Durch die Energiewende in Deutschland ist an manchen Tagen inzwischen mehr Wind- und Sonnenstrom vorhanden, als Nachfrage nach Elektrizität besteht. Der Strom ist dann an der Börse nicht nur kostenlos zu haben, die Strompreise rutschen immer häufiger ins Negative. „Bei negativen Strompreisen müssen Stromproduzenten den Stromkunden sogar Geld dafür bezahlen, dass diese den überschüssigen Strom abnehmen“, erklärt Professor Manuel Frondel, Energieexperte am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen (RWI). Die Zahl der Stunden mit negativen Strompreisen wächst von Jahr zu Jahr. „2025 gab es mit mindestens 525 Stunden mit negativen Strompreisen wieder einen neuen Rekord“, sagt er. Bereits 2024 zählte man über 450 Stunden.
Von den negativen Preisen können inzwischen Verbraucher profitieren. Möglich machen dies dynamische Stromtarife, die auf den Börsenpreisen beruhen. „Negative Strompreise durch ein Überangebot an Wind- und Solarenergie zeigen das massive Potenzial, das erneuerbare Energien für günstigen Strom in Deutschland haben“, sagt Jannik Schall, Mitgründer und Produktchef des Energieanbieters 1Komma5Grad. Während klassische Stromtarife einen festen Preis pro Kilowattstunde Strom bieten, geben dynamische Tarife den Börsenstrompreis an die Verbraucher weiter. Voraussetzung ist ein intelligenter Stromzähler, ein Smartmeter.
Dynamische Stromtarife: Verbraucher können von negativem Börsenstrompreis profitieren
Bisher sind dynamische Stromtarife eine Nische, gewinnen aber an Zuspruch. Einer Umfrage des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen zufolge, nutzten im Jahr 2024 sieben Prozent der Haushalte einen dynamischen Stromtarif. Es gibt inzwischen zahlreiche Anbieter, darunter 1Komma5Grad, Tibber, Eon, aber auch regionale Unternehmen wie LEW. Die dynamischen Tarife haben aber auch einen großen Nachteil: Ist der Strom an der Börse besonders teuer, weil Wind und Sonne fehlen, zahlen die Kunden ebenfalls 1:1 diesen hohen Preis. Fachleute weisen darauf hin, dass die Tarife deshalb nur dann Sinn haben, wenn man über eine intelligente Steuerung oder einen Batteriespeicher verfügt. Dann kann zum Beispiel Wäsche gewaschen oder das E-Auto und die Batterie geladen werden, wenn der Strom gerade billig ist. Die Stromrechnung könne so um einige Hundert Euro pro Jahr entlastet werden, rechnet 1Komma5Grad vor.
Und noch ein Problem gibt es: Über dynamische Tarife können zwar einzelne Verbraucher profitieren. Die Kosten dafür trägt aber die Allgemeinheit, nämlich der Steuerzahler. Der Grund ist, dass die Betreiber von Wind- und Solaranlagen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz meist eine staatlich garantierte Vergütung für ihren Strom erhalten - auch, wenn dieser an der Börse verschenkt wird. „Die stark steigenden Kosten für diese Ineffizienzen zahlen die Steuerzahler, die die Differenz zwischen den staatlich garantierten Einspeisevergütungen für grünen Strom und dem Börsenstrompreis zu begleichen haben“, erklärt Frondel. „2024 waren das rund 18,5 Milliarden Euro, Tendenz steigend.“ Neue Zahlen folgen erst.
Professor Manuel Frondel, RWI: „Indiz für ökonomische Ineffizienz“
Für Frondel sind die negativen Preise deshalb ein Alarmzeichen: „In einer Marktwirtschaft produziert niemand Güter, für die er kein Geld bekommt, sondern im Gegenteil dafür noch Geld drauflegen muss“, sagt er. „Das ist ein klares Indiz für ökonomische Ineffizienz.“ Der geschenkte oder gar bezuschusste Strom findet seine Nachfrage häufig im Ausland.
„Die Überschusssituationen treten wegen des neuen Solarbooms immer mehr im Sommer auf“, berichtet Frondel. Im Mai gab es 129 Stunden mit negativen Strompreisen, im Juni 141 Stunden. „Dass sich das im Juli nicht fortsetzte, lag nur am schlechten Wetter.“ Aufgrund des neuen Solarbooms gingen an jedem sonnigen Tag die Börsenstrompreise ab 8 Uhr morgens in die Knie, mit starken finanziellen Konsequenzen für die Steuerzahler, warnt der Forscher.
Photovoltaik-Ausbau muss Takt halten mit Ausbau von Speichern, Netzen und Nachfrage
Frondel rät deshalb, es mit dem Bau neuer Photovoltaikanlagen langsamer angehen zu lassen - zumindest bis mehr Speicher oder Abnehmer vorhanden sind: „Börsenpreise von nahe null und darunter zeigen, dass aktuell der Zubau neuer PV-Anlagen kaum Nutzen stiftet, während der überschüssige Solarstrom zunehmend die Stromnetzstabilität gefährdet“, sagt er. „Die Anreize, in neue Anlagen zu investieren, sollten entsprechend gesenkt oder gar ausgesetzt werden, solange Batteriespeicher und die Netze fehlen und die Stromnachfrage stagniert, anstatt zu steigen.“
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