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IG-Metall-Vize Jürgen Kerner: Wir verlieren jeden Monat 10.000 Industrie-Arbeitsplätze

Interview

IG-Metall-Vize Kerner: „Wir verlieren derzeit in Deutschland 10.000 Industrie-Arbeitsplätze im Monat“

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    Jürgen Kerner ist Zweiter Vorsitzender der Gewerkschaft IG Metall. Im Interview richtet er einen Appell an Arbeitgeber, Deutschland nicht den Rücken zu kehren.
    Jürgen Kerner ist Zweiter Vorsitzender der Gewerkschaft IG Metall. Im Interview richtet er einen Appell an Arbeitgeber, Deutschland nicht den Rücken zu kehren. Foto: IG Metall

    Herr Kerner, der deutsche Industrie-Präsident Peter Leibinger ist überzeugt, dass sich der Wirtschaftsstandort Deutschland im freien Fall befindet. Das sei die historisch tiefste Krise seit Bestehen der Bundesrepublik. Redet der Arbeitgeber-Vertreter den Standort kaputt oder hat er Recht?

    JÜRGEN KERNER: Diese Aussagen von Herrn Leibinger sind der aktuellen Situation geschuldet: Wir verlieren derzeit in Deutschland rund 10.000 Industrie-Arbeitsplätze im Monat. Die Unsicherheit bei Unternehmern, gerade bei Mittelständlern, aber auch bei Beschäftigten hat ein historisch hohes Niveau erreicht. 

    Was hat das für Folgen für die Geschäftspolitik der Unternehmerinnen und Unternehmer?

    KERNER: Ich glaube, dass dieses Gefühl der Unsicherheit Entscheidungen von Unternehmen derzeit mehr beeinflusst als die nüchternen Geschäftszahlen.

    Wie lässt sich der Abwärtstrend stoppen?

    KERNER: Indem wir uns im neuen Jahr gemeinsam auf unsere Stärken besinnen. Die Politik allein wird den Industrie-Standort nicht retten. Wir brauchen auch wieder Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich zum Standort bekennen, die wissen, welches Potenzial die Beschäftigten in Deutschland haben.

    Bewirken solche Appelle etwas? Die Realität ist, dass ein Automatisierungs-Spezialist wie Kuka davor steht, weiter Arbeitsplätze nach Ungarn zu verlagern, und der Münchner Lastwagenbauer MAN verstärkt auf Polen setzt. Manche Arbeitgeber sagen, ihre Geduld mit den Verhältnissen in Deutschland sei am Ende. 

    KERNER: Das ist mir zu platt, wenn Arbeitgeber sagen, sie seien mit ihrer Geduld am Ende und sie würden jetzt dem Standort zum Teil den Rücken kehren. Das ist oft kurzfristiger Rendite geschuldet und verkennt langfristige Stärken in unserem Land. Die Beschäftigten sind darauf angewiesen, dass sie in Deutschland eine Perspektive haben. 

    Was wünschen Sie sich von Arbeitgebern?

    KERNER: Dass sie mit uns nach vorne denken und aufhören, damit zu drohen, das Land zu verlassen. Anders als die Unternehmen können die meisten Arbeitnehmer nicht einfach ins Ausland gehen. Diese Drohungen der Arbeitgeber spalten das Land und verschärfen die Konfrontation. Am Ende verlieren Unternehmen mehr, als sie gewinnen.

    Doch Arbeitgeber beklagen doch zu Recht die zum Teil schlechten Standortfaktoren in Deutschland.

    KERNER: Solche negativen Standortfaktoren gibt es natürlich: Die Energiekosten sind zu hoch und eine ausufernde Bürokratie belastet Unternehmen. Stahlwerke wie die Lech Stahlwerke in Meitingen werden nur überleben, wenn der Industriestrompreis 2026 kommt, also der Staat den Strompreis für solche Industrie-Unternehmen vergünstigt. 

    Der Industriestrompreis kommt jetzt. Hier hat die IG Metall über Jahre hinweg Druck ausgeübt.

    KERNER: Zuletzt forderten nur noch wir Gewerkschaften einen solchen Industrie-Strompreis ein. Doch solche Maßnahmen reichen nicht. Wir müssen in Deutschland einfach schneller werden, etwa was die Genehmigung von Betriebserweiterungen betrifft. 

    Steht die Politik weiter massiv in der Pflicht?

    KERNER: Wenn die Politik die Rahmenbedingungen für die Industrie verbessert, entstehen nicht automatisch neue Produkte, Innovationen und Geschäftsmodelle, die hierzulande Arbeitsplätze sichern. Das müssen die Unternehmer zusammen mit den Beschäftigten wieder anschieben. Dazu muss aber die Drohung der Arbeitgeber vom Tisch, dass sie das Land verlassen. Wir brauchen Unternehmer, die sich wieder zum Standort Deutschland und ihren Belegschaften bekennen. 

    Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller fordert eine neue konzertierte Aktion ein, wie früher, als sich Arbeitgeber, Gewerkschaften und Politik an einen Tisch gesetzt haben. Brauchen wir solch ein neues Bündnis für Arbeit auf Bundesebene?

    KERNER: Wir bilden als Betriebsräte und Gewerkschaften derzeit fast täglich mit Arbeitgebern Bündnisse für Arbeit auf Betriebsebene. Und Vertreter von Arbeitgebern und Gewerkschaften nehmen nahezu wöchentlich an Gesprächsrunden mit den Spitzen der Politik teil. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht überfordern. Denn die Ausgangslage von Unternehmen ist sehr unterschiedlich: Ein Teil steckt in einer Krise. Hier sind wir als Gewerkschaften bereit, Lösungen zum Erhalt von Arbeitsplätzen zu finden und Beiträge der Belegschaften einzubringen. Es gibt aber auch Unternehmen, die gutes Geld verdient haben und jetzt ihre Margen optimieren wollen, indem sie Arbeitsplätze ins Ausland verlagern. Da wird es schwer für Gewerkschaften, mit solchen Arbeitgebern einen gemeinsamen Nenner zu finden. 

    Lehnen Sie also ein von Frau Leibinger-Kammüller ins Spiel gebrachtes Bündnis für Arbeit auf Landes- oder Bundesebene ab?

    KERNER: Manche Arbeitgeber glauben, die Beschäftigten seien bereit, zweimal Zugeständnisse zu machen, zunächst auf Betriebsebene und dann noch mal auf Landesebene. So funktioniert das nicht. Das akzeptieren die Beschäftigten nicht. Ich will die Unternehmer stärker in die Pflicht nehmen.

    An was denken Sie hier konkret?

    KERNER: Ich wünsche mir, dass Unternehmer nicht nur auf EU-Subventionen für die Erweiterung oder Neuschaffung von Produktionsanlagen in Osteuropa schielen. Wenn klar ist, dass der Umbau von Standorten in Deutschland etwa im Zuge der Transformation in der Autoindustrie in Deutschland teuer ist, zugleich aber der Neubau solcher Werke in Osteuropa subventioniert wird, führt das zu einem Ausverkauf der heimischen Standorte. Für MAN etwa lockt in Polen ein dreistelliger Millionenbetrag an Subventionen.

    Was muss demnach jetzt passieren?

    KERNER: Die EU muss diese Subventions-Praxis beenden. Ich erwarte, dass hier die Arbeitgeber mit uns gemeinsam Druck auf Brüssel ausüben. Sonst ist der finanzielle Anreiz für die weitere Verlagerung der Produktion nach Osteuropa zu groß. Die bisherige Subventionspraxis der EU ist ein Brandbeschleuniger für die Deindustrialisierung. Ich appelliere auch an das Selbstverständnis der Arbeitgeber: Sie sollten nicht alles ausschöpfen, was geht. Subventionen schaffen noch lange keine Innovation. Neue Produkte müssen weiter in Deutschland entwickelt und produziert werden. Dann ist es auch verkraftbar, wenn im Gegenzug standardisierte Teile in günstigeren Ländern gefertigt werden. Das war bisher die gängige Praxis in Deutschland.

