Herr Ott, Bertram Brossardt, der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der bayrischen Wirtschaft, sagt, er habe einfach Bock auf Arbeit. Er arbeite, räumt er ein, häufig mehr als zehn Stunden pro Tag. Wie steht es um ihren Bock auf Arbeit als bayerischer IG-Metall-Chef?
HORST OTT (LACHT): Ich schätze meine Arbeit auch. Ich habe auch Lust auf Arbeit. Anders als bei Herrn Brossardt speist sich meine Lust auf Arbeit nicht aus der Länge der Arbeitszeit.
Bei Ihnen dürften es aber auch mal mehr als zehn Stunden Arbeit pro Tag werden. Neben Ihrer gewerkschaftlichen Tätigkeit sitzen Sie noch in den Aufsichtsräten von Schaeffler und BMW.
OTT: Ja, natürlich kommen auch bei mir mal mehr als zehn Stunden Arbeit pro Tag zusammen. Ich arbeite allerdings viel mit Menschen zusammen, die sich ehrenamtlich engagieren. Wenn sich dann die Ehrenamtlichen am Abend mit mir als hauptamtlich arbeitendem Gewerkschafter treffen, stelle ich mir die Frage: Ist das für mich dann auch Arbeitszeit? Da gibt es einen Graubereich.
Der Graubereich scheint bei Gewerkschaftern groß zu sein.
OTT: Ich bin seit 1989 gewerkschaftlich tätig. Ich habe immer noch nicht für mich geklärt, wann an solchen Tagen für mich die berufliche Arbeitszeit endet und die ehrenamtliche Tätigkeit anfängt. Ich habe den Luxus, meine Überzeugung zum Beruf gemacht zu haben.
Sie arbeiten also mehr als 35 Stunden die Woche.
OTT: Ja, das mache ich als Führungskraft. Doch ich bin überzeugt davon, dass die 35-Stunden-Woche, wie sie für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie grundsätzlich gilt, richtig ist. Und ich bin auch überzeugt, dass wir eine Work-Life-Balance wahren sollten, also eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit. Sonst könnte ich meinen Job nicht machen. Wer dauernd arbeitet und sich im Hamsterrad dreht, geht irgendwann kaputt. Das Leben darf nicht nur aus Arbeit bestehen.
Was ist Ihnen außerhalb des Hamsterrades besonders wichtig?
OTT: Meine Familie ist für mich sehr wichtig. Und mein Hobby als Rettungshunde-Führer beim Technischen Hilfswerk liegt mir besonders am Herzen. Wenn es irgendwie geht, nehme ich mit meinem Hund an Einsätzen teil. Ich muss nach wie vor Prüfungen mit meinem Hund machen und bekomme nichts geschenkt. Zum einen bleibe ich so in Bewegung. Das ist mein Sport. Und ich engagiere mich schon so lange ehrenamtlich. In meiner Augsburger Zeit bin ich im Ersatzdienst Rettungswagen gefahren. Dann ging ich für die IG Metall in die Oberpfalz und wurde Rettungshundeführer. Hier habe ich viele Kameraden gewonnen.
Wo haben Sie schon mit Ihrem Hund Vermisste gesucht?
OTT: Ich war nach der Flut im Ahrtal im Einsatz. Wir haben in Autos nachgeschaut, ob noch jemand drin ist, und wir mussten in Keller gehen. Meist jedoch suchen wir vermisste Menschen und gehen mit unseren Hunden Waldstücke ab. Ich bin auf alle Fälle überzeugt: Das Ehrenamt ist eine große Stütze unserer Demokratie. Nur weil so viele Menschen in ihrer Freizeit anpacken, geht etwas voran. Wenn man den „Gefällt-mir-Button“ bei Facebook drückt, passiert nichts für unsere Gesellschaft.
Auch weil sich rund 29 Millionen Menschen in Deutschland ehrenamtlich engagieren, sind die Menschen doch fleißiger, als das manche Arbeitgeber-Vertreter oder CDU-Politiker suggerieren.
OTT: Die Deutschen sind fleißiger als ihr Ruf.
Doch es wird ein gegenteiliger Anspruch erweckt. Herr Brossardt etwa könnte sich vorstellen, einen Feiertag zu streichen. Reden wir gerade Deutschland kaputt?
OTT: Ich schätze Herrn Brossardt sehr. Er hat mir immerhin zugesichert, dass er nicht den 1. Mai, also den Tag der Arbeit, abschaffen will. Aber diese Diskussion führt in die Irre. Ich kenne sehr viele Menschen, die engagiert arbeiten und sich mit ihrer Arbeit identifizieren. Arbeitsverweigerer und Blaumacher sind die Ausnahme. Ich kenne zwar Menschen, die krank sind, aber niemanden, der einfach so blau macht. Nur ein Gedankenspiel: Was würde passieren, wenn wir einen Feiertag und auch noch einen Urlaubstag streichen, wie das Arbeitgebern vorschwebt?
Ja, was denn?
OTT: Würde der Wirtschafts-Standort Deutschland dann aufblühen? Würden Unternehmer wieder mehr Investitionen in Deutschland tätigen und alle geplanten Investitionen im Ausland streichen? Werden dann alle Kündigungsprogramme in Deutschland zurückgerollt?
Was glauben Sie?
OTT: Wenn mir Herr Brossardt all diese Fragen mit „Ja“ beantwortet und mir verspricht, dass die 35.000 Arbeitsplätze, die seit 2024 in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie abgebaut wurden, wieder aufgebaut werden, knicke ich ein. Dann sage ich zu Herrn Brossardt: Wir streichen einen Tag Urlaub und setzen uns für den Wegfall eines Feiertags ein.
