Jetzt könnte es noch härter für die deutsche Autoindustrie kommen: Bei Volkswagen geht die Angst um, dass die Bänder demnächst stillstehen, weil Chips fehlen. Fieberhaft arbeitet der Konzern an einer Lösung, nachdem der Billighersteller Nexperia mit Sitz in den Niederlanden und Werken in China und Hamburg unter recht mysteriösen Umständen die Lieferung eingestellt hat. VW hofft, Ersatz beschaffen zu können, doch ausgestanden ist die Sache noch nicht. Auch anderen deutschen Autobauern wie Audi könnte der Nachschub ausgehen.
Ein VW-Sprecher bemüht sich um Gelassenheit
Grund für die neue Chipkrise ist der Handelskrieg zwischen den USA und China, zwischen dessen Fronten Nexperia offenkundig geraten ist. Ein VW-Sprecher bemühte sich am Donnerstag um Gelassenheit. „Der Volkswagen-Konzern prüft derzeit aktiv alternative Beschaffungsoptionen, um mögliche Auswirkungen auf seine Lieferkette zu minimieren“, sagte er. Man stehe dazu in engem Austausch mit potenziellen Lieferanten. Zwar handelt es sich bei den sogenannten „diskreten Halbleitern“ um einfache Massenware, dennoch sind die Teile unverzichtbar, etwa für die Fahrzeugelektronik. Meist werden sie von Zulieferkonzernen wie Bosch oder ZF verarbeitet und dann an die Autobauer weitergegeben.
So ist das auch bei Audi. Die Nervosität in der Belegschaft des Ingolstädter Unternehmens ist spürbar. Viele fühlen sich an die massiven Lieferkettenprobleme in der Corona-Zeit erinnert. Audi-Produktionsvorstand Gerd Walker informierte die Beschäftigten am Donnerstag nach Informationen unserer Redaktion via Intranet über die Lage der Dinge. Und die ist ziemlich unübersichtlich.
Erinnerungen an die Corona-Pandemie werden wach
„Aufgrund unserer Erfahrungen aus Krisen, wie beispielsweise der Corona-Pandemie und dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine, haben wir unsere hochkomplexen Lieferketten an vielen Stellen abgesichert“, schrieb Walker an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und fügte ganz offen hinzu: „Dadurch sind wir zwar resilienter aufgestellt, können aber trotzdem nicht sämtliche Risiken vollständig eliminieren. Wir verschaffen uns gerade ein umfassendes Bild. Das ist schwierig, weil sich die Lage täglich verändert.“
Eine Unternehmenssprecherin sagte auf auf Nachfrage unserer Redaktion: „Derzeit läuft die Produktion normal. Wir stehen in engem Kontakt mit allen relevanten Beteiligten vor dem Hintergrund der aktuellen Lage, um frühzeitig mögliche Risiken zu identifizieren und über entsprechend notwendige Maßnahmen entscheiden zu können.“ Auswirkungen auf die Audi-Produktion könnten „zurzeit nicht ausgeschlossen werden“.
Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer sieht tatsächlich immense Risiken auf die Branche zukommen. „Der Schaden kann im Extremfall zu Produktionsunterbrechungen bei allen deutschen Autobauern führen“, sagte er unserer Redaktion. „Es wird fieberhaft nach anderen Lieferanten gesucht. Die gibt es, aber sie können nicht zaubern und über Nacht Kapazitäten aus dem Boden stampfen.“ Seine Prognose: Die Chipkrise könnte sich im schlimmsten Fall bis zu eineinhalb Jahre hinziehen. Nur wie kam es überhaupt dazu?
Niederländische Regierung verstaatlicht Chiphersteller und erbost China
Unmittelbarer Auslöser war die niederländische Regierung, die kurzerhand die Kontrolle über Nexperia übernommen und den bisherigen Chef vor die Tür gesetzt hatte. Offizielle Begründung für die überraschende und von einem Notgesetz aus den 50er Jahren gedeckte Verstaatlichung war die Sorge, es könnte Know-How nach China abgezogen werden. Dudenhöffer hat allerdings massive Zweifel an dieser Erzählung: „Das gehört in das Reich der Märchen und Mythen“, sagte der Experte. Er geht vielmehr davon aus, dass die USA Druck auf die niederländische Regierung gemacht hatten. Das legen im Übrigen auch Gerichtsakten nahe. „Es riecht verdammt nach einem provozierten Konflikt mit China“, sagte Dudenhöffer.
Der chinesische Mutterkonzern von Nexperia reagierte jedenfalls prompt auf diese Provokation – mit weitreichenden Folgen, nicht nur für Deutschland: Chips, die in China produziert oder dort auch nur verpackt werden, durften mit sofortiger Wirkung nicht mehr nach Europa ausgeliefert werden.
Experten vermuten hinter dem ungewöhnlichen Manöver der Niederlande vor allem einen Mann: Donald Trump. Fakt ist: Die USA wollen China am liebsten ganz aus dem europäischen Markt hinausdrängen. Die Zeche dafür könnten deutsche Autohersteller bezahlen. Denn Halbleiter werden nicht nur über Nacht zum raren Gut, sondern wahrscheinlich auch teurer. „Plötzlich kommt wieder die Chipangst auf und es wird eine Rote Karte gegenüber den bösen Chinesen gezogen, dabei wäre die Rote Karte für die USA die richtige Entscheidung“, sagte Dudenhöffer.
Branche ist abhängig von Chips aus dem Ausland
So oder so steht die Abhängigkeit der Branche von Chip-Importen, die schon während der Pandemie die Werkshallen lahmgelegt hatte, wieder ganz oben auf der Tagesordnung. Für Dudenhöffer gibt es perspektivisch nur eine Antwort: „Die USA mit ihrem Präsidenten Trump sind sehr gefährlich. Die beste Absicherung heißt, auf Distanz zu den USA zu gehen und offener mit dem riesigen Handelspartner China umzugehen. Das ist wirkliche Resilienz. Die USA sind nicht unser Freund.“
Erst einmal aber brauchen die Autohersteller schnellen Ersatz. Die Gespräche hinter den Kulissen laufen unter Hochdruck. Auch die Bundesregierung ist involviert. Ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums bestätigte, man sei besorgt und in engem Austausch – auch mit der chinesischen Regierung.
Aus der VW-Zentrale gibt es immerhin hoffnungsvolle Signale. „Wir haben einen alternativen Lieferanten, der den Lieferausfall der Nexperia-Halbleiter ausgleichen könnte“, sagte Markenproduktionsvorstand Christian Vollmer. Zugleich vermeldete der Konzern, dass mitten in der Chip-Krise der Vorstand für Beschaffung ausgetauscht wird. Der 61-jährige Dirk Große-Loheide scheide Ende des Monats „im Rahmen einer länger geplanten Altersregelung“ aus, hieß es aus Wolfsburg.
Seine Aufgabe übernimmt Karsten Schnake, bisher bei Skoda. Er tritt einen Job an, der in dieser Woche noch ein bisschen komplizierter geworden ist. Am Freitag immerhin berichtete allerdings die Deutsche Presse-Agentur, bei VW gebe es kommende Woche keine Produktionsstopps.
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