    Diese Geschäftsmodell wird zum Teil von Arbeitgebern aufgekündigt.

    KERNER: Leider. Und so erlebe ich jetzt erstmals bei Bosch und MAN, dass Zukunftsprodukte ins Ausland gehen. Wir brauchen für Deutschland wieder eine Innovationsoffensive, gerade angesichts der Tatsache, dass die Chinesen im Maschinen- und Anlagenbau gegenüber Deutschland aufgeholt haben. Ich bin überzeugt, dass der Einsatz künstlicher Intelligenz Deutschland im Maschinen- und Anlagenbau wieder nach vorne bringen kann. 

    Sie appellieren an die Ehre und das patriotische Bewusstsein von Unternehmern trotz Schwierigkeiten, in Deutschland zu bleiben. Hat das Aussicht auf Erfolg?

    KERNER: Wir können Herausforderungen nicht nur unter Rendite-Gesichtspunkten diskutieren und alles an die Politik auslagern. Arbeitgeber und Gewerkschaften müssen mutig vorangehen, wie wir beim Auto- und auch beim Stahlgipfel bewiesen haben. 

    Es geht nun einiges voran. Die Reformen der Bundesregierung werden ab nächstem Jahr greifen. Gibt das Anlass zum Optimismus?

    KERNER: Meine Lebenserfahrung sagt mir: Wirtschaft ist zu 50 Prozent von Psychologie abhängig. Derzeit sind es eher 70 Prozent. Deswegen müssen wir die Unternehmer bei der Ehre packen. Wir können sie nicht umzingeln, damit sie hierbleiben. Die Politik hat signalisiert, dass sie handelt und die Probleme unseres Landes angeht. Jetzt müssen die Unternehmer Mut und Geduld beweisen und hierbleiben. Wenn es uns nicht gelingt, die Industrie zu stabilisieren, besteht die Gefahr, dass wir die Demokratie destabilisieren. Wenn Industrie-Betriebe verschwinden, verschwindet irgendwann auch das Schwimmbad und der regionale Bäcker. Mein Appell an die Arbeitgeber lautet deshalb: Hakt Euch unter! 

    Was heißt das für die kriselnde Auto- und Autozulieferindustrie?

    KERNER: Wenn wir die Autohersteller unterstützen, erwarte ich, dass nicht alle Zulieferteile aus China kommen. Ein Großteil der Teile muss in Deutschland und Europa produziert werden. Gleiches gilt für die Bahn- und die Windkraftindustrie. Doch manche Arbeitgeber verweigern sich der Diskussion, wie der Konflikt bei Bosch zeigt. Das wäre vor einigen Jahren undenkbar gewesen.

    Was sind Ihre Forderungen an das Bosch-Management?

    KERNER: Im ersten Schritt müssen wir dafür sorgen, dass das Bosch-Management die Produkte der Zukunft für deutsche Standorte lokalisiert und die Beschäftigten wieder als Gesprächspartner auf Augenhöhe akzeptiert. Früher war Bosch eine Familie, in der Probleme gemeinsam gelöst wurden. Dahin müssen wir zurückkehren. Die Menschen sollten bei Bosch wieder den gleichen Stellenwert wie die Marge haben.  

    Zur Person

    Jürgen Kerner, 56, ist seit Oktober 2023 Zweiter Vorsitzender der IG Metall. Der gelernte Informationselektroniker verantwortet die Bereiche Industriepolitik und Branchenarbeit, Kommunikation, Kampagnen und Mitglieder sowie Personal. Von 2004 bis 2011 war der gebürtige Augsburger Erster Bevollmächtigter der IG Metall Augsburg. Kerner ist Mitglied der Aufsichtsräte von Siemens, Siemens Energy, MAN Truck & Bus, Traton und Thyssenkrupp.

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