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Interview: Was macht heute guten Journalismus aus?

Interview

Was macht heute guten Journalismus aus?

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    Axel Wüstmann ist CEO Mediengruppe Pressedruck. Der Medienmanager sagt: „Wir werden zukünftig noch digitaler werden. Gleichzeitig bleibt das Printprodukt wichtig.“
    Axel Wüstmann ist CEO Mediengruppe Pressedruck. Der Medienmanager sagt: „Wir werden zukünftig noch digitaler werden. Gleichzeitig bleibt das Printprodukt wichtig.“ Foto: Bernhard Weizenegger

    Herr Wüstmann, die Zukunft des Journalismus liegt im Digitalen. Trotzdem investiert unser Haus nun rund 30 Millionen Euro in eine neue Druckmaschine, die modernste im deutschsprachigen Raum. Welche Zukunftsszenarien rechtfertigen eine solche Summe?

    AXEL WÜSTMANN: Momentan sind unsere Auflagen so hoch und die Größenordnung der Zeitungen so, dass wir davon ausgehen, dass es noch viele Jahre Printprodukte geben wird - bei uns und bei anderen Verlagen. Daher müssen wir unsere alte Maschine ersetzen, die seit Längerem nicht mehr reibungslos funktioniert. Es handelt sich also um eine Ersatzinvestition, keine Neuinvestition. Dazu kommt, dass wir auch viele Fremdaufträge drucken. Die würde man ohne neue Maschine verlieren.

    Neben der Druckmaschine, was sind die nächsten Schritte, die wir gehen müssen, damit die Augsburger Allgemeine zukunftsfähig bleibt?

    WÜSTMANN: Entscheidend für die nähere Zukunft ist, dass wir die gedruckte Zeitung mit den wachsenden digitalen Angeboten in eine gute Balance bringen. Wir werden zukünftig noch digitaler werden. Gleichzeitig bleibt das Printprodukt wichtig. Das Online-Angebot basiert heute größtenteils auf denselben Inhalten wie dem der Zeitung, wird aber durch andere Formate wie Audio oder Video ergänzt. Hinzu kommt: Zukünftig wird journalistische Arbeit datenbasierter sein. Bei der gedruckten Zeitung wissen wir nicht genau, welcher Artikel wie lange gelesen wird. Digital können wir dies Minute für Minute nachverfolgen. Diese Erkenntnisse helfen uns, unsere Angebote noch viel besser auf die Bedürfnisse unserer Leserinnen und Leser auszurichten.

    Qualitätsjournalismus kostet Geld

    Wenn das Digitale zum Schwerpunkt wird, werden Reichweite, Klicks und Einnahmen über Werbung noch bedeutender. Wie kann man sicherstellen, dass die Qualität weiterhin stimmt, dass man also nicht nur noch das schreibt, was Klicks bringt?

    WÜSTMANN: Die beste Voraussetzung für die freie Themenwahl und die eigene journalistische Schwerpunktsetzung ist wirtschaftliche Unabhängigkeit. Wenn wir wirtschaftlich erfolgreich sind, dann können wir den Qualitätsjournalismus machen, für den die Augsburger Allgemeine bekannt ist. Menschen verbringen viel Zeit auf den großen Tech-Plattformen, weil ihnen hochautomatisiert eine Unmenge an Inhalten ausgespielt werden. Das bedeutet: Der Journalismus, wie wir ihn bei der Augsburger Allgemeinen kennen und schätzen, wird noch mehr zum Premiumprodukt. 95 Prozent der Inhalte im Web sind frei zugänglich und bis zu 50 Prozent der neu erstellten Inhalte werden inzwischen von KI geschrieben. Unsere Inhalte gehören zu den fünf Prozent, die bezahlt werden müssen. Warum? Weil Qualitätsjournalismus Geld kostet und eben nicht beliebig per Knopfdruck erstellt werden kann. Weil Journalistinnen und Journalisten recherchieren, kritisch nachfragen und nichts veröffentlichen, was sie nicht überprüft haben und belegen können. Für uns bedeutet das, dass wir noch genauer begründen müssen, für welches Angebot der Leser warum zahlen soll. Anders formuliert: Unser Qualitätsanspruch wird steigen.

    Liegt der Fokus einer großen Regionalzeitung, wie wir es sind, in der Zukunft noch stärker auf dem Lokalen als heute?

    WÜSTMANN: Es kommt darauf an. Wofür steht die Marke? Was erwarten die Menschen, wenn sie mit der Augsburger Allgemeinen, dem Südkurier oder der Main-Post in Kontakt treten, also den Marken unter dem Dach der Mediengruppe Pressedruck? Das sind oft regionale Themen, aber, vor allem in der Augsburger Allgemeinen, oft auch Berichte aus Berlin oder von unseren Auslandskorrespondenten. Man muss sehen, welche Konstellation für welche Marke am besten funktioniert und welche Inhalte darüber hinaus noch neu hinzukommen werden.

    Volontärinnen und Volontäre der Augsburger Allgemeinen im Gespräch mit dem CEO der Mediengruppe Pressedruck.
    Volontärinnen und Volontäre der Augsburger Allgemeinen im Gespräch mit dem CEO der Mediengruppe Pressedruck. Foto: Bernhard Weizenegger

    Immer mehr Menschen vertrauen den Medien oder Zeitungen grundsätzlich nicht mehr. Wie kann Journalismus Vertrauen zurückgewinnen?

