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Sicherheitsbedenken: Wie kriegstüchtig sind Deutschlands Atommüll-Zwischenlager?

Gundremmingen

Wie kriegstüchtig ist ein deutsches Atommüll-Zwischenlager?

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    Im Zwischenlager in Gundremmingen für hochradioaktive Abfälle stehen abgebrannte Brennstäbe, bis eines Tages ein unterirdisches Endlager zur Verfügung steht.
    Im Zwischenlager in Gundremmingen für hochradioaktive Abfälle stehen abgebrannte Brennstäbe, bis eines Tages ein unterirdisches Endlager zur Verfügung steht. Foto: Bernhard Weizenegger

    Der 15. April 2023 zog einen Schlussstrich unter die Nutzung der Kernenergie in Deutschland. Die letzten drei deutschen Atomkraftwerke wurden abgeschaltet. Bleiben werden aber die Hinterlassenschaften des Atomzeitalters. Die Suche nach einem Endlager für die hochradioaktiven Rückstände – die abgebrannten Brennelemente – läuft. Bis ein Standort gefunden ist, werden diese oberirdisch gelagert. Die Zwischenlager befinden sich meist in direkter Nachbarschaft der alten Kraftwerke.  Nun fordern Kritiker angesichts der geopolitischen Lage und des Kriegs in der Ukraine eine Neubewertung der Sicherheit dieser Zwischenlager. „Es fehlt ein Szenario, was bei einem Krieg mit den Zwischenlagern passieren würde“, sagt Raimund Kamm, Vorstand der Bürgerinitiative „Forum“, die sich gegen das Zwischenlager im schwäbischen Gundremmingen einsetzt. „Wenn man hinnimmt, dass die Zwischenlager noch Jahrzehnte existieren werden, muss man sich dieser Frage stellen.“  

    Im Zwischenlager in Gundremmingen im Kreis Günzburg - einer Halle aus Beton - stehen nach Angaben der Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) des Bundes derzeit 148 Castor-Behälter. In Bayern gibt es weitere Zwischenlager im fränkischen Grafenrheinfeld und in Niederbayern am Standort des früheren AKW Isar. In Baden-Württemberg finden sich Zwischenlager in Neckarwestheim und Philippsburg. Die abgebrannten Brennelemente in den Castoren zählen zu den gefährlichsten Stoffen, die die Menschheit produziert hat. „Man könnte damit allen Menschen der Erde eine tödliche Dosis verabreichen“, sagt Kamm. Da die Brennelemente über tausende Jahre strahlen, soll ein Endlager geschaffen werden, das mindestens 300 Meter unter der Erde liegt und Sicherheit für eine Million Jahre bietet. Der Prozess allerdings verzögert sich. Hatte man ursprünglich das Ziel, bis 2031 einen Standort zu finden, hofft man bei der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) inzwischen, dies bis 2046 zu schaffen. Mit Genehmigung, Bau und Einlagerung dürfte es bis ins nächste Jahrhundert dauern, bis der hochradioaktive Atommüll unter der Erde ist. Bis dahin müssen Zwischenlager die Castor-Behälter sicher verwahren. Daran gibt es aber immer wieder Zweifel.     

    Bürgerinitiative: Zwischenlager sind bei kriegerischen Auseinandersetzungen nicht sicher

    „Schon vor den Anschlägen am 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York haben wir die größte Gefahr für die Zwischenlager in Terroranschlägen gesehen“, sagt Kamm. Jetzt fordert seine Initiative angesichts des Ukraine-Kriegs und der Lehren daraus eine Neubewertung der Sicherheit der Anlagen: „Die heutigen Zwischenlager sind nicht terrorsicher, geschweige denn sicher bei kriegerischen Auseinandersetzungen, gerade auch asymmetrischen Angriffen“, schreibt die Initiative in einer Stellungnahme zum Nationalen Entsorgungsprogramm, das die Bundesregierung derzeit aktualisiert. „Die Bundesregierung hat erklärt, Deutschland müsse kriegstüchtig werden. Ein Land mit oberirdischen Zwischenlagern, in denen jeweils tausende Kilogramm Plutonium stecken, von denen schon wenige Mikrogramm eine tödliche Dosis sein können, ist militärisch nicht zu verteidigen“, warnt die Initiative.

