Wenn es nicht vorangeht, müssen Schuldige benannt werden. Weil die deutsche Wirtschaft chronisch schwach ist, suchen Politikerinnen und Politiker vor allem aus dem Lager von CDU und CSU nach Verantwortlichen, auch um davon abzulenken, dass die Bundesregierung den Knoten des wirtschaftlichen Stillstands immer noch nicht durchschlagen hat.
Viele Frauen arbeiten Teilzeit in Deutschland
Eine der Ursachen für die Dauer-Empörung über die mangelhafte Leistungsmoral der Deutschen ist die Fehlinterpretation einer Statistik der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Nach der OECD-Erhebung arbeiten Menschen hierzulande deutlich weniger als Frauen und Männer anderer führender Wirtschaftsnationen. So schuften Griechen oder Amerikaner mehr als wir. Abgesehen davon, dass Arbeitskräfte in Deutschland effizienter als Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern ranklotzen, sollte die Statistik Politikern seltsam anmuten. Relativ schnell würden sie erkennen, dass die Deutschen nicht faul sind.
Die Beschäftigung mit den Analysen von Professor Bernd Fitzenberger, dem Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), reicht dazu. Er könnte Merz, aber auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Gitta Connemann, der Bundesvorsitzenden der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, e rklären, warum sie das Volk falsch einschätzen. Denn der IAB-Vertreter argumentiert zu Recht, „dass in Deutschland mehr Menschen denn je arbeiten“. Nach seinen Untersuchungen liegt auch die Summe der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden auf einem Rekordniveau.
Wie kann das sein? Fitzenberger legt schlüssig dar, dass der Eindruck, es werde zu wenig gearbeitet, vor allem statistisch entstehe, weil gerade Frauen in hohem Maße Teilzeit-Beschäftigungen nachgehen. Dadurch fallen pro Kopf die jährlich abgeleisteten Stunden niedriger aus als in vielen Ländern mit deutlich weniger Teilzeit.
Dass vor allem Frauen in so hohem Maße weniger Stunden pro Woche tätig sind, liegt (leider) daran, dass der Großteil der Erziehungsarbeit für Kinder und der Sorgearbeit für pflegebedürftige Angehörige an ihnen hängen bleibt. Das wäre doch mal ein Thema für Dauer-Kritik von Merz, Söder und Connemann. Letztere Politikerin gibt sich zwar reumütig, dass ein Antrag für den CDU-Parteitag mit der Überschrift „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Freizeit“ versehen wurde, aber nun ist diese erneute Bürgerbeschimpfung in der Welt und auch mit ihrem Namen verbunden.
Allen, die glauben, die wirtschaftliche Situation in Deutschland könnte sich spürbar verbessern, wenn nur das Recht auf Teilzeit eingeschränkt würde, ist wiederum Fitzenberger empfohlen, verweist er doch darauf, dass dann der Frankreich-Effekt drohe. Schließlich wurde dort für Teilzeitverträge eine Mindest-Wochenarbeitszeit von durchschnittlich 24 Stunden durchgesetzt. Reichlich Frauen sagten daraufhin ihren Jobs Adieu.
Das sind die wahren Wirtschaftsprobleme
Politiker der Union wären gut beraten, sich den wahren ökonomischen Problemen Deutschlands zuzuwenden und die Arbeitsmoral-Debatte zu beenden: Trotz allen guten Willens schnürt die exzessive Bürokratie Unternehmern die Luft zum Atmen ab. Zudem muss der Anreiz, zu arbeiten, durch deutliche Steuer- und Abgabenentlastungen gefördert werden. Die Wirtschaftsnation hat noch ein dickes Problem: Im Schnitt sind die Menschen bei Weitem nicht mehr so produktiv wie früher.
Das nagt an der deutschen Erfolgsformel, die über Jahrzehnte hinweg immer höhere Löhne garantiert hat. Auch dieses Thema taugt nicht für Populismus. Vielleicht kann der Einsatz künstlicher Intelligenz helfen. Die Herausforderungen für Deutschland sind enorm und komplex. Gefragt sind Dickbrettbohrer mit Differenzierungsgabe.
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