Die Europäer kaufen so viel Kleidung und Schuhe wie nie. Fast Fashion boomt. So erstand jeder EU-Bürger im Jahr 2022 im Schnitt 19 Kilogramm Textilien – „genug, um einen großen Koffer zu füllen“, wie es vonseiten der Europäischen Umweltagentur EEA heißt. Doch viele Hosen, Hemden oder Hüte landen schnell wieder im Müll. Der EU-Kommission zufolge produziert jeder Bürger der Gemeinschaft im Jahr 15 Kilogramm Textilabfälle pro Person. Die Folge: hohe Belastungen für die Umwelt und das Klima. Die Herstellung eines einzelnen Baumwollhemds etwa benötigt laut Brüsseler Behörde 2700 Liter Wasser. Ähnlich sieht es aus bei Lebensmitteln. Durchschnittlich 130 Kilogramm Essensabfälle fallen laut Kommission pro Person in der Union pro Jahr an.
Die EU will nun gegen die Verschwendung vorgehen – „von der Produktion bis in unsere Küchen“, wie es die SPD-Europaabgeordnete Delara Burkhardt zusammenfasste. Mit neuen Maßnahmen sollen Wasser, Düngemittel und Energie für die Herstellung von Lebensmitteln gespart werden, die später ohnehin auf dem Müll landen. Am Dienstag stimmte das EU-Parlament final für die neue Abfallrahmenrichtlinie. Demnach gibt es bis 2030 „verbindliche Reduktionsziele“: Die Mitgliedstaaten sollen dafür sorgen, den Lebensmittelabfall von Händlern und Privathaushalten wie auch in Restaurants in den nächsten fünf Jahren um 30 Prozent zu verringern. Die Menge an Essensabfällen bei der Verarbeitung und Herstellung soll um zehn Prozent sinken.
Die Regeln nehmen darüber hinaus Modeketten und Produzenten von Kleidung, Accessoires und Schuhen in die Verantwortung. So müssen die Hersteller künftig die Kosten für das Einsammeln, die Sortierung, das Recycling und die Entsorgung alter Textilien übernehmen. Die Vorgaben gelten sowohl für Kleidung als auch für Schuhe, Bettlaken, Vorhänge, Matratzen, Hüte und Küchentextilien. Insbesondere den „Fast-Fashion-Trend“ will die Gemeinschaft stoppen oder gar umkehren. So bietet die Richtlinie den Mitgliedstaaten die Möglichkeit, die Höhe der bald fälligen Gebühr für Textilhersteller und Modemarken davon abhängig zu machen, ob die Produkte strapazierfähig sind und mit dem Ziel genäht, gestickt oder gestrickt wurden, lange zu halten.
Wegwerf-Kleidung soll vermieden werden
Firmen, die auf Wegwerfkleidung setzen, die oft nach wenigen Malen Tragen kaputtgeht, könnten bald also mehr bezahlen müssen, um sich an der Entsorgung ihrer Altkleider zu beteiligen. „Wer billig produziert, muss endlich teuer entsorgen“, lobte Burkhardt. „Noch immer landen Berge ungetragener Kleidung auf Deponien – und die Entsorgungskosten tragen bisher Kommunen und damit die Steuerzahler.“ Viele Vereine und Unternehmen etwa stellen die Altleider-Sammlung gerade ein, weil zu viel Schrott in den Sammelcontainern landet und das Aussortieren damit zu teuer wird. Mit der neuen Richtlinie müssten erstmals die Textilhersteller selbst Verantwortung übernehmen. Das mache Überproduktion „teurer“ und schaffe „Anreize für eine nachhaltigere Herstellung“, so Burkhardt. Nach Angaben der EU werden derzeit weniger als ein Prozent aller Textilien weltweit recycelt. Das Parlament hofft, dass die Maßnahmen den Auswirkungen billiger Textilimporte, insbesondere aus China, entgegenwirken können.
Sobald die Regeln in den nächsten zwei bis drei Wochen im Amtsblatt der EU veröffentlicht sind, haben die Mitgliedstaaten 20 Monate Zeit, um sie in nationales Gesetz zu gießen. Sie gelten auch für Onlineplattformen ohne Sitz in der EU wie die aus China stammenden Billiganbieter Shein und Temu.
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