    WÜSTMANN: Theoretisch müsste es heute einfacher sein, Vertrauen zu gewinnen. Denn je mehr „Fake News“ und maschinengenerierte Inhalte im Web zirkulieren, desto besser ist die Lage doch für Redaktionen wie die unsere, die genau recherchieren. Leider wird es zunächst schwieriger, weil wir in der Übergangsphase den Unterschied zwischen KI-Inhalten und journalistischen Inhalten verdeutlichen müssen. Eines unserer Markenversprechen ist etwa das Fact Checking, nicht die reißerische Nachricht. Dabei werden wir bleiben.

    Was kann die KI im Journalismus leisten?

    Viele Arbeitsprozesse werden durch KI radikal verändert. Welche Aufgaben wird künstliche Intelligenz künftig im Journalismus der Augsburger Allgemeinen übernehmen und welche Tätigkeiten sollten in jedem Fall beim Menschen bleiben?

    WÜSTMANN: Durch KI gibt es vor allem viel mehr Inhalte. Das ist für uns als Qualitätsmedien ein Risiko, aber auch eine Chance. Recherchieren, mit den Menschen reden, das kann KI nicht, das können aber unsere Journalistinnen und Journalisten. Ein einfaches Beispiel: Die KI kann nicht die Straßenumfrage am Augsburger Ratshausplatz ersetzen, zum Beispiel über die Frage, was die Augsburger zum Wahlausgang sagen.

    Auch die KI hat Schwächen, sie kann etwa neue Texte nur aus alten, bereits vorhandenen Stoffen erstellen….

    WÜSTMANN: … und sie bildet meist nur Durchschnitte ab, genau. Dadurch entstehen häufig ähnliche Inhalte. Deshalb bin ich überzeugt, dass originäre journalistische Arbeit wichtig bleiben wird. Auf der anderen Seite erleichtert es uns KI, unsere Inhalte auszuspielen. Aus einem Artikel kann man ein zusätzliches Video- oder Audioformat machen. Das geht heute viel einfacher und schneller als je zuvor. Entscheidend ist, dass wir klar signalisieren, ob etwas von der Redaktion geschrieben wurde oder mithilfe oder sogar allein durch KI erstellt wurde.

    Gibt es so etwas wie das journalistische Kerngeschäft, das Sie auf keinen Fall aus der Hand geben würden?

    WÜSTMANN: Selbstverständlich. Bei wichtigen Entscheidungen etwa würde ich die Verantwortung nie der Maschine überlassen. Ob beispielsweise ein Artikel publiziert wird, muss am Ende ein Mensch entscheiden. Da haben wir eine hohe Verantwortung.

    Die Augsburger Allgemeine hat mit ihren Recherchen zum Skandalgefängnis in Gablingen zuletzt einige bedeutende Journalistenpreise gewonnen. Werden solche lokalen Investigativ-Recherchen in Zukunft an Bedeutung gewinnen?

    WÜSTMANN: Das hoffe ich jedenfalls! Investigativer Journalismus gehört zum Kern der Marke Augsburger Allgemeine und ist nicht einfach kopierbar. Wer recherchiert, muss mit Menschen sprechen. Das, was man so erfährt, ist mit KI nicht zu ersetzen.

    Axel Wüstmann blickt optimistisch in die Zukunft des Journalismus.
    Axel Wüstmann blickt optimistisch in die Zukunft des Journalismus. Foto: Bernhard Weizenegger

    Wie können Medienhäuser besser junge Zielgruppen erreichen und welche Fehler passieren hierbei noch oft?

    WÜSTMANN: Zunächst einmal: Die Annahme, dass junge Menschen nicht lesen, stimmt nicht. Es wird sehr viel gelesen. Aber es werden natürlich auch immer mehr Videos geschaut und Audioinhalte gehört. Die Frage ist: Schaffen wir es, in der Region Teil der Gewohnheit junger Menschen zu werden? Das ist eine große Herausforderung, denn wenn man jünger ist, gehen die Interessen verstärkt über die Region hinaus. Zugleich ist die Nutzung neuer Inhalte von neuen Marken viel ausgeprägter. Es gibt weniger tradierte Muster. Unser Ziel ist es, junge Menschen schon früh an unsere Marken zu binden, auch mit Social Media oder neuen Formaten, um damit Gewohnheit zu prägen.

    Augsburger Allgemeine auf dem Weg zur Premiummarke im Digitalen

    Was sind aus Ihrer Sicht die größten Gefahren für Regionalzeitungen in den nächsten Jahren?

    WÜSTMANN: Dass wir als Verlage zu klein werden und dann nicht mehr genug Ressourcen für den Weg ins digitale Zeitalter haben. Diese Umstellung dauert Jahre. Je größer eine Mediengruppe ist, desto größer ist die Chance, sich digital entwickeln zu können, Talente anzuziehen und neue Technologien zu testen. Das ist und bleibt sehr aufwändig.

    Wo sehen Sie die Augsburger Allgemeine in fünf Jahren?

    WÜSTMANN: Die Augsburger Allgemeine wird immer stärker zu einer journalistischen Premiummarke im Digitalen - so, wie wir es in Print schon sind. Wir gehen diesen Weg der Transformation konsequent und glauben an den Erfolg. Dafür arbeiten wir alle zusammen jeden Tag.

    Zur Person

    Die ganz Jungen fragen, der Mann von „ganz oben“ antwortet: Axel Wüstmann (52) ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Mediengruppe Pressedruck. Interviewt wurde er den Volontären Julia Schneider (Lokalredaktion Friedberg), Alexandra Weihele (Lokalredaktion Neu-Ulm), Ilona Gerdom (Lokalredaktion Günzburg), Laura Ostenda (Lokalredaktion Augsburg-Land), Niklas Bailer (Lokalredaktion Dillingen) und Moritz Winkler (Lokalredaktion Aichach). Anlass für das Gespräch ist die Inbetriebnahme einer neuen Druckmaschine durch die Augsburger Allgemeine.

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