Das hat es in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nie gegeben. Seit sechs Jahren kommt die Wirtschaft in Deutschland praktisch nicht vom Fleck. „Bis 2019 ist die deutsche Wirtschaft normal gewachsen, seitdem tut sich nichts mehr“, sagt Ifo-Chef Clemens Fuest. Ein wenig klingt der Ökonomen vor 450 Gästen beim Wirtschaftsgespräch der Sparkasse Schwaben-Bodensee in Gersthofen so, als könnte er es selbst kaum fassen. Immerhin ist ein Hoffnungsschimmer in Sicht.
Die Forscher des Ifo-Instituts in München gehen davon aus, dass die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr spürbar um 1,3 Prozent zulegen könnte. Für das Jahr 2027 nehmen sie ein Wachstum von 1,6 Prozent an. „Wir werden einen gewissen Aufschwung im nächsten Jahr bekommen“, sagt Fuest. Deutschland würde damit wieder in Takt mit der Weltwirtschaft kommen, die sich trotz aller Krisen als erstaunlich robust erwiesen hat. Deutschland mit seiner Stagnation sei in den letzten Jahren der Außenreißer gewesen.
Fuest: „Kein Grund zum Jubeln, wenn das BIP wegen des Staatskonums steigt“
Aber selbst wenn vor den Wachstumszahlen bald wieder positive Vorzeichen stehen, ist dies aus Sicht Fuests kein Hinweis, dass Deutschland seine Hausaufgaben gemacht hat und die Krise dauerhaft hinter sich lassen kann. Im Gegenteil. Der Aufschwung sei nämlich allein zurückzuführen auf schuldenfinanzierte Staatsausgaben. „Es ist kein Grund zum Jubeln, dass das Bruttoinlandsprodukt steigt, weil der Staatskonsum steigt“, sagt er. Der Staatskonsum umfasst die Ausgaben, die für die Verwaltung anfallen. Jeder zusätzlich eingestellte Beamte, erklärt Fuest, erhöhe automatisch das Bruttoinlandsprodukt, egal, welcher Output dabei entsteht.
Sorgen macht Fuest, dass der Staatskonsum steigt, während die Investitionen im Land fallen. Investitionen beispielsweise in Fabriken oder Technologien, die zur Produktion neuer Güter führen. Gleichzeitig geht die Zahl der Erwerbstätigen zurück, da geburtenstarke Jahrgänge in Rente gehen. Um die Zahl der Erwerbstätigen stabil zu halten, müssten netto 400.000 Menschen pro Jahr nach Deutschland kommen. „Das ist vollkommen ausgeschlossen“, sagt Fuest. Je weniger aber investiert wird und je weniger Beschäftigte zur Verfügung stehen, desto weniger kann die Wirtschaft theoretisch herstellen. „Wir befinden uns in einem Schrumpfungsprozess, weil wir zu wenig produzieren.“ Beide Entwicklungen passten nicht zusammen: „Unser Staatskonsum steigt, als gäbe es kein Morgen, unser Produktionspotential sinkt dagegen. „Dieser Weg ist nicht durchzuhalten - vollkommen unmöglich.“
Rentenpaket überdenken
Fuest mahnte die Bundesregierung, ihr Rentenpaket zu überdenken: „Es ist sinnlos, eine Reform zu verabschieden, die bis 2040 wirkt und dann eine Reformkommission einzusetzen, die überlegen soll, was man hätte machen müssen“, sagte er. Die Renten werden angesichts der steigenden Zahl an Ruheständlern wieder langsamer steigen müssen als die Löhne, fordert Fuest. „Wir werden zur Rentenformel zurückkehren müssen.“ Der Staat könne sich entscheiden, eine Mütterrente zu zahlen. „Aber dann muss man sagen, wo das Geld herkommt.“
Chancen auf Wachstum durch leichtere Gründungen, Binnenmarkt und Bürgergeldreform
Bei aller Kritik sieht der Ifo-Chef Chancen. In Deutschland habe es vergangenes Jahr 24 Start-ups gegeben, die mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet werden. Im Jahr 2014 war es nur eines. „Es bewegt sich etwas“, sagte Fuest. Gründungen zu vereinfachen, sei ein Weg zum Aufschwung. Auch die Reform des Bürgergeldes, die Vertiefung des EU-Binnenmarktes für Dienstleistungen und der Bürokratieabbau könnten die Wirtschaftsleistung um hunderte Milliarden Euro erhöhen.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren