämen. Bei Kleineren könne das aber durchaus den Ausschlag geben, um sich auf die neue Zeit einzustellen.

Der Gewerkschafter hält außerdem das Volumen von einer halben Milliarde Euro pro Jahr für zu gering bemessen. Ein Blick auf die Daten zeigt, dass die Autoindustrie enorme Summen für Forschung und Entwicklung ausgibt. Laut dem Branchenverband VDA waren es 2018 in Deutschland 27 Milliarden Euro. Davon entfallen 60 Prozent auf die Hersteller und 40 Prozent auf die Zulieferer. Der Zuschuss aus dem Transformationsprogramm würde für knapp zwei Prozent der Entwicklungskosten stehen.

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