Herr Hoerr, Sie sprechen auf einer Veranstaltung der IHK-Schwaben über Niederlagen und darüber, wie man mit unternehmerischen Rückschlägen umgeht. Was war für Sie denn die größte Niederlage in Ihrer Zeit bei Curevac?
INGMAR HOERR: Als Existenzgründer hat man immer mehr Niederlagen als Erfolge. Ich erinnere mich, dass uns als junge Gründer, frisch von der Universität, kaum einer Geld geben wollte. Unser erster Finanzier war ein Schotte, der uns 100.000 Euro gab. Mit ihm sind wird nach München gefahren, um bei weiteren Wagniskapitalgebern vorzusprechen. Dort wollte man wissen, ob man in Boston oder in China an ähnlichem arbeitet. Das war aber nicht Fall. Keiner hat uns zugetraut, dass wir in Tübingen etwas besser können als an anderen Stellen auf der Welt, keiner wollte weiteres Geld geben. Der Schotte hat dann kalte Füße bekommen und uns über seinen Anwalt geschrieben: „I want my money back!“ Unser Business-Angel hat sich also schnell als Business-Devil herausgestellt. Und wir mussten fürchten, insolvent zu sein, bevor es richtig losging.
Was hat Sie dann gerettet?
HOERR: Ich bin zur Kreissparkasse Tübingen gegangen. Dort saß ich einem Berater gegenüber. Er war die Rettung. Der erfahrene Mann sagte: Sie haben in Tübingen Biologie studiert, Sie bekommen immer einen Job und werden die 100.000 Euro zurückzahlen.
Das klappt nicht bei jeder Kreissparkasse…
HOERR: Das klappt sicher nicht bei jeder Kreissparkasse, aber in Tübingen war der Leumund doch so gut, dass der Berater überzeugt war, dass wir die 100.000 Euro zurückzahlen können.
Curevac gilt als Pionier der mRNA-Technik, der ein riesiges Potenzial für Impfungen und neue Medikamente prophezeit wird. Immerhin waren Sie 2021 für den Nobelpreis nominiert. Ist man darauf stolz?
HOERR: Das mit dem Nobelpreis weiß ich nicht, die Listen sind ja geheim.
Aber zufrieden kann man mit seiner Arbeit schon sein…
HOERR: Klar. Es ist eine Revolution, die mit der mRNA vonstattenging. Durch Corona bekam die mRNA-Technologie und damit Curevac noch mehr Relevanz. Unser Unternehmen hatte sich anfangs auf Krebstherapie spezialisiert. Ich musste im Aufsichtsrat dafür kämpfen, dass wir uns mit Impfstoffen beschäftigen. Ich hatte noch die Erfahrungen aus der Aids-Periode im Kopf. Was würden wir machen, wenn Covid genauso tödlich verlaufen würde wie Aids? Was kann man dann machen?
Sind wir auf neue Viren besser vorbereitet?
HOERR: Nichts ist so sicher, als dass ein neues Virus kommt. Mit der mRNA-Technologie können wir sehr schnell und sehr maßgeschneidert reagieren. Das ist der Vorteil. Unser spannendstes Projekt finde ich daher, dass wir zusammen mit Tesla einen „Drucker“ entwickelt haben, der mRNA in kurzer Zeit herstellt. Den Drucker könnte man in Nigeria oder einem anderen Land aufstellen, Impfstoff produzieren und die Dörfer drumherum immunisieren.
Mit Corona stand Curevac plötzlich im Fokus, Sie sind in dieser Zeit aber auch sehr krank geworden. Was war passiert?
HOERR: Ich wollte in dieser Zeit – 2020 – eigentlich mit meiner Familie segeln gehen, am besten um die Welt. Dann kam Covid und die Ereignisse haben sich überschlagen. Die Welt brauchte einen Impfstoff. Eines Tages hatte ich das Sekretariat des damaligen Bundesgesundheitsministers Jens Spahn am Telefon. Ich bin sofort nach Berlin, ins Ministerium, und wir haben darüber geredet, wie viel Geld man braucht, einen Impfstoff zu entwickeln. Nach dem Gespräch bin ich in das Hotel. Tags darauf wurde meine Assistentin stutzig, dass man nichts von mir hört. Die Hotelbediensteten haben mich dann im Zimmer gefunden, bewusstlos, mit einer Gehirnblutung durch ein Aneurysma. Der Notarzt hat mich in die Charité gebracht, ich lag einen Monat im künstlichen Koma, die Überlebenschance betrug 13 Prozent. Es ging mir nicht gut.
Sind Sie deshalb nicht wieder voll bei Curevac eingestiegen?