    In Gundremmingen wurde bis 2023 Strom aus Kernkraft produziert, heute läuft der Rückbau.
    In Gundremmingen wurde bis 2023 Strom aus Kernkraft produziert, heute läuft der Rückbau. Foto: Bernhard Weizenegger

    Das Nationale Entsorgungsprogramm hat aus Sicht der Initiative mehrere Schwachpunkte. „Es fehlt ein vertrauenswürdiger Zeitplan, ab und bis wann die oberirdischen Zwischenlager geräumt werden“, kritisiert Kamm. „Wir brauchen eine Beschleunigung der Endlagersuche“, fordert er. Bleiben die Zwischenlager für Jahrzehnte bestehen, müssten sie ertüchtigt oder neu gebaut werden, sagt er. In den süddeutschen Zwischenlagern ist eine Wandstärke von 85 Zentimetern üblich, in den norddeutschen dagegen 1,2 Meter. Zudem fordert die Initiative, die Zahl der Zwischenlagen zu überprüfen, bisher gibt es 16 davon. „Fünf Zwischenlager lassen sich sicherlich leichter überwachen als 16“, gibt Kamm zu bedenken. Zudem fordert die Initiative, dass die BGE und das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) als Aufsichtsbehörde unabhängig vom Umweltministerium sein sollen – nach dem Erfolgsmodell der Bundesbank.     

    Umweltministerium Bayern: Betreiber muss keine Vorkehrungen gegen kriegerische Auseinandersetzungen treffen

    Wie kriegstüchtig aber wären die Zwischenlager letztlich wirklich? Die Auskünfte der Behörden deuten darauf hin, dass die Anlagen gegen Terror geschützt sind, im Kriegsfall aber auch auf eine Verteidigung durch die Bundeswehr oder andere Einsatzkräfte angewiesen wären. Dem bayerischen Umweltministerium zufolge verfügt zum Beispiel das Zwischenlager Gundremmingen über den nach Atomgesetz erforderlichen Schutz gegen kriminelle Handlungen oder terroristische Taten. Dies schließe auch einen erzwungenen Flugzeugabsturz mit ein, sagt eine Sprecherin, schränkt aber ein: „Kriegerische Einwirkungen eines Drittstaates gehören nicht zu den Störmaßnahmen, gegen die der Betreiber eines Zwischenlagers für hochradioaktive Vorkehrungen treffen muss.“ Die Abwehr von kriegerischen Einwirkungen liege im Verantwortungsbereich des Bundes.

    „Es fehlt ein vertrauenswürdiger Zeitplan, ab und bis wann die oberirdischen Zwischenlager geräumt werden“, kritisiert Raimund Kamm, Vorstand der Bürgerinitiative „Forum - Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik.“
    „Es fehlt ein vertrauenswürdiger Zeitplan, ab und bis wann die oberirdischen Zwischenlager geräumt werden“, kritisiert Raimund Kamm, Vorstand der Bürgerinitiative „Forum - Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik.“ Foto: Julia Sewerin

    Der BGZ als Betreiberin der Zwischenlager erklärt: „Grundsätzlich bieten die baulichen, technischen, personellen und administrativ-organisatorischen Abwehrmaßnahmen an den Zwischenlagern auch einen gewissen Schutz bei kriegerischen Angriffen und Auseinandersetzungen.“ Um gegen Angriffe geschützt zu sein, stimmten die Zwischenlager-Betreiber und der Staat ihre Abwehrmaßnahmen eng aufeinander ab: „Die Maßnahmen der BGZ müssen Angriffe so lange abwehren, bis staatliche Kräfte am Zwischenlager eintreffen.“

    Zusätzliche Stahlbetonwände am Zwischenlager Gundremmingen nach 9/11

    Generell seien die Zwischenlager gegen Naturphänomene wie Erdbeben, Brände oder Blitzeinschläge geschützt, berichtet die BGZ. Auch die Folgen eines gezielten Flugzeugabsturzes seien am Beispiel eines großen Verkehrsflugzeugs vom Typ Airbus A380 geprüft worden. „Das Ergebnis: Selbst in einem solch unwahrscheinlichen Ereignis ist der erforderliche Schutz gewährleistet“, teilt die BGZ mit. „Nach den Terrorangriffen des 11. September etwa wurden am Zwischenlager Gundremmingen zusätzliche Stahlbetonwände errichtet.“ Darüber hinaus müsse jedes Zwischenlager gegen mutwillige Beschädigung, gezieltes Eindringen oder die Entwendung von Kernbrennstoffen geschützt sein. Die Sicherheit ergibt sich nach Darstellung der BGZ aus einer Kombination mehrerer Maßnahmen, nämlich dem Einschluss des radioaktiven Materials in den Castor-Behältern aus Stahl, dem Gebäude und zusätzlich dem Objektschutz, beispielsweise durch Sicherheitskräfte.

    Das Zwischenlager in Gundremmingen hat übrigens eine Genehmigung bis 2046. Für die Zeit danach werde die BGZ, „rechtzeitig eine neue Zwischenlagergenehmigung beantragen“.    

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