Herr Professor Fuest, Sie messen jeden Monat die Stimmung in der Wirtschaft. Seit Beginn des Ukrainekriegs hat sich die Geschäftslage der Unternehmen massiv verschlechtert und nicht wieder erholt. Wie ernst ist die Lage?
CLEMENS FUEST: Der Februar 2022 war ein Schock, der sich bis heute auf den Energiemarkt auswirkt. Deutschland hat mit dem Wegfall des Pipeline-Gases aus Russland dauerhaft erhöhte Gaspreise. Das bedeutet für die Industrie einen Wettbewerbsnachteil. Die Geschäftslage der Unternehmen ging langsam, aber stetig zurück. Sie hat sich 2025 ein Stück weit stabilisiert, aber wir sehen noch keine Trendwende. Die Probleme sitzen tiefer. In der Industrieproduktion hat der Abwärtstrend nicht erst 2022, sondern seit 2018 begonnen. Seit 2019 stagniert die deutsche Wirtschaft im Grunde insgesamt.
Wo liegen die Ursachen?
FUEST: Die Einschränkung des Freihandels durch eine handelspolitische Abschottung der USA hat nicht erst mit Donald Trumps zweiter Amtszeit begonnen. Unter ihm beschleunigt sich der amerikanische Protektionismus aber dramatisch. Dazu kommen Veränderungen in China: Die chinesischen Exporte sind qualitativ besser geworden und werden deutschen Maßstäben ähnlicher. Dadurch geraten wir unter Druck. All diese Faktoren tragen dazu bei, dass unsere Industrie so große Probleme hat.
Wie viel dieser Krise kommt von außen, wie viel ist hausgemacht?
FUEST: Manches kann man ausrechnen, anderes ist schwierig festzumachen. Wir schätzen zum Beispiel, dass durch die Trump-Zölle die deutschen Exporte in die USA um 15 Prozent niedriger ausgefallen sind. Das bedeutet insgesamt für Deutschland einen Exportverlust von 1,3 Prozent. Allerdings steckt in diesen Zahlen nicht der Faktor einer zunehmenden Unsicherheit für die deutsche Wirtschaft. Und wenn man dabei über hausgemachte Gründe spricht, stellt sich die Frage: Warum treffen solche äußeren Einflüsse – wir sprechen von „externen Schocks“ – Deutschland so hart? Wie anpassungsfähig sind wir? Wir haben über die Jahre sehr viel Bürokratie aufgebaut und wir haben eine sehr spezielle Energiepolitik verfolgt, die sich stark auf Erneuerbare konzentriert hat. Das war eine Hochrisikopolitik. Für die Übergangszeit hatte man sich auf billiges Gas verlassen, obwohl es aus Russland kam. Diese Strategie ist gescheitert und wir haben bis heute eigentlich keine echte Alternative.
Kann sich Deutschland dennoch am eigenen Schopf aus der Krise ziehen – etwa mit einem beherzten Bürokratieabbau?
FUEST: Wir haben am Ifo-Institut genau diese Frage untersucht. Was passierte in Ländern, die Bürokratieabbauprogramme ernsthaft umgesetzt haben? Und die Antwort gibt tatsächlich Anlass zur Hoffnung: Wenn Deutschland so einen Abbau umsetzen würde, wie einige europäische Länder das in bestimmten Phasen getan haben, könnte die Wirtschaftsleistung um ungefähr 150 Milliarden Euro steigen. Das bedeutet ein Wirtschaftswachstum von rund vier Prozent. Das passiert nicht über Nacht, sondern über etwa acht Jahre. Wir hätten dann jedes Jahr ungefähr einen halben Prozentpunkt mehr Wachstum, als wir es sonst hätten. Das ist enorm. Ein solcher Wachstumseffekt würde viele Probleme entschärfen. Aber die Betonung liegt bei solch einem Bürokratieabbau auf dem Wort „ernsthaft“.
