Die Babyboomer sind ins Zwielicht geraten. In den kommenden Jahren geht die Generation der ungefähr ab Mitte der 1950er bis Ende der 1960er-Jahre Geborenen in Rente. Doch sie hat nicht für genügend neue Beitragszahler gesorgt und geht noch dazu oft vorzeitig in Rente. Nun klafft eine demografische Lücke und Unternehmen in Deutschland finden kaum noch Fachkräfte. Zugleich stehen einem Altersrentner heute nur noch zwei Beitragszahler gegenüber. Im Jahr 1962 kamen in Westdeutschland auf einen Altersrentner sechs Versicherte.
Die Rechnung geht also nicht mehr auf. Wenn immer weniger Arbeitsstunden geleistet werden, wird es schwer, den Sozialstaat zu erhalten und Wachstum in der Wirtschaft zu schaffen. Reinhold Braun, Präsident der Industrie- und Handelskammer Schwaben (IHK), warnt: „Die geplanten hohen Schulden müssen aber durch Wachstum finanziert werden. Deswegen brauchen wir jetzt Mut zu Reformen.“ Die Kammer hat darum beim Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) ein Gutachten in Auftrag gegeben, das Maßnahmen zu einer Erhöhung des Arbeitsvolumens skizziert.
Zwei Drittel gehen vorzeitig in Ruhestand
Das Papier, das unserer Redaktion exklusiv vorliegt, enthält einige Maßnahmen, die politischen Konfliktstoff liefern könnten. So fordern die Experten etwa eine sofortige Abschaffung des abschlagsfreien vorzeitigen Renteneintritts für besonders langjährig Versicherte und eine weitere Anhebung der Regelaltersgrenze. Deutschlandweit gehen in der laufenden Legislaturperiode wohl rund zwei Millionen Menschen mehr in Rente als in das Erwerbsleben nachrücken. In Bayerisch-Schwaben beträgt die Lücke 45.000 Personen. Gleichzeitig arbeitet nur noch ein Drittel der Erwerbstätigen bis zum Erreichen der Regelaltersgrenze, zwei Drittel gehen vorzeitig in den Ruhestand.
Laut den Zahlen des IW hat fast ein Drittel der vier Millionen Berechtigten bis Ende 2023 die Möglichkeit genutzt, abschlagsfrei früher in Rente zu gehen. Allein in Bayerisch-Schwaben waren es geschätzt 25.000 Personen, die dem Arbeitsmarkt so weitgehend verloren gingen. Wenn der Trend sich fortschreibt, wäre nach Prognosen der Experten bis Ende 2029 mit weiteren 1,35 Millionen Rentnerinnen und Rentnern zu rechnen, die nach 45 Beitragsjahren abschlagsfrei in Rente gehen. Politisch ist keine Kehrtwende zu erwarten, an der sogenannten „Rente mit 63“ hält der Koalitionsvertrag explizit fest.
Die Politik setzt stattdessen auf Freiwilligkeit und plant die Einführung eines monatlichen Steuerfreibetrags von 2000 Euro für alle, die nach Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters weiterarbeiten. Zweifel an der Maßnahme melden die IW-Forscher an. Sie warnen vor starken Mitnahmeeffekten bei ungewissen Beschäftigungseffekten.
Feiertage abzuschaffen ist Ländersache
Ebenso umstritten wie eine längere Lebensarbeitszeit ist die Verlängerung der Jahresarbeitszeit, die ebenfalls auf der Vorschlagsliste steht. Sie könnte am schnellsten mit der Streichung eines oder mehrerer bundesweiter Feiertage ausgedehnt werden, die immer auf einen Arbeitstag fallen, wie etwa der Pfingstmontag. Nach Berechnungen der IW-Forscher bringt dies pro Feiertag eine Ausweitung des Arbeitsvolumens um 0,45 Prozent oder knapp 280 Millionen Arbeitsstunden. Zum Vergleich: Das angenommene gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen der Erwerbstätigen beträgt in dieser Rechnung 61,355 Milliarden Stunden im Jahr.
Feiertage sind aber Ländersache und 16 Landesregierungen auf einen Nenner zu bringen, ist komplex. Die Forscher schlagen darum vor, sich am dänischen Modell zu orientieren. Dort wurde zum Ausgleich für die Streichung eines Feiertages beschlossen, die Verdienste anzuheben. In Deutschland bekämen die Arbeitnehmer also einen Zuschlag von 0,45 Prozent. Die bayerische Landesregierung könnte zudem beschließen, dass katholische Arbeitnehmer das Recht haben, an katholischen Feiertagen unbezahlt freizunehmen.
Zuwanderer bringen meist nicht die richtige Qualifikation mit
Das Arbeitsvolumen kann aber nicht nur gesteigert werden, wenn alle mehr arbeiten. Auch Zuwanderung kann das Arbeitskräftepotenzial erhöhen. Rechnerisch kamen in den Jahren 2023 und 2024 zusammen je eine Million Zuwanderer nach Deutschland. Den Fachkräftemangel behoben hat dies nicht. Denn die Qualifizierung der Neuankömmlinge und der aus dem Arbeitsleben ausscheidenden Arbeitnehmer in Deutschland passen nicht überein.
Auch die Pläne, in großem Stil Fachkräfte außerhalb der EU anzuwerben, zeigen laut der Studie bislang nur begrenzte Wirkung. 2023 kamen lediglich 72.000 Personen, die Zahl der Abwanderer ist dabei noch gar nicht berücksichtigt. Ein wichtiger Hebel, gerade für kleine und mittelständische Unternehmen, wäre laut den IW-Forschern daher eine Liberalisierung der Zeitarbeit. Die Branche sei international aufgestellt und könne auch in Drittstaaten Fachkräfte rekrutieren. Bislang ist dies aber gesetzlich untersagt. Das zeige, schreiben die Forscher, „dass zumindest Teile der Politik die Größe der Herausforderung noch nicht erkannt haben.“
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren