Herr Kaeser, Sie haben an der Münchner Sicherheitskonferenz teilgenommen. Wie beurteilen Sie das Engagement von US-Vizepräsident J. D. Vance für die AfD?
Joe Kaeser: Die Rede des US-Vizepräsidenten bei der Münchner Sicherheitskonferenz war ein Weckruf für Europa in vielerlei Hinsicht. Das war der wichtigere Teil. Was die AfD angeht, hat er einfach nur die Methoden anderer aus seinem Umfeld übernommen. Vance ist ein kluger Kopf und hätte er sich damit befasst, wofür die AfD wirklich steht, zum Beispiel ihr Verhältnis zu Russland, wäre das wohl anders verlaufen. Die AfD ist eher nur ein kleines Mittel zum Zweck für ganz andere Interessen der US-Regierung und ihrer Berater.
Sie selbst argumentieren vehement gegen die Positionen der AfD. Auf dem Nachrichtendienst X haben Sie sich noch einmal mit AfD-Co-Chefin Alice Weidel auseinandergesetzt. Was hat Sie dazu motiviert?
Kaeser: Vor vier Jahren habe ich schon auf X, was damals noch Twitter hieß, gepostet: „Lieber Kopftuchmädel als Bund deutscher Mädel.“ Das war meine Reaktion, als ich Frau Weidel im Bundestag unter dem Bundesadler gegen Migranten keifen sah. Unlängst habe ich die AfD-Politikerin wiederum bei einem Fernsehauftritt bei Caren Miosga beobachtet. Ich habe realisiert, dass ich mich korrigieren muss, denn Frau Weidel ist kein Nazi im klassischen Sinn und ich halte sie auch nicht für dumm.
Was ist Frau Weidel dann?
Kaeser: Ich habe sie auf X als verhaltensgestört bezeichnet. Was ich damit konkret meine: Sie stellt eine Gefahr für die Demokratie dar. Anders als der AfD-Politiker Björn Höcke ist Frau Weidel für mich keine Anhängerin des Nationalsozialismus, auch wenn ich ihr Gerede von Schuldkult und Remigration schon problematisch finde.
Warum ist Frau Weidel dennoch eine Gefahr für die Demokratie?
Kaeser: Weil sie so unbeständig ist: Manchmal tritt sie souverän im Ton auf und manchmal, wie auf dem AfD-Parteitag, ist sie militant-aggressiv. Ein anderes Mal leugnet sie glasklare Fakten und dann gibt es Momente, in denen sie schlicht Blödsinn erzählt, so wie letztens zum anstehenden Niedergang des Euro. Soll so jemand ein Land führen? Eigentlich ist sie doch intelligent, hat eine sehr gute wissenschaftliche Ausbildung absolviert. Aber sie ist wankelmütig. Erst hat sie gefordert, alle Windräder sollten niedergerissen werden, um dann im nächsten Moment zurückzurudern. Die Frau hat sich nicht unter Kontrolle und bedient sich populistischer Methoden. Aber sie hat auch die rhetorischen Fähigkeiten, Menschen aufzuwiegeln. Das macht sie zu einer Gefahr für die Demokratie.
Haben sich Frau Weidel oder ihr Anwalt nach Ihrem Post auf X schon bei Ihnen gemeldet?
Kaeser: Nein. Aber viele ihrer Anhänger haben meinen Post entsprechend kritisch kommentiert.
Sie nehmen auch das Wirtschaftsprogramm der Partei auseinander. Was stört Sie daran?
Kaeser: Die AfD will zum Beispiel aus der Europäischen Union und aus der Euro-Gemeinschaft austreten. Das würde dem Wirtschaftsstandort Deutschland extremen Schaden zufügen. Deutschland profitiert enorm vom EU-Binnenmarkt und davon, dass sich Arbeitskräfte innerhalb der EU frei bewegen und niederlassen können. In Zeiten des Fachkräftemangels sind wir auf qualifizierte Menschen aus dem Ausland angewiesen. Und der Euro ist ein Segen für deutsche Unternehmen. Eine hoch aufwertende D-Mark würde den Export für unsere Firmen verteuern und erschweren. Das bekäme vor allem auch die Landwirtschaft zu spüren. Die AfD-Politik ist eine Gefahr für unseren Wohlstand.
Sie suchen trotzdem das Gespräch mit AfD-Politikern und haben in einer Talk-Sendung versucht, AfD-Co-Chef Tino Chrupalla davon zu überzeugen, doch weltoffen zu sein. Hatten Sie zumindest ein wenig Erfolg?
Kaeser: Erwartungsgemäß hatte ich keinen Erfolg. Mit Politikern wie Chrupalla kann man keinen echten Dialog führen, weil sie eine geringe Hemmschwelle haben, falsche Nachrichten zu verbreiten. So warf Chrupalla mir zum Beispiel vor, damals als Siemens-Chef im ostdeutschen Görlitz 1600 Jobs abgebaut zu haben. Das ist Quatsch. Die Jobs hat nicht Siemens, sondern Bombardier abgebaut, aber auch nicht so viele, wie Tino Chrupalla behauptet hat. Frei nach der Devise: Hauptsache, die Behauptung ist draußen. Irgendwer wird das schon glauben. Das ist ein bekanntes Muster der Partei.