Wie müsste solch ein ernsthafter Bürokratieabbau aussehen?
FUEST: Bürokratieabbau bedeutet nicht, dass man ein Formular von fünf Seiten auf drei Seiten kürzt. Bürokratieabbau heißt: Man verzichtet auf staatliche Eingriffe und hinterfragt Staatsaktivitäten. Man streicht Berichtspflichten, etwa wie bei der Lieferkettenberichterstattung. Im Grunde geht es darum, von einem System, in dem alle dauerhaft alles dokumentieren müssen, zu einem System zu kommen, in dem klare Regeln gelten und Verstöße dann aber auch konsequent bestraft werden. Damit wäre man Berichtspflichten los.
Das heißt, der deutsche Wachstumsmotor kann auch wieder anspringen?
FUEST: Ja. Wir haben es selbst in der Hand: Ein entschlossener Bürokratieabbau inklusive Abschaffung ganzer Staatsaktivitäten würde erhebliches Wachstum in Deutschland schaffen. Bürokratie bindet eine Menge Arbeitskraft in den Unternehmen und im Staat. Damit ließe sich auch echte Wertschöpfung anstatt am Ende nur Papier produzieren. Bürokratie bremst heute vor allem das Wachsen von Unternehmen, gar nicht mal so sehr das Gründen. In vielen größeren Firmen sind riesige Abteilungen entstanden, die sich mit nichts anderem beschäftigen als mit überflüssiger Bürokratie. Eine Entlastung kann hier unmittelbar Ressourcen und Dynamik freisetzen.
Reden wir den Standort Deutschland also zu schlecht?
FUEST: Man darf nichts beschönigen: Wenn wir den Kurs fortsetzen, wird der Niedergang der deutschen Wirtschaft weitergehen. Das ist nicht nur Gerede. Wir haben in einer Ifo-Studie gezeigt, dass die privaten Investitionen seit Jahren nicht nur stagnieren, sondern sinken. Die Investitionen der Unternehmen liegen mittlerweile auf dem Niveau von 2015. Das heißt: Selbst wenn die Nachfrage wieder ansteigt, sinkt unsere Fähigkeit, zu produzieren. Diesen Trend müssen wir dringend umdrehen. Gleichzeitig sind wir ein Land mit sehr vielen fähigen Unternehmen mit Potenzial. Es gibt also keinen Grund, aufzugeben. Deutschland ist eine der größten Industrienationen, ein industrieller Gigant. Umso dramatischer ist es, dass die Weltwirtschaft wächst und wir momentan nicht dabei sind.
Was sollte die Politik tun? Bislang scheint das Miniwachstum durch Riesenschulden teuer erkauft …
FUEST: In der Wirtschaftspolitik gibt es so etwas wie Pflicht und Kür. Die Pflicht heißt, die Basics müssen stimmen: Weniger Bürokratie, funktionierende Infrastruktur bei Bahn, Netzen und Straßen – und vor allem ein gutes Bildungssystem. In Deutschland ist nicht alles schlecht. Aber wir haben diese Pflichten vernachlässigt zugunsten großer, teurer Programme – etwa in der Energiewende. Diese Reihenfolge ist falsch. Wenn die Basics stimmen, hat Deutschland viele Vorteile: politische Stabilität, Rechtsstaatlichkeit, Lage in Europa, ordentliche Infrastruktur. Und es entstehen neue Chancen: Die USA wandeln sich zu einem Land, bei dem man nicht genau weiß, wie groß die Rechtssicherheit bleibt. Europa kann sich als verlässlicher Raum positionieren. Aber diese Chancen muss man nutzen.
Zur Person: Clemens Fuest, 57, leitet seit zehn Jahren das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Der Volkswirtschaftsprofessor gilt als einer der wichtigsten Ökonomen Deutschlands. Wir trafen ihn beim 52. Konjunkturgespräch der Industrie- und Handelskammer Schwaben.
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