An diesem Tag ist es EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die durch den Rauch geschickt und mit dem Ritual der Ureinwohner Australiens empfangen wird. Die traditionelle Räucher-Zeremonie soll böse Geister vertreiben und einen Neuanfang markieren. Und weil die Staatengemeinschaft dieser Tage beim Thema Handel alles an Neuanfängen gebrauchen kann, ließ sich von der Leyen nur allzu gerne so begrüßen. Für die EU erschien das andere Ende der Welt plötzlich sehr nah. Nach achtjährigen Verhandlungen besiegelten die Europäer und Australien ein umfassendes Freihandelsabkommen, das Zölle auf fast alle Waren und Handelshemmnisse abbauen soll.
Europas Firmen sind eingeklemmt zwischen China und den USA
Die Kommission rechnet vor, dass die Vereinbarung Unternehmen in der EU jährlich mehr als eine Milliarde Euro an Sonderabgaben für Ausfuhren nach Australien ersparen wird. Dabei hatten Beobachter lange nicht mehr an eine Einigung geglaubt, zu groß schienen die Differenzen. Dann aber wuchs der Druck durch die unberechenbare US-Regierung. Europas lahmende Exportwirtschaft ist eingeklemmt zwischen der selbstbewusst auftretenden Volksrepublik China und der aggressiven Zollpolitik der Vereinigten Staaten.
US-Präsident Donald Trump wurde in gewisser Weise zum bösen Geist im transatlantischen Verhältnis. Ganz vertreiben lässt sich dieser zwar nicht durch das neue Abkommen mit Australien. Von der Leyen aber betonte, man sende „ein starkes Signal an den Rest der Welt, dass in Zeiten der Turbulenzen Freundschaft und Zusammenarbeit das Wichtigste sind“.
Maschinenbauer, Autoindustrie und Landwirte sollen profitieren
Die Gemeinschaft forciert mit neuer Dringlichkeit die Suche nach verlässlichen Partnern in einer zunehmend unsicheren Welt. Sie findet sie in Südamerika, in Indien oder nun in Canberra. Die EU und Australien seien geografisch weit voneinander entfernt, sagte von der Leyen, doch in der Sicht auf die Welt könne man einander kaum näher sein. Einen ähnlichen Ton schlug Bernd Lange (SPD) an. „Europa steht für offenen, fairen und regelbasierten Welthandel – gegen Protektionismus und nationale Alleingänge“, sagte der Vorsitzende des Handelsausschusses des EU-Parlaments. Die größten Profiteure sieht die Kommission in der Maschinenbau- und Chemie-Branche, Landwirtschaft sowie in der Fahrzeugindustrie.
Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, Hildegard Müller, sprach denn auch von „erheblichen Chancen“ für die Deutschen. Es wird erwartet, dass der bilaterale Handel in den kommenden zehn Jahren um ein Drittel zunimmt, Exporte aus den Mitgliedstaaten nach Australien könnten jährlich bis zu 17,7 Milliarden Euro wachsen, hieß es. Darüber hinaus soll die Gemeinschaft einen besseren Zugang zu Australiens strategisch wertvollen Rohstoffen wie Seltenen Erden und Lithium bekommen.
Europa soll der Zugang zu Rohstoffen erleichtert werden
Neben den Zollerleichterungen hat der Deal, das betonen EU-Beamte regelmäßig, vor allem eine geopolitische Dimension. Eine zusätzliche Vereinbarung zu kritischen Mineralien soll die Abhängigkeit von unsicheren Lieferketten verringern. Die Einigung sei „ein echter Gamechanger für die europäische Rohstoffversorgung“, lobte Lange.
Bis zuletzt stritten die Verhandlungspartner über bestimmte Agrarprodukte. Für die Europäer lag der Fokus auf jenen Waren, deren Namen in der Gemeinschaft geschützt sind und die bestimmte Herstellungskriterien erfüllen müssen wie etwa Parmaschinken oder Feta-Käse. Der Kompromiss sieht deshalb vor, dass die Australier zwar Produkte unter den Begriffen „Parmesan“ oder „Prosecco“ weiterhin herstellen und verkaufen dürfen. Ein Export ist jedoch nicht erlaubt. Bezeichnungen wie „Feta“, „Romano“ oder „Gruyère“ werden derweil nach und nach abgeschafft.
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