Renk-Chef Alexander Sagel ließ Ende November vergangenen Jahres durchblicken, dass der Augsburger Panzergetriebebauer einen Auftrag im hohen zweistelligen Millionenbereich bekommen habe. Großaufträge sind nichts Ungewöhnliches für das stark wachsende Unternehmen. Doch die damaligen Äußerungen des Managers ließen dann doch aufhorchen, schließlich ging es um Ersatzteile und Servicepakete für ein osteuropäisches Land. Die Bestellung umfasst unter anderem die Lieferung von Ersatzgetrieben und Motoren für ketten- und radgetriebene Plattformen wie Kampfpanzer, Schützenpanzer, geschützte Transportfahrzeuge und Haubitzen. Sagel sagt bis heute nicht, um welches Land es sich handelt. Das darf er nicht. Nach Informationen unserer Redaktion kann der Auftraggeber nur die Ukraine sein.
Osteuropa wird für Renk immer wichtiger
Der Renk-Chef setzte damals eine zweite Botschaft ab: „Osteuropa steht dabei für uns kurzfristig im Fokus der Expansion.“ Konkreter wurde er nicht. Klar ist, dass der Bedarf in Ländern wie der Ukraine, Polen und den Staaten des Baltikums nach militärischer Technik aus Deutschland immens ist. Wie groß er ausfällt, lässt sich an der Entscheidung des Unternehmens ablesen, im Nato-Land Polen einen Montage- und Service-Stützpunkt aufzuziehen. Entsprechende Pläne bestätigte Fabian Klee, Kommunikations-Chef der Renk Group AG, am Donnerstag unserer Redaktion. Zunächst hatte der Spiegel über das Vorhaben des Augsburger Unternehmens, an der Nato-Ostflanke aufzurüsten, berichtet.
Nach Recherchen unserer Redaktion sollen noch in diesem Jahr in Polen Panzergetriebe gewartet werden. Renk machte keine Angaben dazu, wo der Standort in dem Land angesiedelt wird. Es lässt sich zudem noch nicht recherchieren, wie viele Menschen dort arbeiten sollen. Klee verdeutlichte jedoch, dass der Aufbau eines Montage- und Service-Stützpunkts keine Auswirkungen auf die Beschäftigung in Augsburg habe. Renk beschäftigt dort nach Angaben des Unternehmens mehr als 2000 Frauen und Männer, hat also Hunderte neue Stellen in Augsburg geschaffen.
Polen ist für das bayerische Unternehmen deswegen so interessant, weil das Land massiv aufrüstet und damit auch Getriebe für Panzer und andere geschützte Fahrzeuge kauft. Von Polen aus lässt sich die Ukraine schnell bedienen. Gerade wenn Getriebe rasch überholt werden müssen, ist die Nähe zum Kriegsgebiet entscheidend, fällt doch die Zeit für Transporte von und nach Augsburg weg. Sagel lässt sich jedenfalls so zitieren: „Damit ermöglichen wir unseren Kunden in Polen, der Ukraine oder dem Baltikum schnellere Reaktionszeiten und helfen ihnen, einsatzbereit zu sein.“ Und er versicherte: „Wenn in Polen bei einer Übung im Grenzbereich oder in der Ukraine im Krieg ein Panzer ausfällt, dann kann man ihn für die Wartung nicht 2000 Kilometer durch die Gegend fahren und ein halbes Jahr später zurückbringen.“
Renk expandiert weiter im Ausland
Damit ist klar: Renk expandiert weiter im Ausland. Auch in Italien denkt das Unternehmen über entsprechende Schritte nach, wenn es den Zuschlag für den Bau von Panzern von Leonardo und Rheinmetall bekommt. Wie sich all diese Ankündigungen und Überlegungen auf die Entwicklung der Renk-Aktie auswirken, wird sich zeigen. Am Donnerstagnachmittag sorgte die Polen-Nachricht noch nicht für positive Reaktionen. Der Rüstungs-Wert verlor sogar leicht und notierte bei knapp 58 Euro. In der Spitze war das Papier schon einmal auf beinahe 89 Euro enteilt.
Die Börsianer sind es gewohnt, dass die Firma verlässlich interessante Bestellungen einheimst. In diesem Jahr etwa vermeldete Renk America einen Auftrag von über 50 Millionen Dollar und zuvor einen der U.S. Army von bis zu 75,5 Millionen Dollar. Der Rüstungs-Boom hält an. Der Angriffs-Krieg Russlands auf die Ukraine lässt die westliche Verteidigungs-Industrie die Kapazitäten ausbauen. Skalierung heißt das Zauberwort. So will Renk es bis Ende 2026 schaffen, etwa 800 Panzergetriebe pro Jahr in Augsburg zu produzieren, während es vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine 200 bis 300 waren.
Dazu wurde die Fertigung umgebaut. Die Rüstungsindustrie nimmt hier Anleihen bei der Automobilbranche, um die Stückzahlen deutlich zu steigern. Daher holte Renk mit Emmerich Schiller einen Fertigungs-Experten von Mercedes, ein Schritt, der sich für das Rüstungs-Unternehmen auszahlt. Vor rund einem Jahr wurde der Manager als COO in den Vorstand des Unternehmens berufen. Schiller war einst Vorsitzender der Geschäftsführung der Mercedes-Benz G GmbH und auch einmal Mitglied der Geschäftsführung von Mercedes-AMG. Sein Wechsel von der Auto- zur Verteidigungsindustrie ist ein Teil der deutschen Zeitenwende.
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