Warum engagieren Sie sich so vehement gegen die AfD und stecken verbal Prügel ein? Sie könnten ja sagen: Das ist mir alles egal, ich habe Siemens in eine gute Zukunft geführt. Das reicht als Lebensleistung.
Kaeser: Ich engagiere mich, weil ich es für das Richtige halte. Und ich der Meinung bin, dass ich durch meine Reichweite auch eine gewisse Verantwortung trage. Ich habe Kinder und Enkelkinder, mir ist die Zukunft dieses Landes nicht egal. Ich komme aus einfachsten Verhältnissen und wurde Siemens-Chef. Mir wurden Chancen geboten, die andere Menschen aus nicht privilegierten Verhältnissen auch haben sollten. Ich versuche deshalb, den Menschen zu erklären, welche negativen Folgen die Politik der AfD für sie hätte. Ich will verhindern, dass Deutschland mit der AfD einen Irrweg beschreitet.
Glauben Sie, mit Ihrem Engagement etwas erreichen zu können?
Kaeser: Ich hoffe, dass ich mit meiner Aufklärungsarbeit etwas bewirken kann. Und ich will mir nicht irgendwann von meinen Kindern und Enkeln vorwerfen lassen, dass ich nichts gesagt habe, als die Möglichkeit bestanden hatte. Mein Motto lautet: Wehret den Anfängen! Das ist die Lehre aus dem Scheitern der Weimarer Republik und der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten.
Apropos Lehren: CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz ist massiv kritisiert worden, nachdem er es wohl billigend in Kauf genommen hatte, dass die AfD seine Gesetzesvorhaben zur Migration unterstützt. Ist er einen Pakt mit dem Teufel eingegangen, wie kritisiert wurde?
Kaeser: Das würde ich so nicht unterschreiben, nein.
War seine Vorgehensweise klug?
Kaeser: Sie hat ihm jedenfalls viel Kritik eingebracht, und das wäre vielleicht vermeidbar gewesen. Er hätte seine Pläne vor der Wahl vorstellen können, mit dem Versprechen, sie im Fall eines Wahlsiegs der Union zur Bedingung eines Koalitionsvertrags zu machen und sie am ersten Tag seiner Kanzlerschaft umzusetzen.
Wie Merz fordern Sie eine Agenda 2030, also eine tiefgreifende Reform für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Wie ernst ist die Lage?
Kaeser: Deutschland ist ein Sanierungsfall. Wir müssen schnell handeln. Dazu habe ich meine Agenda 2030 auf LinkedIn veröffentlicht. Wirtschaft darf nicht länger das fünfte Rad am Wagen sein. Denn es gibt nichts in unserem Land, das direkt oder indirekt ohne die Wirtschaft finanziert werden könnte. Diese Wahrheit müssen die politisch Verantwortlichen anerkennen und danach handeln. Was wir in Deutschland jetzt brauchen, ist ein Sondervermögen für Investitionen von rund 500 Milliarden Euro bis 2030. Das kann sich unser Land gut leisten. Dann bringen wir Deutschland wieder nach vorn. Dafür wäre es besser, wenn wir nach der Wahl eine Koalition aus zwei Parteien hätten. Drei Parteien erfordern zu viele Kompromisse.
Ist Merz der richtige Kanzler für Deutschland?
Kaeser: Ich glaube, er könnte unserem Land neue Impulse geben. Ich stelle aber nicht in Abrede, dass er die Menschen sehr polarisiert. Aber vielleicht braucht es das auch. Mit Streicheln und Schönreden bringen wir unser Land jedenfalls nicht wieder nach vorn.
Auch Trump ist ein großer Polarisierer und Anti-Streichler. Stellt er eine Gefahr für Deutschland dar?
Kaeser: Das wird man sehen. Trump 2.0 wirkt auf mich jedenfalls wesentlich organisierter, fokussierter und auch ruchloser in der Umsetzung seiner Interessen. Er hat aus seiner ersten Amtszeit einiges gelernt, etwa, dass er seine Vorhaben nicht mit einigen wenigen Unterstützern umsetzen kann. Er hat sich frühzeitig darum gekümmert, ein großes Team um sich zu scharen, das ihm bedingungslos folgt. Der Präsident der USA ist gerade dabei, die Institutionen des Staates radikal umzukrempeln. Ob das auf lange Sicht gut für die USA und die Welt ist, wird die Geschichte zeigen.
Zur Person
Joe Kaeser, 67, ist Vorsitzender des Aufsichtsrates der Siemens Energy AG und der Daimler Truck Holding AG. Von 2013 bis 2021 war der aus dem niederbayerischen Arnbruck im Kreis Regen stammende Mann Chef der Siemens AG. Zuvor war Kaeser von 2006 an als Finanzchef des Münchner Konzerns tätig. Der Manager ist ein Siemens-Urgestein, startete seine Karriere bei dem Unternehmen doch schon 1980. Damit ist Kaeser rund 45 Jahre für Siemens tätig.
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