HOERR: Das war sicher ein Grund. Ich hatte damals lange Konzentrationsprobleme. Gesund zu werden, war ein langer Prozess. Ich lag einen Monat lang auf der Intensivstation, es folgten noch zwei weitere Monate im Krankenhaus. Ich konnte nicht klar denken und hatte manchmal Wahnvorstellungen, dass man mich nach Russland entführt hätte oder ähnliche Dinge. Ich bekomme heute noch Gänsehaut. Dann folgten vier Monate Reha. Mir ist das Bild eines jungen Mannes gut vor Augen, der im Rollstuhl saß, seine zweijährige Tochter auf dem Schoß. Ihn hatte es viel schlimmer getroffen und ich musste immer denken, das hätte ich sein können…
Was bedeutet es, in jungen Jahren plötzlich hilflos zu sein?
HOERR: Es war ein harter Einschnitt, weil ich Freiheit für das wichtigste Element in meinem Leben halte. Im Krankenhaus war es anfangs kaum möglich, alleine auf die Toilette zu gehen. Einmal hatte es mich mit dem Wägelchen dort umgeschmissen und ich lag dort, bis mir eine Schwester geholfen hat. Plötzlich unfrei zu sein, war das Schlimmste, was man mir antun konnte.
Wie geht es Ihnen heute? Spüren Sie noch Folgen der Gehirnblutung?
HOERR: Ich bin wieder der Alte und kann mich besser konzentrieren. Und ich habe Werkzeuge. Ich hatte anfangs Probleme, mich zum Beispiel an ein Parkhaus zu erinnern. Heute mache ich einfach ein Foto.
Sie lassen sich nicht unterkriegen…
HOERR: Ich bin immer als Kämpfer unterwegs gewesen, so war es auch am Anfang des Unternehmens. Auch wenn keiner an uns geglaubt hat. Ich wusste, dass ich es kann. Es reicht mir, wenn ich weiß, dass es funktioniert. Es lagen knallharte wissenschaftliche Daten vor. An der Immunantwort bei Mäusen haben wir gesehen, dass die mRNA-Technologie funktioniert. Deshalb haben wir Curevac gegründet, obwohl es nie mein Ziel war, eine Firma zu gründen. Aber wenn sich kein anderer mit einem Thema auseinandersetzt, muss man es selbst machen.
Damit sollen Sie auch schon Bill Gates überzeugt haben, stimmt‘s?
HOERR: Das war in einer Situation, als Curevac wuchs und wir eine neue Finanzierung brauchten. Dietmar Hopp, der SAP-Gründer, gab uns den Tipp, Bill Gates sei in Paris und würde uns sehen wollen. Die erste Hürde war, dass es unterwegs hieß, Bill Gates, wohlgemerkt der Microsoft-Gründer, hätte gerne einen Papierausdruck unserer Präsentation. Im Hotel in Paris hat man uns dann durch den Heizungskeller geführt. Ich dachte schon, wir wären bei der versteckten Kamera. In einem Raum saß dann tatsächlich Bill Gates, hinter einer grellen Lampe, wie in einem Agentenfilm. Statt sich die Präsentation in Ruhe anzuhören, stellte er kritische Fragen, er war richtig tief drin im Thema und hat die ganze Zeit über mürrisch geguckt. Als wir später in einer Pariser Kneipe bei einem Wein saßen, waren wir überzeugt, dass es nichts wird. Immerhin war es schön, einmal Bill Gates zu treffen... Dann rief Dietmar Hopp an und gratulierte uns: Bill Gates will investieren!
Jetzt schickt sich Biontech an, Curevac zu übernehmen. Wie gemischt sind Ihre Gefühle?
HOERR: Mir war immer klar, dass Curevac kein Familienunternehmen wird, das über Generationen geführt wird, sondern eines Tages verkauft werden wird. Jetzt ist der Käufer eben Biontech. Darin liegt auch ein Vorteil: Denn die mRNA-Technologie muss jetzt vorankommen, dafür braucht man gebündelte Kräfte. Noch hilft uns unser Fachwissen hier, die Konkurrenz zum Beispiel aus China kleinzuhalten. Ich kenne Ugur Sahin seit Anfang an, bis heute kooperieren Curevac und Biontech auf der mRNA Health Conference.
Bei Curevac war ursprünglich das Ziel, eine Lösung im Kampf gegen den Krebs zu finden. Werden wir noch Impfungen gegen Krebs sehen?
HOERR: Man weiß heute relativ viel über Krebs, auch über die Marker, die die Krebszellen produzieren. Hier hilft inzwischen auch die künstliche Intelligenz. Liegen Informationen über den Krebs vor, kann mRNA die nötigen Informationen zu den Immunzielen transportieren. mRNA ist wie ein Briefpapier, auf das man die richtigen Informationen schreiben muss. Mein Traum ist es, dass man mit mRNA den Krebs weiter beschäftigen kann, statt ihn wachsen zu lassen. Krebs würde dann zu einer chronischen Krankheit werden. Er wäre da, aber wird dem Körper nicht mehr gefährlich. Man schließt fast Freundschaft mit dem Krebs.
