Die Weselsky-Strategie war schon lange überreizt: Immer wieder setzte der frühere Lokführer-Chef in Tarifverhandlungen mit der Bahn auf Streiks, um Ergebnisse zu erzwingen. Am Ende erzielte der Gewerkschafter zwar respektable Ergebnisse, der Flur- und damit Imageschaden für die GDL fiel indes immens aus. Denn Claus Weselsky, der härteste Gewerkschafter der Republik, nahm in Kauf, dass die ohnehin chronisch unpünktliche Bahn in Zeiten heftiger Tarifauseinandersetzungen noch unzuverlässiger wird. Das verübelten ihm manche Fahrgäste.
Als 2024 Mario Reiß Lokführer-Chef wurde, lag der Verdacht nahe, dass er Weselskys Brechstangen-Strategie fortsetzt. Beide Gewerkschafter sind ähnlich sozialisiert, erlernten noch zu DDR-Zeiten die Berufe des Schienenfahrzeugschlossers und Lokomotivführers. Und beide Arbeitnehmer-Vertreter sind durchsetzungsstark.
Neuer GDL-Chef setzt sich von Weselsky ab
Doch Reiß setzte sich von Weselsky betont ab, wie sich schon während der Tarifrunde immer mehr abzeichnete. Der 59-Jährige verzichtete klug darauf, anders als sein Vorgänger die Stimmung zwischen den Verhandlungsrunden mit immer neuen zugespitzten öffentlichen Äußerungen und Interviews anzuheizen. Das war zwar schlecht für Journalisten, aber gut für die Sache. Dass die GDL lange streiken kann, wissen die Verantwortlichen der Bahn ohnehin. Strategen wie Reiß lassen ihre Macht durchschimmern, machen von ihr jedoch nicht offensiv Gebrauch. Und auch ohne Krawall hat die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer insgesamt ein Lohn-Plus von fünf Prozent und eine schöne Einmal-Zahlung von 700 Euro ausgehandelt. Das ist ein Erfolg für Reiß. Und die Bahn zeigt mit dem Tarifabschluss, wie wichtig dem Unternehmen Experten in Zeiten des Fachkräftemangels sind.
Reiß ist dank des Abschlusses endgültig eine Größe im Gewerkschaftslager. Er glaubt an die Kraft und damit Durchschlagskraft von Argumenten. Der GDL-Chef nutzte geschickt die Tatsache aus, dass die Bahn mit Evelyn Palla eine neue sympathische Chefin hat, die das Unternehmen konsequent erneuern will und damit auch gewillt wirkt, alte Zöpfe wie die Dauer-Konfrontation mit der GDL abzuschneiden. Denn zur Wahrheit gehört auch: Dass Weselsky derart hart agierte, war auch das Resultat davon, dass ihn die Bahn provozierte.
Es war Zeit für einen Peace-Abschluss bei der Bahn
Mit neuen Personen an der Spitze war die Zeit reif für einen Peace-Abschluss, eben eine Anti-Weselsky-Einigung. Reiß hat die Gunst der Stunde genutzt und das ruppige Erscheinungsbild seiner Gewerkschaft aufpoliert. Leise ist eben meist besser als laut. Und reden ist besser als streiken.
Dabei kann sich der Lokführer-Chef als angenehmen Nebeneffekt von der streiklustigen Gewerkschaft Verdi absetzen, die in den Tarifverhandlungen des Öffentlichen Nahverkehrs weiter auf das Instrument von Arbeitsniederlegungen zulasten von Menschen, die auf Bus, Tram und U-Bahn angewiesen sind, setzt. Perfekter könnte die Dramaturgie für einen Image-Wechsel der GDL nicht sein. Rückfälle sind indes bei der Lokomotivführer-Gewerkschaft nicht ausgeschlossen. Es wird spannend, ob Reiß ein weiterer Peace-Abschluss gelingt.
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