Also werden Sie nie dem Streichen eines Feiertags und eines Urlaubstags zustimmen.
OTT (NICKT): Denn ich bin überzeugt, dass das Streichen eines Feiertags und eines Urlaubstags die Arbeitgeber nicht zum Umkehren bewegt.
Warum fordern Arbeitgeber-Vertreter und Politiker dann Einschnitte für Beschäftigte als Patentrezept für mehr Wachstum?
OTT: Mit solchen Forderungen wollen Politiker und Arbeitgeber-Vertreter davon ablenken, dass in der Vergangenheit in Deutschland Entscheidungen und Reformen versäumt wurden. So haben es deutsche Autohersteller und Zulieferer versäumt, sich rechtzeitig richtig auf die E-Mobilität einzustellen. In Deutschland wurden nicht in ausreichendem Maße Verträge mit Lieferanten aus anderen Ländern zur Versorgung mit seltenen Erden geschlossen, die unter anderem für die Batterieproduktion wichtig sind.
Sie beklagen eine lange Liste der Versäumnisse.
OTT: Ja, und so haben wir das Feld der Batterietechnologie weitgehend asiatischen Ländern überlassen. Jetzt müssen wir mühsam nachziehen, weil wir in der Vergangenheit zu überheblich waren. Dann verfügen wir in Bayern zum Teil nicht über genügend Strom, um Produktionsstätten zu jeder Tageszeit versorgen zu können. In Deutschland sind handwerkliche wirtschaftspolitische Fehler gemacht worden. Nun könnten Politiker all diese Fehler einräumen und Besserung geloben. Stattdessen stellen sich einige Politiker hin und beklagen, dass der Zahnersatz in Deutschland auf den Prüfstand gehöre, weil er zu teuer sei.
Es müssen also Schuldige für die deutsche Misere gefunden werden.
OTT: Und als Schuldige wurden zunächst Flüchtlinge, dann Bürgergeld-Empfänger und schließlich unsere Arbeitnehmer mit ihrer angeblich nachlassenden Arbeitsmoral ausgemacht. Ich hoffe, dass sich irgendwann die Erkenntnis durchsetzt, dass die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft Fehler gemacht haben. Wir müssen aufhören, Sündenböcke zu suchen, und anfangen, endlich unsere Probleme zu lösen.
Also Schluss mit Bock auf Sündenböcke. Aber müssen wir nicht etwas länger arbeiten, um die Kosten für kriselnde Unternehmen zu senken? Hat hier Herr Brossardt am Ende doch recht?
OTT: Unser Problem besteht darin, dass Arbeitsplätze abgebaut werden und Beschäftigte in Kurzarbeit geschickt werden. Es ist doch sinnvoller, all diesen Menschen zunächst wieder Arbeit zu geben, ehe wir über längere Arbeitszeiten Debatten führen. Solange viele Menschen gar keine oder zu wenig Arbeit haben, nützt uns die Feiertagsdebatte nichts. Ein Feiertag weniger bringt gar nichts.
Was würde es dem Standort Deutschland nützen, wenn weniger Frauen Teilzeit arbeiten und mehr Frauen Vollzeit-Arbeitsplätze annehmen? In der CDU war ja von einer „Lifestyle-Teilzeit“ die Rede.
OTT: Die Teilzeit-Diskussion verstehe ich nicht. In der Industrie geht es nicht um die Länge der Arbeitszeit, sondern darum, wie produktiv wir arbeiten. Angesichts der hohen Automatisierung und damit der hohen Produktivität spielt die Frage, wie lange ein Mensch arbeitet, keine zentrale Rolle mehr. In der modernen Siemens-Fabrik in Amberg, die hochautomatisiert ist, liegt der Lohnkosten-Faktor bei nur noch drei bis vier Prozent. Die Höhe der Produktivität ist für Unternehmer deutlich wichtiger als die Höhe der Teilzeit-Rate. Auch diese Diskussion führt also in die Irre.
Wie beurteilen Sie den Vorwurf, vor allem Frauen würden nur aus „Lifestyle-Überlegungen“ Teilzeit arbeiten?
OTT: Dieser Vorwurf ist erbärmlich. Es gibt genügend Teilzeit-Beschäftigte, die gerne mehr arbeiten würden, es aber die Verhältnisse, also die unzureichende Kinderbetreuung, nicht zulassen. Die Öffnungszeiten von Kindergärten und Schulen passen nicht zu den flexiblen Arbeitszeiten der Mütter und Väter.
Zur Person
Horst Ott, 60, ist seit April 2023 Bezirksleiter der IG Metall Bayern. Seinen gewerkschaftlichen Werdegang startete der gelernte Maschinenschlosser 1982 als Jugend- und Auszubildendenvertreter bei der Renk AG in Augsburg. 1989 wechselte Ott hauptberuflich zur IG Metall. Nach einem Volontariat bei der IG Metall Augsburg und dem Studium an der Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main arbeitete er zunächst als Gewerkschaftssekretär in Amberg. 2008 wurde der Gewerkschafter zum 2. Bevollmächtigten und 2012 zum 1. Bevollmächtigten der IG Metall Amberg gewählt. Ott ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist Mitglied der SPD und des Bund Naturschutz. In seiner Freizeit engagiert sich Ott als Rettungshunde-Führer der Rettungshundestaffel im THW/Bayern, Sulzbach-Rosenberg.
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