Babyrasseln, in denen giftige Chemikalien stecken, Spielzeug, das in leicht zu verschluckende Kleinteile zerfällt und defekte Ladegeräte, die sich gefährlich aufheizen – auf dem Online-Marktplatz Temu werden laut EU-Kommission viele unsichere und gesundheitsgefährdende Produkte angeboten. Deshalb greift sie nun ein. Am Donnerstag verhängte die Brüsseler Behörde gegen das chinesische Unternehmen eine Strafe in Höhe von 200 Millionen Euro. Die Plattform habe demnach „besonders schwerwiegend“ gegen das EU-Gesetz für digitale Dienste (Digital Services Act, kurz DSA) verstoßen.
Bei Testkäufen sei „ein sehr großer Anteil“ der Produkte durch grundlegende Sicherheitschecks gefallen, weil die Waren etwa nicht korrekt gekennzeichnet waren, zu hohe Mengen bestimmter Chemikalien enthielten oder Kinder an abnehmbaren Spielzeugteilen ersticken könnten, so die Begründung. Laut Kommission habe es die Plattform versäumt, die systemischen Risiken illegaler Produkte sowie die daraus resultierenden Schäden für Konsumenten in der EU „mit der gebotenen Sorgfalt zu identifizieren, zu analysieren und zu bewerten“.
Ist die Strafhöhe gemessen am Temu-Milliarden-Umsatz zu gering?
Es ist die höchste Strafe, die Brüssel bislang unter dem DSA ankündigte und überhaupt erst das zweite Mal, dass die EU-Kommission auf der Grundlage der neuen Regeln Verstöße finanziell ahndet. Ende vergangenen Jahres traf es Elon Musks Online-Plattform X, die aufgrund von Transparenzmängeln bei Werbung und Nutzerkonten 120 Millionen Euro zahlen soll. In der aktuellen Entscheidung wurde kritisiert, dass Temu in seiner Risikobewertung 2024 nicht die gesetzlichen Standards einhalte.
Im EU-Parlament sorgte die Ankündigung der Kommission für Lob. Es sei die „einzig richtige Antwort“, befand der CDU-Europaparlamentarier Andreas Schwab. „Plattformen, die mit aggressiven Niedrigpreisstrategien den europäischen Markt überschwemmen, dürfen sich keinen unfairen Wettbewerbsvorteil dadurch verschaffen, dass sie unsere Sicherheitsregeln ignorieren.“ Auf Kritik stieß bei einigen Experten die Höhe der Strafe. Der DSA erlaubt ein Bußgeld von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes, wenn ein Unternehmen bestimmte Sorgfaltspflichten nicht erfüllt und keine Kontrollmechanismen einrichtet, um die Weiterverbreitung von illegalen Produkten zu verhindern. Temus Muttergesellschaft PDD Holdings machte im Geschäftsjahr 2025 einen Umsatz von umgerechnet etwa 53 Milliarden Euro. Sind 200 Millionen Euro Strafe dann nicht „Peanuts“, wie es ein Beamter nannte? Der Umsatz für Temu wird nicht separat ausgewiesen.
EU-Kommission verhängt Bußgeld gegen Temu im Digitalverfahren
Brüssel hatte die Untersuchung gegen Temu bereits im Oktober 2024 eröffnet, das jetzt verhängte Bußgeld wird lediglich als Teil des laufenden Verfahrens betrachtet. Die Länge mache deutlich, dass die Implementierung des Digitalgesetzes „der rasanten Entwicklung im E-Commerce-Sektor hinterherhinkt“, sagte die grüne Europaabgeordnete Anna Cavazzini. Weiterhin würden täglich Millionen Produkte in europäischen Haushalten landen, „vorbei an Kontrollen und oft unter Missachtung europäischer Sicherheits-, Umwelt- und Verbraucherschutzstandards“. Temu agiert selbst nicht als Händler, sondern betreibt einen Marktplatz, über den vor allem chinesische Händler ihre Waren anbieten.
Der einprägsame Werbeslogan der Plattform lautet: „Shop Like a Billionaire“, „Kaufe ein wie ein Milliardär“. Damit will sie den Kunden das Gefühl vermitteln, alles erwerben zu können, was sie wollen, ohne sich Gedanken über die Kosten zu machen. Die Preise sind meist extrem niedrig, weil Temu, Shein oder auch Aliexpress hauptsächlich Luftfracht nutzen und die Waren in individuellen Päckchen direkt aus dem Reich der Mitte an europäische Kunden schicken – anders als klassische Händler, die ihre Produkte in Containern einführen und in europäischen Lagern vorübergehend stationieren.
Flut an Billigprodukten
Die Flut von Billigprodukten aus China überfordert die Behörden in der EU. Ob Teddybären, Tagescremes oder Teekannen – zwölf Millionen Pakete mit Waren, die jeweils höchstens einen Wert von 22 Euro hatten, kamen 2024 pro Tag auf den europäischen Markt. Im vergangenen Jahr gelangten 5,8 Milliarden Pakete mit geringem Wert von weniger als 150 Euro in die Gemeinschaft. Um das explosive Wachstum des Online-Handels einzuschränken und die Regeln zu verschärfen, einigte sich die EU im März auf eine Zollreform.
Temu hat der EU-Kommission zufolge nun drei Monate Zeit, um einen Aktionsplan vorzulegen, inklusive einer Risikobewertung. Bis Ende August muss das Unternehmen erklären, wie es sich künftig bessern will, ansonsten drohen zusätzliche tägliche Strafzahlungen.
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