Die Rekorde purzeln scheinbar nur so: Am Mittwoch hat eine Tochter des Energieriesen RWE am Standort des ehemaligen Kernkraftwerks Gundremmingen im Landkreis Günzburg den Bau des derzeit größten Energiespeichers Deutschlands begonnen. 230 Millionen Euro investiert das Unternehmen in die Großbatterie mit einer Speicherkapazität von 700 Megawattstunden (MWh).
Doch schon bei der Inbetriebnahme könnte das Megaprojekt von einem noch größeren Speicher des Karlsruher Konzerns EnBW überholt werden. Das Unternehmen plant in Philippsburg, ebenfalls ein ehemaliger Kernkraftwerksstandort, einen Speicher mit sogar 800 MWh. Das Projekt ist noch nicht begonnen, könnte aber ebenfalls Ende 2027 oder Anfang 2028 in Betrieb gehen.
Großspeicher brauchen keine Subventionen
Allein die Anlage von EnBW könnte dann rechnerisch den täglichen Strombedarf von rund 100.000 Haushalten speichern. Doch der erwartete Bedarf ist noch längst nicht gedeckt. Prognosen gehen von einer benötigten Speicherkapazität von bis zu 180 GWh bis zum Jahr 2045 aus. Aktuell sind nach einer Auswertung der Bundesnetzagentur Großspeicher mit einer Kapazität von 3,2 GWh in Betrieb.
Energie-Ökonom Andreas Löschel von der Ruhr-Universität Bochum betont die Bedeutung der Batterien: „Großspeicher entlasten die Netze, daher ist die Dynamik beim Zubau eine gute Entwicklung. Das ist der einzige Bereich der Energiewende, der ohne Subventionen funktioniert.“ Allerdings glätten die Anlagen Verwerfungen im Energiesystem, die durch den staatlich befeuerten Ausbau der erneuerbaren Energien erst entstanden sind.
An besonders sonnigen Tagen fließt längst mehr Sonnenstrom ins Netz, als gebraucht wird. Daher sind auch die Strompreise an der Börse immer öfter negativ. Zugleich steigt die Gefahr sogenannter „Dunkelflauten“. Im Herbst 2024 war etwa über elf Tage kaum erneuerbarer Strom im Netz, weil so lange keine Sonne zu sehen war und kaum Wind wehte.
Das Schweizer Offiziersmesser der Energiewende
Christoph Ostermann, Chef und Mitgründer des Speicherbetreibers Green Flexibility aus Kempten, erklärt den Erfolg der Speicher mit den Vorteilen der Technik. „Großspeicher sind das Schweizer Taschenmesser der Energiewende“, sagt er. Die Anlagen können zuverlässig große Mengen Strom in kürzester Zeit ein- oder ausspeichern. Dadurch kappen sie Lastspitzen im Netz und helfen zugleich, die Netzfrequenz stabil bei 50 Hertz zu halten. Sie können binnen Monaten gebaut werden, während eine neue Stromleitung oft Jahre auf sich warten lässt. „Flexibilität ist das neue Gold der Energiebranche“, sagt Ostermann.
Der Speicherboom fällt auch deswegen so groß aus, weil der Energiewende ein Gesamtkonzept fehlt. Der Strom wird nicht nur häufig zu Zeiten produziert, zu denen er nicht gebraucht wird. Er wird auch oft da erzeugt, wo keine Abnehmer sitzen. Diese Diskrepanz muss das Netz auffangen - und das verursacht den größten Kostenblock bei der Transformation. Hinzu kommen hausgemachte Probleme beim Design des Strommarktes, kritisiert Löschel: „Durch die einheitliche Gebotszone in Deutschland fehlen lokale Preissignale für den Strom im Markt. Deswegen bringen wir Angebot und Nachfrage so schlecht zusammen und die Kosten für staatliche Markteingriffe und den Netzausbau steigen.“
Die einheitliche Stromgebotszone bremst den Markt aus
Wird im Winter etwa viel Windstrom im Norden produziert, ist der Preis an der Börse günstig. Für einen Speicherbetreiber im Süden lohnt es sich, Strom zu tanken, obwohl er vor Ort vielleicht gerade knapp ist. Die nachgefragten Mengen können aber gar nicht über das Übertragungsnetz nach Süden fließen. Im Ergebnis heißt das: Windräder im Norden werden abgeregelt und Anlagenbetreiber für ihre Verluste entschädigt, während im Süden Kraftwerke ans Netz gehen, um teureren Strom zu produzieren.
Hätte der Strom nicht in ganz Deutschland denselben Preis, würden Kraftwerke und Speicher eher dort entstehen, wo sie gebraucht werden. Die Bundesregierung, vor allem aber Bayern und Baden-Württemberg, lehnen eine Aufteilung der Strompreiszone aber ab: Der Strom würde sonst im industriell geprägten Süden noch teurer, warnen sie.
Mehr Chancen auf eine schnelle Verwirklichung hat eine andere Forderung Löschels, die auch von Speicher-Betreiber Ostermann geteilt wird: die Abkehr vom Windhundprinzip beim Netzanschluss. Allgemein wird in der Branche davon ausgegangen, dass unter den über 600 Netzanschlussanfragen für Batteriespeicher, die sich laut Bundesnetzagentur zuletzt allein bei den Übertragungsnetzbetreibern stapelten, ein hoher Prozentsatz von Anträgen ohne echte Chance auf Verwirklichung ist. Werden diese aussortiert und bei der Verteilung der zunehmend knappen Anschlusskapazitäten stärker gewichtet, ob sich die Batteriespeicher netzdienlich oder netzneutral verhalten, könnte noch viel mehr Flexibilität ins Energiesystem kommen - und weitere Rekorde fallen.
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