Das klingt nach einem entspannten Umgang mit einem Thema, das vielen Menschen große Angst macht.
HOERR: Wir alle tragen schlummernde Krebszellen in uns. Unser Immunsystem ist nur dermaßen auf Zack, dass die Krebszellen nicht wegkommen. Sobald sie anfangen zu wachsen, schütten sie Wachstumsfaktoren aus, auf die das Immunsystem reagiert. Es gibt aber einige gefährliche Zellen, die sich maskieren und vom Immunsystem nicht erkannt werden. Dies sind die gefährlichen.
Ein anderes Thema: 2021 haben Sie zusammen mit Ihrer Frau Sara eine Stiftung gegründet, die sich der Bekämpfung von übertragbaren Krankheiten verschrieben hat. Vom Forscher zum Manager und dann zum Förderer von Forschung. Hätten Sie das vor fünf Jahren für möglich gehalten?
HOERR: Durch Aktienverkäufe hatten wir plötzlich mehr Geld, als wir selbst brauchen. Ich habe genug, ich brauche das alles nicht. Ich habe dann Florian von der Mülbe, meinen Mitgründer, gefragt, ob wir einen Teil in eine Stiftung investieren wollen. Er war sofort mit seiner Frau dabei. Wir haben die Morpho-Foundation gegründet. Dort machen wir Herzensprojekte, viele in Indien, mein Herzensland. Ich war dort schon 1988, nach dem Abitur. Wir setzten uns für besseres Trinkwasser ein oder für die Ausbildung von Krankenschwestern, um jungen Mädchen eine Perspektive zu geben. Uns ist wichtig, dass sich die Dinge weitertragen. Ich schaue mir gerne die Projekte vor Ort selbst an, das macht viel Spaß.
Wie blicken Sie auf die Skepsis vieler Menschen in der Corona-Pandemie?
HOERR: Der Fanatismus vieler Impfskeptiker hat mich bestürzt. Teilweise sind Leute vor unser Privathaus gekommen. Es gibt keine Nachweise, dass die Impfungen senil machen. Ich habe die Verschwörungstheorien unterschätzt, die bis dahin gingen, dass Bill Gates einen Chip einpflanzen würde. Es gab bei manchen Menschen einen Hass, als wäre über Jahre Aufgestautes explodiert. Seltsamerweise hatten sich vor Covid Menschen klaglos impfen lassen, gegen Masern zum Beispiel.
Hatten wir in der Pandemie ein Kommunikationsproblem? Müssen wir mehr über Wissenschaft reden?
HOERR: Ich glaube schon, dass zu wenig geredet worden ist. Vielleicht hätte man auch stärker Vertrauenspersonen wie zum Beispiel Jogi Löw gewinnen müssen, das Thema zu vermitteln. Es wäre wichtig gewesen, eine kritische Masse an Leuten zu schaffen, die man nicht durch finstere Argumente nihilieren kann.
Sie sind jetzt 57 Jahre alt. Welche Pläne haben Sie?
HOERR: Ich bin jetzt frei. Für mich ist Freiheit das Allerwichtigste. Im Unternehmen muss man Direktionen vorgeben, Kompromisse machen, einfach, weil es nicht anders ging, um etwas zu bewegen. Heute bin ich frei. Meine Vorbilder waren Personen wie der Abenteurer Rüdiger Nehberg. Ich will wirklich bewusst leben, rausgehen, deshalb bin ich früher auch gerne gesegelt. Dort muss man Kurs halten, dem Gegenwind trotzen.
Das heißt, Sie fühlen sich heute fast besser als früher?
HOERR: Mir ist inzwischen alles schon passiert, ich bin fast schon gestorben. Ich bin heute angstfrei. Angst ist der größte Gegner in unserem Leben. Wenn man diese Angst besiegt, weil man immer einen Weg heraus findet, kann es uns viel mehr ermöglichen.
Haben Sie ein Beispiel?
HOERR: Ich hatte einmal eine Biologin als Technikerin eingestellt. Sie war so akribisch in dem, was sie macht, dass ich ihr geraten habe, Patentanwältin zu werden. Sie ist es geworden, eine wirklich wichtige. Jeder von uns hat großes Potential, wir nutzen es nur zu häufig nicht.
Zur Person
Ingmar Hoerr, 57, hat zusammen mit anderen Forschern das Unternehmen Curevac in Tübingen gegründet, das wie Biontec und Moderna an einem Corona-Impfstoff gearbeitet hat. Lange war er Chef des Unternehmens und später Aufsichtsrat. Nach einer Gehirnblutung im Jahr 2020 lag er mehrere Wochen im Koma und zog sich später aus dem Unternehmen zurück. Ingmar Hoerr stammt aus Necksarsulm und studierte Biologie in Tübingen. In seiner Promotion trieb er die mRNA-Forschung voran. Wir trafen ihn auf einer Veranstaltung der IHK Schwaben.
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