Es gibt dieses oft bemühte, aber deshalb nicht weniger wahre Bild von den Industrie-Nationen: Wie Junkies an der Nadel hängen sie an ihren Zapfsäulen. Öl, Sprit, Benzin und Diesel sind das Heroin der hochentwickelten Volkswirtschaften. Noch immer. Und der Dealer kann so viel verlangen, wie er will, denn der Stoff wird dringlichst benötigt. Ohne fossile Energien setzen sofort massive Entzugserscheinungen ein.
Spritpreise steigen: Wunsch nach Autarkie wird größer
Das ist alles bekannt, erforscht und hinreichend problematisiert. Der Patient weiß, dass er krank ist. Aber wie es nun mal so ist: Vom Eingeständnis, einen schädlichen Hang zu haben, bis zur Anmeldung in der Klinik vergehen oft Jahre. Oder eben Jahrzehnte. Es spricht manches dafür, dass der Iran-Krieg und der zweite Ölpreis-Schock binnen weniger Jahre diesen so seltenen wie glasklaren Moment der Selbsterkenntnis ausgelöst haben. Selbst Menschen mit Benzin im Blut sagen inzwischen: Es reicht. Endgültig. Weg mit dem Verbrenner, her mit E-Auto, Wallbox und Solarzellen auf dem Garagendach. Ölheizung raus, Wärmepumpe rein.
Bisschen übertrieben? Schon klar. Und klar – das vorweg – ist auch, dass viele Menschen gar nicht so schnell in Therapie können, weil diese – also zum Beispiel ein E-Auto – zunächst kostet. Aber etwas hat sich in den vergangenen Wochen verändert. Nicht nur, dass zur Mittagszeit Menschen vor Tankstellen stehen bleiben, um sich die gruselige Zahlendreherei auf den Preistafeln zu vergegenwärtigen. Es ist vor allem das, was daraus folgt: Das kann man freundlich eine massiv gesteigerte Sehnsucht nach Autarkie nennen. Man könnte aber auch sagen: Die Leute haben, mit der Bitte um Entschuldigung, die Schnauze gründlich voll.
Hohe Spritpreise führen zu einem gruseligen Schauspiel an den Tankstellen
Und damit sind gar nicht die zögerlichen und in der Summe bislang ziemlich wirkungslosen Reaktionen der Bundesregierung auf die aktuelle Energiekrise gemeint. Die High-Noon-Maßnahme und das zweimonatige Absenken der Energiesteuer lösen die Abhängigkeit ja nicht, sie sollen nur den Stoff billiger machen. Was mittags um zwölf Uhr bislang kaum gelungen ist und ab Mai, vielleicht, mit minus 17 Cent pro Liter gelingen könnte. Allerdings nur, wenn der Ölpreis bis dahin nicht neue Rekordmarken reißt, weil die Straße von Hormus doppelt abgesperrt bleibt. Dann würden Deutschlands Pendler die 17 Cent gar nicht merken. Was den Willen, sich endlich unabhängig zu machen, nur vergrößern wird.
Zu wünschen wäre daher, dass Schwarz-Rot damit Politik macht. Ein wenig mehr Instinkt, Bauchgefühl, bitte. Wenn sich Wirtschaftsministerin Reiche in ihrem kürzlich erschienenen Gastbeitrag in der FAZ zwar zur Energiewende bekennt, deren Stand dann aber ziemlich kühl analysiert, mag sie Argumente haben. Nur verstärkt es diesen fatalen Eindruck: In der Summe wirkt die Politik dieser Regierung nicht so, als sei ihr die Energiewende wirklich dringlich. Man kann sich fragen, wie hoch der Ölpreis noch steigen muss, damit sich das ändert.
Wie viel Zeit wollen sich Bundesregierungen noch mit der Energiewende lassen?
Und fragen kann man sich auch, wie viel Zeit, wie viel Hin und Her sich Bundesregierungen mit diesem – zugegeben – gigantischen wie zentralen Projekt noch nehmen und leisten wollen. Von verzögertem Stromtrassenbau, über ein-, aus- und nun wieder eingesetzte E-Auto-Förderung, dem abgewickelten Heizungsgesetz über das aufgeweichte Verbrenner-Verbot bis hin zur nächsten gerade von Jens Spahn vollkommen unnötig belebten Atomstromdebatte ist die dominante Konstante: Verunsicherung der Verbraucher. Und Zeitverlust.
So kriegt man Süchtige nicht trocken – selbst, wenn sie es sein wollen.
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